Sterbehilfe

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Dr. A. Flaccus
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Re: Sterbehilfe

Beitrag von Dr. A. Flaccus » 04.11.15, 14:41

Ein ganz anderer Aspekt - der von mir hier bereits einmal erwähnt wurde - bleibt vor dem Hintergrund aller Gesetzentwürfe unklar:

Suzid ist in Deutschland per Definition eine nicht-natürliche Todesart und die Polizei muß informiert werden.

Das ist im übrigen auch in der Schweiz so:
Ein anderer Arzt als der Sterbehelfer muß den Totenschein ausfüllen. Außerdem werden sämtliche Dokumente, wie zum Beispiel Begleitungsprotokoll, Freitoderklärung und Krankenberichte, der örtlichen Polizei übergeben, bei der der abzusehende unnatürliche Tod bereits im voraus angemeldet ist.

Quelle: http://flexikon.doccheck.com/de/FlexiEs ... er_Schweiz

Man lese mal genau hin: "der örtlichen Polizei übergeben, bei der der abzusehende unnatürliche Tod bereits im voraus angemeldet ist."

Ehrlich gesagt ist die Vorstellung ("morgen bekommt Herr X seinen Todestrank") für mich sehr befremdlich.

In Deutschland müßten dazu 16 einzelne Bestattungsgesetze (Ländersache!) geändert werden, um hier ein geordnetes Verfahren zu etablieren.

Wie mag das wohl funktionieren?

A. Flaccus
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Timmie2
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Re: Sterbehilfe

Beitrag von Timmie2 » 05.11.15, 15:48

Dr. Flaccus hat geschrieben:Ein ganz anderer Aspekt - der von mir hier bereits einmal erwähnt wurde - bleibt vor dem Hintergrund aller Gesetzentwürfe unklar:

Suzid ist in Deutschland per Definition eine nicht-natürliche Todesart und die Polizei muß informiert werden....

Man lese mal genau hin: "der örtlichen Polizei übergeben, bei der der abzusehende unnatürliche Tod bereits im voraus angemeldet ist.

In Deutschland müßten dazu 16 einzelne Bestattungsgesetze (Ländersache!) geändert werden, um hier ein geordnetes Verfahren zu etablieren
Sie verkennen, dass alle zur Abstimmung vorgelegten Gesetzesentwürfe eine Verschärfung der bestehenden Rechtslage vorsehen. Noch ist Suizidbeihilfe straffrei. Ihre Argumentation geht somit an der derzeitigen Debatte vollkommen vorbei.

Dr. A. Flaccus
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Re: Sterbehilfe

Beitrag von Dr. A. Flaccus » 05.11.15, 16:27

@ Timmie2: Sie verkennen, das diese Thema in Angriff genommen werden muß, sobald einer der vorgeschlagenen Gesetzentwürfe eine Mehrheit bekommen sollte.

Damit ist das Thema alles andere als irrelevant.
Noch ist Suizidbeihilfe straffrei.

Das trifft für Ärzte - wie Sie wissen! - nicht uneingeschränkt zu. Es kommen begleitend durchaus die Straftatbestände der "unterlassenen Hilfeleistung" sowie ein Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz in Frage. Auch die sog. "Garantenstellung" darf nicht außer Acht gelassen werden.

Der heutig formale Weg wäre so: Suizid :arrow: Meldung an die Polizei :arrow: Ermittlung durch speziell ausgebildete Polizisten (sog. "Todesermittler") :arrow: Erkenntnis: Arzt stellte Medikamente zur Verfügung :arrow: Ermittlung gegen der Arzt und entsprechende Meldung an den Staatsanwalt :arrow: Ausgang völlig unklar...

Kann sein, das der Arzt bei vorliegender "ausdrücklicher Willensbekundung" schnell wieder aus dem Verfahren entlassen wird...es kann aber auch sein, das genau dies nicht passiert.

:arrow: http://www.br.de/fernsehen/das-erste/se ... e-100.html

A. Flaccus

Timmie2
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Re: Sterbehilfe

Beitrag von Timmie2 » 05.11.15, 19:54

Den Fall des Notarztes hatten wir bereits diskutiert ebenso wie die Garantenpflicht und andere Argumente. Es ist müßig, die Diskussion immer wieder von vorne aufzurollen. Was mich aber wirklich schockiert ist Ihre Aussage zum Suizid:
Dr. Flaccus hat geschrieben:Wenn man sagt: "Der Doktor kann Ihnen ja etwas geben", ruft das meiner Meinung nach einen Stimmungswechsel in der Gesellschaft hervor. Es ist ein Unterschied, ob man sich für einen Suizid anstrengen muß oder ob er - mit den richtigen Argumenten - relativ leicht "per Rezept" erhältlich ist.
Das ist schon mehr als zynisch angesichts der Tatsache, das eine Vielzahl von Suizidversuchen mit oft verheerenden Folgen scheitern. Mit dem angeblich gesellschaftlichen Druck wurde schon 2009 im Bundestag bei der Neuregelung zur Patientenverfügung argumentiert. Bis heute ist man entsprechende Nachweise für diese Behauptung schuldig geblieben, alle vorliegenden Fakten sprechen allerdings dagegen. Trotz aller "Anstrengungen" stehen den jährlich etwa 300 Fällen assistierten Suizids 100.000 versuchte Selbsttötungen entgegen.
Dr. Flaccus hat geschrieben:Sie verkennen, das diese Thema in Angriff genommen werden muß, sobald einer der vorgeschlagenen Gesetzentwürfe eine Mehrheit bekommen sollte.
Alle Gesetzesentwürfe setzten auf Kriminalisierung von Sterbehilfe und schaffen nicht Rechtssicherheit sondern weitere Rechtsunsicherheiten. Wie grenzt man gewerbs- bzw. geschäftsmäßige Suizidbeihilfe ab? Kein Arzt würde mehr Sterbehilfe leisten, weil er Strafverfolgung fürchten muss. Das käme de facto einem Verbot der Sterbehilfe gleich.

Christianes Herz
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Re: Sterbehilfe

Beitrag von Christianes Herz » 05.11.15, 23:10

Timmie2 hat geschrieben: Was mich aber wirklich schockiert ist Ihre Aussage zum Suizid:
Dr. Flaccus hat geschrieben:Wenn man sagt: "Der Doktor kann Ihnen ja etwas geben", ruft das meiner Meinung nach einen Stimmungswechsel in der Gesellschaft hervor. Es ist ein Unterschied, ob man sich für einen Suizid anstrengen muß oder ob er - mit den richtigen Argumenten - relativ leicht "per Rezept" erhältlich ist.
Das ist schon mehr als zynisch angesichts der Tatsache, das eine Vielzahl von Suizidversuchen mit oft verheerenden Folgen scheitern. Mit dem angeblich gesellschaftlichen Druck wurde schon 2009 im Bundestag bei der Neuregelung zur Patientenverfügung argumentiert. Bis heute ist man entsprechende Nachweise für diese Behauptung schuldig geblieben, alle vorliegenden Fakten sprechen allerdings dagegen. Trotz aller "Anstrengungen" stehen den jährlich etwa 300 Fällen assistierten Suizids 100.000 versuchte Selbsttötungen entgegen.
Ich habe auch erst „geschluckt“ als ich diese Formulierung las. Aber sie fiel ja im Zuge der Beantwortung meiner Frage, ob die Hemmschwelle durch ein evtl. erweitertes Angebot sinken könnte. So habe ich es verstanden, nicht so sehr zynisch.

Heute wurde die Hilfe im Sterben angegangen und das Gesetz zur Verbesserung der Hospiz- und Palliativversorgung

http://www.bundesgesundheitsministerium ... esung.html

wurde vom Bundestag beschlossen. Dies gilt als Voraussetzung für die morgen evtl. anstehende Entscheidung über Sterbehilfe / Sterbebegleitung

https://www.bundestag.de/dokumente/text ... ung/392446

Es würde mehr Sinn machen, wenn dem o. a. Hospiz- und Palliativversorgungsgesetz mehr Zeit zum Wirken gegeben worden wäre. Darin steht schon viel, um uns etwas von der Angst vor dem Sterben zu nehmen.

Frdl. Grüße
Christiane

Timmie2
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Re: Sterbehilfe

Beitrag von Timmie2 » 06.11.15, 00:28

Christianes Herz hat geschrieben:Ich habe auch erst „geschluckt“ als ich diese Formulierung las. Aber sie fiel ja im Zuge der Beantwortung meiner Frage, ob die Hemmschwelle durch ein evtl. erweitertes Angebot sinken könnte. So habe ich es verstanden, nicht so sehr zynisch
Genau das wird ja immer behauptet, den Nachweis dafür ist man aber bislang schuldig geblieben. Ich glaube nicht, dass durch ein Verbot der Suizidbeihilfe auch nur ein Suizid verhindert werden kann, außer der Patient wäre selbst in vollständig hilfloser Lage. Diese Patienten werden sich doch eher zurückziehen und Ärzte gar nicht erst in ihre Pläne einweihen, damit wird aber auch die Chance zur Beratung verwirkt.
Christianes Herz hat geschrieben:Heute wurde die Hilfe im Sterben angegangen und das Gesetz zur Verbesserung der Hospiz- und Palliativversorgun wurde vom Bundestag beschlossen. Dies gilt als Voraussetzung für die morgen evtl. anstehende Entscheidung über Sterbehilfe / Sterbebegleitung.
Es würde mehr Sinn machen, wenn dem o. a. Hospiz- und Palliativversorgungsgesetz mehr Zeit zum Wirken gegeben worden wäre. Darin steht schon viel, um uns etwas von der Angst vor dem Sterben zu nehmen
Mal Hand aufs Herz, glaubst Du noch den schönen Reden unserer Politiker? Die Verbesserung der Palliativversorgung ist notwendig, das steht doch außer Frage. Ich halte es aber für unredlich die Verbesserung der Palliativversorgung gegen Sterbehilfe auszuspielen. Beides hat seine Berechtigung. Selbst wenn wir eine optimale Palliativversorgung hätten, wovon wir noch Lichtjahre entfernt sind, wird es immer auch Fälle geben, in denen diese Versorgung nicht ausreicht oder Patienten sich dagegen entscheiden.

Das Argument, man müsse den Patienten nur die Angst vor dem Sterben nehmen, wie oft von Sterbehilfegegnern argumentiert wird, halte ich für vollständig haltlos. Die Mehrzahl der Bürger möchte diese Wahlmöglichkeit haben, aber nur eine geringe Anzahl von Patienten nimmt das Angebot auch wahr. Die Patienten aber, die diesen Schritt gehen, tun dies wohlbedacht und haben dafür ihre Gründe. Es ist eine gesellschaftliche Aufgabe diese Patienten zu beraten und zu begleiten aber nicht sie zu bevormunden und ihnen damit den letzten Rest von Würde zu nehmen.

Dr. A. Flaccus
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Re: Sterbehilfe

Beitrag von Dr. A. Flaccus » 06.11.15, 08:59

Was mich aber wirklich schockiert ist Ihre Aussage zum Suizid: (...) Das ist schon mehr als zynisch angesichts der Tatsache, das eine Vielzahl von Suizidversuchen mit oft verheerenden Folgen scheitern.
Dazu sollten wir hier erstmal klären worüber wir eigentlich reden, Timmie2.

Glauben Sie mir, ich habe schon eine "Vielzahl von Suizidversuchen mit oft verheerenden Folgen" gesehen. Und ich versuche mich gerade zu erinnern, wieviel im Laufe meiner mittlerweile über 20jährigen Tätigkeit auf einer unheilbaren Erkrankung - und damit meine ich jetzt keine psychische Erkrankung - beruhten.

Das sind sehr, sehr wenige - die Zahl ist sicher nicht mal zweistellig (bei insgesamt sicher weit über 100 Suiziden und Suizidversuchen). Was ich damit sagen will: Der aktive Sterbewunsch bei unheilbarer Erkrankung ist ein extrem seltenes Ereignis.
Ich erlebe bei meiner täglichen Arbeit vielmehr Menschen, die trotz absehbar unheilbarer Erkrankung ersteinmal wollen, das alles versucht wird, um das Leben zu verlängern. Dafür unterziehen sich Patienten großen Operationen und sie wissen, das sie lange auf der Intensivstation liegen werden.
Ich kläre darüber klar und deutlich auf. Und das Ergebnis ist in fast allen Fällen: "ich möchte auf jeden Fall operiert werden."

Und genau da ist meine Aussage einzuordnen: Wenn man versucht, Suizid-Regeln zu etablieren, senkt man möglicherweise die Hemmschwelle und die bisher sehr kleine Gruppe von Suizid-Willigen wird möglicherweise größer.
Ob das so eintritt, weiß ich auch nicht genau. Ich bin kein Hellseher und es hängt sicher sehr davon ab, wie ein solches Gesetz am Ende aussieht.
Aber anhand meiner ganz persönlichen Erfahrungen befürchte ich, das es so eintritt.
Ich habe auch erst „geschluckt“ als ich diese Formulierung las. Aber sie fiel ja im Zuge der Beantwortung meiner Frage, ob die Hemmschwelle durch ein evtl. erweitertes Angebot sinken könnte. So habe ich es verstanden, nicht so sehr zynisch.
Danke Christiane, Sie haben mich offenbar besser verstanden. :)

A. Flaccus

mandel
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Re: Sterbehilfe

Beitrag von mandel » 06.11.15, 09:31

Dr. A. Flaccus hat geschrieben: Was ich damit sagen will: Der aktive Sterbewunsch bei unheilbarer Erkrankung ist ein extrem seltenes Ereignis.
....
Und genau da ist meine Aussage einzuordnen: Wenn man versucht, Suizid-Regeln zu etablieren, senkt man möglicherweise die Hemmschwelle und die bisher sehr kleine Gruppe von Suizid-Willigen wird möglicherweise größer.
Ob das so eintritt, weiß ich auch nicht genau. Ich bin kein Hellseher und es hängt sicher sehr davon ab, wie ein solches Gesetz am Ende aussieht.
Aber anhand meiner ganz persönlichen Erfahrungen befürchte ich, das es so eintritt.
...

Hallo zusammen,

wenn der Wunsch bei aussichtsloser Krankheit da ist, sollte man ihn auch respektieren und ermöglichen. Mir ist klar, dies ist mit juristischen Problemen in der Umsetzung verbunden. Doch sollte das Ziel schon sein, jemandem, der es wünscht, einen würdevollen Tod zu ermöglichen.

@Dr. Flaccus: Sehen Sie es als problematisch an, wenn die Zahl derer steigen würde, bzw. wo liegt da genau das Problem? Vll. gibt es auch heute schon viele die es gerne würden jedoch mangels juristischer Möglichkeit nicht kommunizieren.

schöne Grüße

Timmie2
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Re: Sterbehilfe

Beitrag von Timmie2 » 06.11.15, 14:23

Die schlimmsten Befürchtungen haben sich bewahrheitet, das Gesetz ist durch. Die Heuchler in Politik und Kirche haben sich durchgesetzt. Wer es nicht in die Schweiz schafft, darf in Deutschland elendig verrecken. Bleibt nur die Hoffnung, dass das Bundesverfassungsgericht dieses erbärmliche Gesetz kassiert.

Christianes Herz
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Re: Sterbehilfe

Beitrag von Christianes Herz » 06.11.15, 15:51

Timmie2 hat geschrieben:Die schlimmsten Befürchtungen haben sich bewahrheitet, das Gesetz ist durch. Die Heuchler in Politik und Kirche haben sich durchgesetzt. Wer es nicht in die Schweiz schafft, darf in Deutschland elendig verrecken. Bleibt nur die Hoffnung, dass das Bundesverfassungsgericht dieses erbärmliche Gesetz kassiert.
Timmie, Timmie, Timmie!

Das Gesetz stellt auf den Begriff der Geschäftsmäßigkeit ab. Geschäftsmäßig ist alles, was wiederholt wird oder zu Wiederholungen führt, egal ob un- oder bezahlt. Damit wollte man Herrn Kusch und Co. den Wind aus den Segeln nehmen.

Aber:

“Eindeutig nicht strafbar ist demgegenüber die sogenannte Hilfe beim Sterben, die durch medizinisches und pflegerisches Personal etwa in Krankenhäusern, Pflegeheimen, Hospizen und anderen palliativmedizinischen Einrichtungen geleistet wird. “

Vermieden werden sollte, dass die Hilfe zum bezahlten Dienst wird, eine Gebührenordnungsnummer o. ä. wird.

Was ist für Dich jetzt das Erschreckendste an dem u. a. (der ist doch aktuell ?) Gesetzesentwurf?

http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/18/053/1805373.pdf

Wichtig für uns alle (Arzt/sterbewilliger Patient + Angehörige) ist vor allem (nach meiner persönl. Meinung):

“Die „Hilfe beim Sterben“, die Angehörige von Heilberufen im Rahmen medizinischer Behandlung, z. B. in Krankenhäusern, Hospizen und anderen palliativmedizinischen Einrichtungen leisten, fällt ebenfalls nicht unter § 217 StGB-E. Die Hilfe zum Suizid entspricht – anders als der gerechtfertigte Behandlungsabbruch (früher: „passive Sterbehilfe“) oder die sogenannte indirekte Sterbehilfe – nicht dem Selbstverständnis dieser Berufe und Einrichtungen und wird daher von diesen grundsätzlich auch nicht gewährt.
Sollte im Einzelfall aber gleichwohl von diesem Personenkreis Suizidhilfe gewährt werden, geschieht dies typischerweise gerade nicht „geschäftsmäßig“, also in der Absicht, dies zu einem wiederkehrenden oder dauernden Bestandteil der Beschäftigung zu machen.
Einer besonderen Ausschlussregelung bedarf es daher nicht. Unberührt bleiben auch die bereits erwähnten und von der Suizidhilfe zu unterscheidenden Formen des zulässigen Behandlungsabbruchs und der indirekten Sterbehilfe.”

Frdl. Grüße und ein schönes Wochenende für Euch/Sie alle

Christiane

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Re: Sterbehilfe

Beitrag von Timmie2 » 06.11.15, 19:30

Christianes Herz hat geschrieben:Eindeutig nicht strafbar ist demgegenüber die sogenannte Hilfe beim Sterben, die durch medizinisches und pflegerisches Personal etwa in Krankenhäusern, Pflegeheimen, Hospizen und anderen palliativmedizinischen Einrichtungen geleistet wird...
Sollte im Einzelfall aber gleichwohl von diesem Personenkreis Suizidhilfe gewährt werden, geschieht dies typischerweise gerade nicht „geschäftsmäßig“, also in der Absicht, dies zu einem wiederkehrenden oder dauernden Bestandteil der Beschäftigung zu machen.


Hilfe beim Sterben ist nicht Hilfe zum Sterben, liebe Christiane. Unter Hilfe beim Sterben fällt die Schmerzmittelgabe, bei der in Einzelfällen als Nebenwirkung der Tod in Kauf genommen wird. So wird das in diesem Gesetzesentwurf auch erläutert. Mittlerweile kann man diese Schmerzmittel aber so gezielt dosieren, dass genau das verhindert werden kann.
Christianes Herz hat geschrieben:Was ist für Dich jetzt das Erschreckendste an dem u. a. (der ist doch aktuell ?) Gesetzesentwurf?
Der Gesetzesentwurf erschreckt mich nicht sondern macht mich zornig. Das ist ein Unterschied. Er tritt das Selbstbestimmungsrecht der Bürger mit Füßen und wirft uns in dieser Frage ins Mittelalter zurück. Niemand bringt es so treffend auf den Punkt wie Thomas Fischer:
Thomas Fischer hat geschrieben:Wir haben daher keine ("staatsbürgerliche") Pflicht, mit unserer Existenz und unserem Leben oder Leiden dafür einzustehen, dass das Staat "stabil", der "öffentliche Friede" gesichert, der fiktive Durchschnittsbürger beruhigt sei. Daher hat der Gesetzgeber überhaupt keine Kompetenz, über die Selbstbestimmungsfähigkeit und Selbstbestimmungsberechtigung des einzelnen Bürgers – mittels Strafrecht! – zu bestimmen. Die Würde des Menschen (Artikel 1 Absatz 1 Grundgesetz) ist kein Recht, dessen "Ausgestaltung" dem Staat anheimgegeben ist
Absurdes Spektakel um den Tod

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Re: Sterbehilfe

Beitrag von sophica » 07.11.15, 00:12

Timmie2 hat geschrieben:Die schlimmsten Befürchtungen haben sich bewahrheitet, das Gesetz ist durch. Die Heuchler in Politik und Kirche haben sich durchgesetzt. Wer es nicht in die Schweiz schafft, darf in Deutschland elendig verrecken. Bleibt nur die Hoffnung, dass das Bundesverfassungsgericht dieses erbärmliche Gesetz kassiert.
Ja, so ist es und ich hatte auch vermutet, dass es so kommt und obendrein wird die "Würde des Menschen" durch vieles, was in unserer Medizin, unserem Gesundheitswesen, den Krankenanstalten passiert, oft verletzt.

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Re: Sterbehilfe

Beitrag von Biene37 » 07.11.15, 00:13

Nee...es geht zurück ins Mittelalter in Deutschland.
Da kann man nur noch den Kopf schütteln.
Mir fallen da nur Reise, Baumarkt oder Ilegale wege ein.

Warum habe ich nicht das Recht selbstbestimmt zu sterben in meinem Land wo ich geboren wurde, wenn ich todkrank bin ohne jegliche Aussicht?
Das ist eine Diktatur.

Geschäftsmäßig das sind dann auch Ärzte u.s.w

Die Versorgung dieser Menschen hab ich als Katastrophe erlebt von Schmerzmittel bis Windeln. Einzige as klappte Pflegebett und Wechselluftmatte kam 3Wochen später, sodas ich im Stundenrythmus Tag und Nacht selbst anders lagerte. Wenn man bei der Pflege mehr Windeln benötigte wird geknurrt und Schmerzmittel spritzen ohje.
Nein es ist kein Einzelfall, es wird nur gern viel unterm Teppich gekehrt.

Grüssle Biene
Das Leben besteht aus vielen Höhen und Tiefen - man darf nur nicht im Tief steckenbleiben!

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Re: Sterbehilfe

Beitrag von Dr. A. Flaccus » 07.11.15, 10:10

Die Versorgung dieser Menschen hab ich als Katastrophe erlebt von Schmerzmittel bis Windeln. Einzige as klappte Pflegebett und Wechselluftmatte kam 3Wochen später, sodas ich im Stundenrythmus Tag und Nacht selbst anders lagerte. Wenn man bei der Pflege mehr Windeln benötigte wird geknurrt und Schmerzmittel spritzen ohje.
Nein es ist kein Einzelfall, es wird nur gern viel unterm Teppich gekehrt.
Und diese Menschen haben alle vorher um Sterbehilfe gebeten?
Oder fanden nur Sie das ganze unwürdig?

Unabhängig davon bin ich aber ebenfalls der Meinung, das dieses Gesetz nichts verbessert hat. Im Gegenteil.

Allerdings hatte ich das in diesem Thread mehrfach vorausgesagt: Es wird sehr, sehr schwer einen konsensfähigen Gesetzentwurf zu etablieren der Rechtssicherheit für Ärzte bei der Sterbehilfe schafft.

A. Flaccus
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Re: Sterbehilfe

Beitrag von Timmie2 » 07.11.15, 11:12

Was Biene37 beschreibt können sicher viele bestätigen und zeigt doch nur auf, welche Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit klafft. Deutschland belegt im internationalen Vergleich einen der untersten Plätze beim Pro-Kopf-Verbrauch von Schmerzmitteln. Nur 30 % der Sterbenden erhalten überhaupt palliativmedizinische Hilfe. Diese kommt in den Pflegeheimen gar nicht erst an, wobei es Pflegeheimbewohnern fast unmöglich gemacht wird vom Pflegeheim ins Hospiz zu wechseln. Krankenhaus- und Pflegepersonal geraten durch die Ökonomisierung immer mehr unter Zeitdruck, gleichzeitig wird mit finanziellen Fehlanreizen immer mehr Einfluss auf Therapieentscheidungen genommen.

Das Palliativgesetz ist ein Tropfen auf den heißen Stein bei dem bereits absehbar ist, dass die finanziellen Mittel für die Einhaltung der Versprechen nicht ausreichen. Ein Verbot der Suizidbeihilfe wird dazu niemanden davon abbringen, seinem Leben ein Ende zu setzen. Es zementiert aber die soziale Ungleichbehandlung und wird die Anzahl der Suizide mittels eher unschöner Methoden erhöhen.

Man darf gespannt sein, welche Manipulationen diese Regierung noch so auf Lager hat. Die neoliberale Ideologie darf schließlich nicht in Frage gestellt werden, der Rubel muss rollen...
Mit Schubsern möchte die Bundesregierung den Bürger helfen, sich sinnvoll zu verhalten. Vielen macht das Angst vor einem Staat, der seine Bürger bevormundet und manipuliert.
Merkel testet "Nudging"
Muttikratie. Wo Ideologien als überwunden gelten, wo das alte Ordnungsraster links/rechts nicht mehr funktioniert, droht das "Gute" zum Kampfbegriff zu werden, zur Ausrede, im schlechtesten Fall zur neuen Ideologie. Gut ist dann nicht mehr das bessere Argument. Gut ist dann immer, was ich meine, und unanständig sind immer die anderen.
Stups zum Glück

Interessant in dem Zusammenhang ist auch das Statement des Präsidenten der Bundesärztekammer
Die Ärzteschaft hat von Anfang an unmissverständlich klargestellt, dass die Tötung des Patienten, auch wenn sie auf dessen Verlangen erfolgt, sowie die Beihilfe zum Suizid nach den Berufsordnungen aller Ärztekammern in Deutschland nicht zu den Aufgaben des Arztes gehören. Wir begrüßen es deshalb sehr, dass der Deutsche Bundestag den Anträgen einiger Parlamentarier für eine Liberalisierung der Sterbehilfegesetzgebung nicht gefolgt ist
http://www.presseportal.de/pm/9062/3168096

Welche Liberalisierung? An diesem Statement wird einmal mehr deutlich, wie manipulativ die Verletzung der Grundrechte gerechtfertigt wird. Keiner der Gesetzesentwürfe sah je eine Liberalisierung der Sterbehilfe vor, gleichwohl wurde und wird dies medienwirksam verbreitet. Es sei „kindischer Trotz, gar keine Regelung zu bevorzugen, wenn man sich mit der eigenen Meinung nicht durchsetzen kann“. Die Ergüsse des Montgomery sind immer wieder erhellend, hat doch die Bundesärztekammer genau diesen Gesetzesentwurf favorisiert.

Auch Gesundheitsminister Gröhe wurde nicht müde zu beteuern, Selbsttötungshilfe sei keine ärztliche Aufgabe. Der ärztliche Berufsethos und das Standesrecht dürften nicht durch eine ausdrückliche zivilrechtliche Erlaubnis der ärztlichen Selbsttötungshilfe ausgehebelt werden. Sollten Ärzte dieses standesrechtliche Gebot im Einzelfall höchster Gewissensnot überschreiten, dann sei es Aufgabe der zuständigen Ärztekammer, den konkreten Fall angemessen zu würdigen.

Wie abgesprochen argumentieren Gröhe und Montgomery. Anders als bei Korruption im Gesundheitswesen ist Beihilfe zum Suizid aber ein Offizialdelikt, das heißt die Staatsanwaltschaften ermitteln von Amts wegen und werden nicht erst aktiv, wenn Strafanzeige erstattet wurde. Korruption im Gesundheitswesen ist mit dem ärztlichen Ethos der Bundesärztekammer allerdings auch vereinbar und ein „ganz natürliches, normales Verhalten“. Die Moral von der Geschicht? Schmiergelder dürfen gerne genommen werden aber wehe, die Handlungshoheit der Ärzte wird untergraben. Patienten haben nicht selbstbestimmt zu entscheiden oder gar zu sterben. Das ärztliche Ethos bleibt gewahrt.

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