2. Klasse-Patient

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Ralf Tillenburg
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Re: 2. Klasse-Patient

Beitrag von Ralf Tillenburg » 11.08.12, 19:36

Liebe Claudia,

auch durch Ihre Wiederholung wird aus meiner Sicht die Ausaage von Asti nicht wahrer. nach wie vor glaube ich, dass dies eine subjektive Einschätzung ist, die auf eigenen Erfahrungen beruht. Das ist soweit ja auch in Ordnung und absolut nicht zu kritisieren. ich meine aber, dass dies nicht die Regel, sondern eher die Ausnahme ist.

Ich hoffe, dass Sie mir vergeben, dass ich auch in der Einschätzung des letzten Beitrags von "GS" eine andere Ansicht vertrete. Seine Aussage ist deutlich formuliert, aber beleidigend empfinde ich sie nicht. Allerdings bin ich persönlich ja nicht betroffen, mir fehlt also die Emotionalität in der Bewertung des Postings. Ich bemerke immer öfter, dass dies von Vorteil ist.

Bitte berücksichtigen Sie, dass man in ein geschriebenes Wort in Unkenntnis der Mimik und des Tonfalls des Autors auch sehr leicht etwas hinein interpretieren kann, was so vielleicht gar nicht gemeint war. Das ist für mich der größte Nachteil einer Diskussion in einem Forum - vergleichen mit einem Gespräch von Angesicht zu Angesicht. :wink:

Ich möchte auch noch einmal darauf hinweisen, dass privat und privat nicht dasselbe ist. Es gibt ganz unterschiedliche Versicherungsverträge und Bedingungen, darum dürfte auch die Reaktion der Versicherungen durchaus unterschiedlich sein. Viele Probleme haben nach meiner Erfahrung Beamte, da sie nur eine 25%-Versicherung haben, und der Rest (zumindest früher) von der Beihilfe bezahlt wurde. Manche privat Versicherte benötigen auch stets eine Überweisung, wenn sie zum Facharzt wollen, andere wiederum können nach Herzenslust alle möglichen Ärzte aufsuchen - und bekommen alles erstattet.

Insofern kann man hier nicht alle(s) über einen Kamm scheren.
Alles Gute
Ralf Tillenburg
Facharzt für Allgemeinmedizin
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Humungus
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Re: 2. Klasse-Patient

Beitrag von Humungus » 11.08.12, 20:31

Claudi, ich hatte Sie schon einmal gebeten, den Ablehnungsbescheid des Krankentransports hier einzustellen. Wundern Sie sich nicht, wenn Ihre Geschichte hier nicht "gekauft" wird, sie wirkt nunmal...exotisch. Wenn ich als Patient transportiert werden müsste, und zwar notfallmäßig, und das würde meine PKV nicht zahlen wollen, würde ich sämtliche Register ziehen, inklusive einer Klage und Einschaltung der Presse. Es sei denn, ich hätte derartige Transporte ausdrücklich ausgeschlossen.

Ich habe nunmal in den vielen Jahren Erfahrungen mit mehreren Tausend Privatpatienten gesammelt, und auch Erfahrungen als Patient selbst gesammelt und reichlich Berichte von Patienten gehört. Sowohl in der GKV als auch in der PKV, sowohl als Arzt als auch als Nichtarzt. Ich wurde niemals wegen meines Status als Privatpatient schlecht behandelt, im Gegenteil öffneten sich die Türen. Als Kassenpatient musste ich wegen einer Nierenkolik als Kind stundenlang in einer überfüllten Ambulanz warten. Als Privatpatient ging ich wegen einer Routineuntersuchung an der gleichen überfüllten Ambulanz vorbei - Wartezeit auf Chef und Oberarzt, die gleichzeitig erschienen, 10 Minuten. Nach weiteren 10 Minuten ging ich an der gleichen Ambulanz wieder vorbei (dort hatte sich natürlich nichts getan, selbst der Ambulanzdrachen war noch der gleiche). Solche Geschichten kann ich hier zuhauf bringen. Will ich für einen meiner Kassenpatienten einen Termin beim Neurologen, kann ich froh sein, wenn er in 2 Wochen drankommt. Kernspin ambulant? Njet, warten. Vorstellung in Augenklinik? 2 Monate Wartezeit. Soll ich sagen, wie lange Privatpatienten warten müssen?
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error6
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Re: 2. Klasse-Patient

Beitrag von error6 » 11.08.12, 21:05

Humungus hat geschrieben:Will ich für einen meiner Kassenpatienten einen Termin beim Neurologen, kann ich froh sein, wenn er in 2 Wochen drankommt.
Da habe ich momentan eine Wartezeit von 3 !! Monaten.
Mir ist aber von einer Sprechstundenhilfe im Vertrauen gesagt worden, dass das nicht
an der Überlastung liegt, sondern das hier mit dem Budget kalkuliert wird.
Privat kenne ich ein sehr gutes Beispiel. Eine Privatpatientin nimmt Mutterschaftsurlaub, 3 Jahre.
Sie ist als Beamtin aber nur die ersten zwei Jahre privat versichert, das letzte Jahr dann in der GKV beim Ehemann.
Als Privatpatientin gab es fast keine Wartezeiten, nicht bei Terminen und nicht in der Praxis.
Das eine Jahr in der GVK musste sie hinten anstehen, wie alle anderen auch.
Von dem Tag an als Privatpatientin hatte sie ihren alten Status wieder.
Das war für sie schon gewöhnungsbedürftig, in der Praxis wurde da nicht ein Wort drüber verloren, es war halt alltäglich.
Wie gesagt, alles von einem Tag auf den anderen.
:) error6

Humungus
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Re: 2. Klasse-Patient

Beitrag von Humungus » 11.08.12, 23:51

error6 hat geschrieben:Da habe ich momentan eine Wartezeit von 3 !! Monaten.
Das ist durchaus für "normale Termine" im Rahmen. Für mich ist es schon erstaunlich, wenn ich als behandelnder Arzt anrufe, einen dringenden Termin verlange und dann 2 Wochen warten muss.
Mir ist aber von einer Sprechstundenhilfe im Vertrauen gesagt worden, dass das nicht
an der Überlastung liegt, sondern das hier mit dem Budget kalkuliert wird.
Das braucht man Ihnen gar nicht im Vertrauen zu sagen, das kann man ruhig offiziell machen. Es gibt Regelungen zur Vermeidung der "übermäßigen Ausweitung kassenärztlicher Tätigkeit". Platt gesagt: wer zuviel arbeitet, dem wird schlicht der Geldhahn zugedreht. Der kriegt nix. Und dann tut er natürlich auch nix. Dafür gab es früher sinkende Punktwerte (=immer weniger Honorar für die gleiche Leistung), heute ein Budget (=wenn das erreicht ist, ist Sense).

Mit Selbständigkeit hat das nichts mehr zu tun, sondern mit Planwirtschaft. Wohin so etwas führt, wurde mehrfach gezeigt. Lohnt Leistung nicht, wird sie nicht mehr erbracht. Im Gegenteil: die Leistung kostet den Arzt etwas.

Aber keine Sorge, man ist doppelt abgesichert. Für jede Leistung gibt es eine Zeitvorgabe, und es wird geprüft, ob nicht zuviel Zeit abgerechnet wird = zuviele Leistungen erbracht wurden. Ist das der Fall, muss man unangenehme Fragen beantworten.

Und zu allem Überfluss ist ein Budget nicht reichlich, so dass der Arzt sagen könnte: machen wir eben was für lau, wir haben ja schon genug eingenommen. Das Budget ist knapp gewählt (Herr Tillenburg als Allgemeinmediziner und Hausarzt hat es ja auch schon erzählt).

Und was folgt? Die Ärzte leisten streng nach Budget und versuchen, mittels Steigerung der Privateinnahmen und IGeL die Praxis zu tragen. Dadurch gibt es immer weniger Zeit für Kassenpatienten und immer mehr Privatsprechstunden. Ach ja: die Kassen wollen jetzt über 2 Milliarden an Arzthonoraren sparen. Die Ärzte würden ja immer effektiver arbeiten, und auch immer länger, und das Honorar wäre ja immer noch reichlich. Dabei wird mit Zahlen getrickst, dass sich die Balken biegen. Wohin das führt, sollte jeder wissen: noch weniger Kassenleistungen, noch weniger niedergelassene Ärzte, noch unattraktivere Bedingungen. Und eine noch schlechtere Versorgung.
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Asti
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Re: 2. Klasse-Patient

Beitrag von Asti » 12.08.12, 17:15

@Dr. Tillenburg, Humungus und andere,

Sie haben Recht, es gibt verschiedene private Kassen und auch verschiedene Versicherungen, deshalb sollte man nicht zu sehr verallgemeinern. Das tue ich auch gar nicht, aber von vielen hier wird doch in einer Tour verallgemeinert. Es werden Beispiele ohne Ende angeführt (genau so wenig nachzuprüfen wie alle Aussagen hier), dass Privatpatienten sofort einen Termin bekommen und die allerbeste medizinische Versorgung erhalten, während die armen Kassenpatienten monatelang auf einen Termin warten müssen und nicht gut versorgt werden.
Aber das entspricht nun einmal nicht der Realität.

Wie oft haben denn die hier schreibenden Ärzte sich mit den gesetzlichen Krankenkassen auseinandersetzen müssen, wenn es um medizinisch notwendige Medikamente und Operationen ging? Wenn Sie anordnen, Ihr Kassenpatient muss operiert werden, dann wird er operiert, und die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen alles. Ohne Wenn und Aber.

Wenn ein Privatpatient operiert werden muss, dann wird er auch operiert, aber danach geht das Elend los. Zunächst einmal werden von den privaten Kassen (nicht nur von meiner) praktisch alle Maßnahmen hinterfragt: die Art der Narkose, die verabreichten Narkosemittel, das Honorar des Chirurgen, die Medikamente etc. etc. etc. Hat bei Ihnen schon mal eine gesetzliche Krankenkasse die Art der Narkose, die Sie angeordnet haben, hinterfragt??? Die privaten Kassen machen das ständig. Die haben extra Leute eingestellt, deren einzige Aufgabe es ist, zunächst mal alles zu hinterfragen und die Zahlung abzulehnen. Die versuchen den Ärzten vorzuschreiben, welche Narkose für welchen Eingriff die richtige ist (natürlich immer die billigste), welche Medikamente er verabreichen soll (natürlich immer die billigsten).

Meine Freundin, die Kassenpatientin, hat Gleichgewichtsstörungen. Merken tut man davon nichts, aber sie sagt es ihrem Arzt, und der diagnostiziert es, ohne Untersuchung. Er hat sie nicht zum Ohrenarzt, Neurologen etc. geschickt. Sie hat von ihrer Kasse 2800,00 Euro bewilligt bekommen, um im Bad Haltegriffe anzubringen. Von dem Geld hat sie sich das gesamte Badezimmer umbauen lassen, neue Kacheln, neue Wanne (obwohl sie angeblich gar nicht in die Wanne steigen kann) und dazu zwei Haltegriffe. Bei mir sind vom Ohrenarzt Gleichgewichtsstörungen aufgrund eines Vestibularausfalls diagnostiziert worden. Nachdem ich das von meiner Freundin gehört habe, habe ich meiner Kasse die Diagnose schriftlich mitgeteilt und gefragt, ob ich einen Zuschuss bekäme zum Einbau von Haltegriffen. Die haben überhaupt nicht geantwortet. Als ich telefonisch nachfragte, meinte die Dame, das habe ich doch wohl nicht ernst gemeint.

So unterschiedlich wird bei Kassen- und Privatpatienten verfahren. Meine Freundin war übrigens in den letzten 8 Jahren 71mal im Krankenhaus. Noch nie wurde dabei etwas gefunden, außer einem Reizdarm, immer hieß es, ihre Beschwerden müssten psychosomatischen Ursprungs sein, aber in die Psychiatrie will sie nicht. Und noch kein einziges Mal hat ihre gesetzliche Kasse irgendeinen Krankenhausaufenthalt und irgendeine Maßnahme hinterfragt (z. B. 58 Magenspiegelungen ohne krankhaften Befund). Sie hat schon alle Ärzte der Stadt als Hausärzte gehabt, alle haben entnervt aufgegeben. Jetzt hat sie einen aus einem Nachbarort. Den ruft sie 2-3mal die Woche als Notfall an und der macht ständig Hausbesuche bei ihr.
Und ihre Kasse zahlt, und zahlt, und zahlt, und zahlt. :!:

Da werden einige natürlich wieder schreiben, ich lüge, aber ich könnte Namen der Kasse, der Patientin, der Ärzte jederzeit nennen.

Asti

Asti
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Re: 2. Klasse-Patient

Beitrag von Asti » 12.08.12, 17:17

@Claudia,

danke für deine Unterstützung.

Asti

celine_celi
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Re: 2. Klasse-Patient

Beitrag von celine_celi » 12.08.12, 18:28

Hallo,
Asti hat geschrieben:... dass Privatpatienten sofort einen Termin bekommen und die allerbeste medizinische Versorgung erhalten, während die armen Kassenpatienten monatelang auf einen Termin warten müssen und nicht gut versorgt werden.
Aber das entspricht nun einmal nicht der Realität.
Ihre Aussage im letzten Satz muss ich negieren - denn was Sie oben stehend schrieben, entspricht (leider) der Realität. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass Ihnen entweder das GKV-System so fremd ist, dass Ihnen der Einblick ins Detail fehlt oder Sie absichtlich polemisieren und versuchen, die Patienten zu verunsichern und diesen ein funktionsunfähiges GKV-System anzupreisen, welches nur eine Minimalversorgung mit hohen Beiträgen und keiner Leistung bietet. Was bezwecken Sie mit Ihrer Falschdarstellung?
Asti hat geschrieben:Wie oft haben denn die hier schreibenden Ärzte sich mit den gesetzlichen Krankenkassen auseinandersetzen müssen, wenn es um medizinisch notwendige Medikamente und Operationen ging?

Waren Sie schon mal GKV-Patient? Ihrer Argumentation zu entnehmen "nein". Wenn einem der Einblick in ein System fehlt, sollte man den Ball flach halten.
Asti hat geschrieben:Wenn ein Privatpatient operiert werden muss, dann wird er auch operiert, aber danach geht das Elend los.

... dann haben Sie wohl den falschen Tarif gewählt - Basistarif= GKV-Tarif. So müssen Sie Ihre Ansprüche eben etwas herunterschrauben und leiden wie ein GKV-Patient (obwohl es diesem noch schlechter ergeht). Billig ist eben nicht gleich preiswert und günstig.
Asti hat geschrieben:... welche Medikamente er verabreichen soll (natürlich immer die billigsten).
Sie hätten vor Vertragsabschluss die Bedingungen Ihres Tarifs gründlich studieren sollen. Wer im Vertrag stehen hat (tarifabhängig), dass nur Generika erstattet werden, der braucht sich hinterher nicht zu beschweren, wenn er nur diese bekommt - wie sagt man so schön: "Wer lesen kann ist klar im Vorteil."
Asti hat geschrieben:Sie hat von ihrer Kasse 2800,00 Euro bewilligt bekommen, um im Bad Haltegriffe anzubringen. Von dem Geld hat sie sich das gesamte Badezimmer umbauen lassen, neue Kacheln, neue Wanne (obwohl sie angeblich gar nicht in die Wanne steigen kann) und dazu zwei Haltegriffe.

Dies kann ich nicht glauben oder Ihre Freundin hat Vitamin-B zur GKV.
...(z. B. 58 Magenspiegelungen ohne krankhaften Befund).
58 Magenspiegelungen und 71 Klinikeinweisungen in 8 Jahren? Bei diesen Angaben habe ich so meine Zweifel. Hier nimmt Ihre Freundin Sie wohl auf den Arm.
Asti hat geschrieben:Und ihre Kasse zahlt, und zahlt, und zahlt, und zahlt. :!:

... mit Sicherheit stimmt dies nicht.
Asti hat geschrieben:... aber ich könnte Namen der Kasse, der Patientin, der Ärzte jederzeit nennen.

Dies kann ich auch, jedoch könnte dann wirklich ans Licht kommen, dass an Ihren Aussagen vieles nicht stimmig ist und Ihre Ausführungen realitätsfremd sind.

Ich frage mich, wer Sie "beauftragt" hat, hier zu schreiben ;-).

Viele Grüße

error6
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Re: 2. Klasse-Patient

Beitrag von error6 » 12.08.12, 19:20

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann lügen sie noch heute....
(8*12) / 71 = alle 5,8 Wochen in ein KH, acht Jahre lang
2800 Euro für zwei Haltegriffe
das alles stimmt, aber wir GKVersicherte lügen.
:lachen: error6

Humungus
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Re: 2. Klasse-Patient

Beitrag von Humungus » 12.08.12, 19:38

Asti hat geschrieben:Wie oft haben denn die hier schreibenden Ärzte sich mit den gesetzlichen Krankenkassen auseinandersetzen müssen, wenn es um medizinisch notwendige Medikamente und Operationen ging? Wenn Sie anordnen, Ihr Kassenpatient muss operiert werden, dann wird er operiert, und die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen alles. Ohne Wenn und Aber.
Ist schlicht falsch, ich gebe Beispiele:

- konservative Behandlung (ohne OP): Bei Patienten mit Grünem Star sind Medikamente nötig. Privatpatienten kriegen das Beste, was es gibt, und immer das gleiche Medikament, wenn es bei ihnen wirkt. GKV-Patienten kriegen "aut idem", das heißt: den Wirkstoff. Mal das eine Medikament, mal das andere, immer lustig durcheinander, je nachdem, welche Kasse gerade welchen Rabattvertrag hat. Ich habe da längst nichts mehr zu sagen, und der Apotheker muss jedes Mal in seinen Computer kucken. Zwischenzeitlich wurde gar ein konservierungsmittelfreies Medikament in die gleiche Preisklasse wie die konservierungshaltige eingestuft - weil der Hersteller es schaffte, konservierungsfreie Tropfen in eine große Flasche zu kriegen. Folge: GKV-Patienten kriegten das Medikament nicht, obwohl es billiger war! Wenn ich darauf bestehe, dass ein GKV-Patient immer das gleiche Medikament kriegen soll, laufe ich Gefahr, es aus meiner Tasche zahlen zu müssen...Regress! Zusatzuntersuchungen wie eine Computerdarstellung des Sehnerven und der Nervenfasern, die das Fortschreiten des Glaukoms wesentlich besser prüfen als mein Auge, werden nicht bezahlt. Alles vom Patienten zu zahlen.

PKV? Alles kein Problem!

- operativ: bei feuchter Maculadegeneration müssen Spritzen ins Auge gegeben werden, um diese aufzuhalten. Bei GKV-Patienten bestehen x verschiedene Verträge, teilweise gar keine. Dann muss der Patient unter Zeitdruck Kostenvoranschläge einholen. Ich habe x verschiedene Formulare (Zeit kostet mich ja nichts!). Bei manchen Kassen kann ich dann die Injektion nicht durchführen, der Patient muss in eine Augenklinik. Die monatlich notwendige Computerdarstellung der Netzhaut wird nicht bezahlt. Entweder zahlt der Patient oder er versucht seine Kasse zu verklagen.

Privatpatient? Kein Problem!

Und hat der Patient eine Netzhautschwellung wegen einer Thrombose, wegen Diabetes oder wegen Kurzsichtigkeit, zahlt die GKV nicht oder nur im Einzelfall. Heißt: Patient sieht schlechter oder geht in Augenklinik, die dann (vielleicht, vielleicht) eigene Verträge mit den GKVen hat. Hier ist ein bürokratisches Labyrinth errichtet worden, um Patienten und Ärzte systematisch zu behindern.

PKV? Alles kein Problem!

Da muss ein GKV-Patient wegen Grauen Stars ausnahmsweise stationär operiert werden anstatt ambulant. Und vielleicht bleibt er noch einen Tag länger im Krankenhaus. Einige Monate danach kommt ein Fuzzie vom MDK ins Krankenhaus und liest die Akten durch. Und dann streicht er die Leistung einfach - und zwar ohne bei mir zurückzufragen, was denn eigentlich los war. Dann beginnt ein hektisches Telefonieren des Krankenhauses, denn das kriegt ja kein Geld. Parole Vorwärts! vom MDK. Vor einigen Jahren kriegte ich ein "Warnschreiben" der KV, ich hätte zu viele Patienten stationär operiert (es waren übrigens unter 5 Prozent aller Cat-OP-Patienten). Ich solle mich, so sinngemäß, vorsehen, sonst gäbe es Ärger. Und? Haben die vorher bei mir nachgefragt, was los war? Neee. Erst mal wird der Arzt schuldig gesprochen! Ich habe dann ein angemessenes Schreiben zurückgeschickt. Die Antwort kam...nie. Null!

PKV? Ratensemal...

Übrigens: ich bin zwar nur ein kleiner Augenarzt, aber nach 58 befundlosen Magenspiegelungen, Ärzte- und vielleicht auch Krankenhaushopping sollte sich Ihre Bekannte wirklich angemessen behandeln lassen, denn sie wird leiden, und man kann ihr helfen. Solche Patienten gibt es aber auch im PKV-Bereich, und solange ein Arzt eine Untersuchung indiziert, kann sich die PKV vor der Zahlung nicht drücken. Der Arzt, der sie jetzt weiterbetreut, muss ein Gutmensch sein, denn Hausbesuche fallen ins Budget. Heißt? Null extra Kohle! Der Arzt wird bei Ihrer Bekannten 35 Euro im Quartal kassieren. An einer PKV-Patientin würde er richtig Geld verdienen, etwa 54 Euro pro Hausbesuch bei 2,3-facher Abrechnung, und immer noch 28 Euro bei einfachem Satz. Plus Fahrtkosten, und natürlich unbudgetiert.

Merken Sies?
Zuletzt geändert von Humungus am 12.08.12, 19:46, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: 2. Klasse-Patient

Beitrag von Asti » 12.08.12, 19:46

@Celine,

mich hat niemand beauftragt, :shock: und alles, was ich schreibe, entspricht hundertprozentig der Wahrheit. Warum sollte ich hier jemanden verunsichern oder das System der gesetzlichen Krankenkassen idealisieren???
Die gesetzlichen Kassen leisten weit mehr als eine Minimalversorgung.

Jedes einzelne Wort, das ich über meine Freundin geschrieben habe, ist wahr. Sie kann eben, wie ich oben schon schrieb, sehr gut schauspielern. Sie ruft den Notarzt und klagt über Stechen in der Brust, im linken Arm und über Luftnot. Dann wird sie ins Krankenhaus gefahren, bekommt ein EKG. Das ist in Ordnung. Dann tippt man auf Reflux und macht eine Magenspiegelung. Der Magen ist auch in Ordnung. Dann weint und schluchzt sie zum Gotterbarmen, sie habe solche Schmerzen. Dann werden andere diagnostische Maßnahmen ergriffen. Dabei sind dann alle möglichen Diagnosen erstellt worden, aber nie etwas Ernsthaftes. Wenn man lange genug sucht, findet man wahrscheinlich bei jedem etwas. Dann bekommt sie neue Medikamente und wird nach einer oder auch zwei oder drei Wochen wieder nach Hause geschickt, wo sie ihrem Mann mit ihrem Jammern das Leben zur Hölle macht. Und ein bis zwei Monate später geht es wieder los. Ihr Mann ist immer froh, wenn sie im krankenhaus ist. Sie ist ganz eindeutig psychisch krank, weigert sich aber, sich in die Psychiatrie einweisen zu lassen.
Was wir alle nicht verstehen, ist, dass ihre Krankenkasse das alles mitmacht und noch nie etwas hinterfragt hat.

Wahrscheinlich ist dies ein Extremfall, das will ich gern zugeben, aber bei einer Privatkasse wäre das hundertprozentig nicht möglich. Ich habe ihr schon oft gesagt, wenn du privat versichert wärst, dann ginge es dir besser, denn die ganzen Krankenhausaufenthalte machen dich ja immer nur kränker. Dann wird sie natürlich ärgerlich. Hier bringt eine private Versicherung wirklich mal einen Vorteil, weil sie unnütze Maßnahmen ablehnt.

Ich schreibe dies hier alles nur, um deutlich zu machen, dass gesetzliche Krankenkassen meiner Erfahrung nach viel weniger die ärztlichen Leistungen hinterfragen als private Krankenkassen.

Ich habe durchaus Einblick in das System der gesetzlichen Kassen, nicht nur durch meine Freundin, sondern auch durch viele andere Personen aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis.
Früher war es noch anders. Meine Eltern waren Kassenpatienten. Sie wurden medizinisch gut versorgt, meine Mutter lag mal 3 Monate auf der Intensivstation, aber man rollte ihnen keinen roten Teppich aus. Das machte man damals mit Privatpatienten durchaus. Eine Nachbarin bekam jedes Jahr eine Kur, Kassenpatienten bekamen nur alle zwei bis drei Jahre eine.
Aber diese Zeiten sind vorbei. Heutzutage müssen Privatpatienten um die Erstattung ihrer medizinischen Ausgaben kämpfen. Wer reich ist, und Reiche gibt es natürlich unter den Privatpatienten, der zahlt alles, was nicht bewilligt wird, eben selber. Aber der durchschnittliche Privatpatient kann das nicht. Er geht selten zum Arzt, was manchmal ja auch gut ist :lol: , aber oftmals wird er dadurch micht optimal medizinisch versorgt.

Asti

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Re: 2. Klasse-Patient

Beitrag von Ralf Tillenburg » 12.08.12, 19:47

Hallo,

ich rate ein wenig zur Vorsicht bei der Beurteilung von Schilderungen hier im Forum. Insbesondere fördern abfällige Meinungen nciht gerade eine sachliche Diskussion, um die wir uns hier doch bemühen sollten.

Auch wenn die Beschreibungen von Asti zunächst einmal unglaubwürdig erscheinen, kenne ich jedoch auch solche Fälle aus eigener Anschauung.

jedes System hat seine Stärken und Schwächen, und so ist das auch bei der GKV. Sicher gibt es hier viele Möglichkeiten, das System kostenintensiv auszunutzen:

a) Keine GKV kann etwas dagegen unternehmen, wenn man sich alle 6 wochen in ein Krankenhaus einweisen lässt. Wie auch? Auf der Einweisung steht eine Diagnose oder ein akut gefährlicher Gesundheitszustand, die GKV hat da keine Wahl und muss den aufenthalt bezahlen - im Rahmen der gesetzlichen Vorschriften.

b) Was soll denn eine GKV gegen 58 Magenspiegelungen in acht Jahren unternehmen? Patient geht zum Arzt mit (scheinbar?) akuten Beschwerden. Der macht (unter anderem, weil es Geld bringt) eine Magenspiegelung und rechnet diese ab. Die GKV muss bezahlen

c) Keine GKV hat beispielsweise bisher etwas gegen das Verhalten mancher Patienten in Notfallpraxen unternommen. So gibt es Patienten, die einfach keine Lust haben, tagsüber in einer Arztpraxis 3 Stunden zu sitzen, und stattdessen lieber um 22.00 Uhr eine Notfallpraxis aufsuchen. Macht jemand was dagegen? Nein

d) Und natürlich ist es möglich, für bauliche Veränderungen in seiner Wohnung aufgrund einer Behinderung einen Zuschuss zu bekommen. Da wundern mich 2.800 Euro erst einmal überhaupt nicht.

Die Frage ist: Ist das alles berechtigt? Natürlich nicht. Aber es gibt definitiv keine Kontrolle, auch das ist ein Grund für die Kostensteigerung in unserem Gesundheitswesen.
Alles Gute
Ralf Tillenburg
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Borden
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Re: 2. Klasse-Patient

Beitrag von Borden » 12.08.12, 19:53

...
Zuletzt geändert von Borden am 12.08.12, 20:09, insgesamt 2-mal geändert.

falco1996
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Re: 2. Klasse-Patient

Beitrag von falco1996 » 12.08.12, 19:59

Hallo Asti,

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... von ihrer Kasse 2800,00 Euro bewilligt bekommen, um im Bad Haltegriffe anzubringen. Von dem Geld hat sie sich das gesamte Badezimmer umbauen lassen, neue Kacheln, neue Wanne ...
Da hat Ihnen Ihre Freundin (wenn es sie denn gibt) aber einen gewaltigen "Bären aufgebunden"! Wie sollte sie das denn mit der Krankenkasse abgerechnet haben? Es gibt normalerweise für solche Maßnahmen keine Geldleistungen, sondern es müssen die Rechnungen eingereicht werden. Allerdings, bevor man überhaupt irgendwas macht, will die KK mind. einen Kostenvoranschlag - was hat da wohl bei einer Badsanierung draufgestanden? Außerdem bekommt man diese Hilfsmittel über einen Sanitätsfachhandel, doch die bieten ja keine Badrenovierungen an. Neee, also das kann so auf keinen Fall stimmen, und ich muss sagen, zum Glück nicht!

Alles Gute!

Asti
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Re: 2. Klasse-Patient

Beitrag von Asti » 12.08.12, 20:24

@Dr. Tillenburg,

vielen herzlichen Dank für Ihre sachliche und ausgewogene Argumentation. Sie sind der ruhende Pol in dieser Diskussion. Ich bemühe mich um Sachlichkeit und gehe auf polemische Beiträge lieber nicht ein. Sonst würde die Diskussion hier wirklich unerfreulich werden. :evil:

Sie haben Recht, eine stärkere Kontrolle im gesetzlichen Krankenkassensystem wäre vonnöten, um weitere Kostenexplosionen zu verhindern. Vielleicht sind ja die privaten Kassen in dieser Hinsicht auf dem richtigen Weg, nur übertreiben sie und maßen sich an, den Ärzten vorzuschreiben, welche billigen Maßnahmen sie statt der teuren zu treffen haben. Da die Mitarbeiter der privaten Kassen aber keine Mediziner sind, können sie überhaupt keine Vorschriften machen.

Asti

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Re: 2. Klasse-Patient

Beitrag von Humungus » 12.08.12, 21:10

Die Anmaßung ist eindeutig auf seiten der GKV und des SGB V. Nie vergessen:
§12 I SGB V hat geschrieben:Die Leistungen müssen ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich sein; sie dürfen das Maß des Notwendigen nicht überschreiten. Leistungen, die nicht notwendig oder unwirtschaftlich sind, können Versicherte nicht beanspruchen, dürfen die Leistungserbringer nicht bewirken und die Krankenkassen nicht bewilligen.
GKV-Patienten erhalten vom Gesetz vorgeschrieben Minimalmedizin.
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