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Schwindel
Artikel ID: 14
Dieser Artikel wurde 23461 mal aufgerufen
Verfasst von: Martin Stadler
Verfasst am: 24.10.04, 19:07
Artikel Beschreibung: Klassifikation und Ursachen einer Schwindel-Symptomatik
Externer Link zu diesen Artikel:
https://www.medizin-forum.de/phpbb/kb.php?a=14
Differentialdiagnose: Schwindel

Übersicht häufigster Ursachen einer Schwindelsymptomatik:
- Arterielle Hypertonie
- Durchblutungsstörung (Zerebrosklerose)
- Migräne
- Arterielle Hypotonie
- Anämie
- Kinetosen
- Innenohr-Prozesse
- Gehirnerkrankungen (Tumoren, Entzündungen)
- Hypoglykämie
- Medikamente
- Alkoholabusus

Klassifikation des Schwindels:
- Peripher-vestibuläre Störungen (Bogengänge im Innenohr = Labyrinth)
- Zentral-vestibuläre (retrolabyrinthäre) Störungen (Gleichgewichtsnerv bzw. im Gehirn liegende Störungen)
- Nicht-vestibuläre Schwindelursachen (primäre Störung geht nicht vom vestibulären System aus)
Erklärung: \"vestibulär\" = Gleichgewichtsorgan bzw- system betreffend!

Peripher-vestibulärer Schwindel:
- Morbus Menière
- Lermoyez-Syndrom
- Akuter Vestibularisausfall (Vestibulopathie, Neuronitis/Neuritis vestibularis – uni-/bilateral)
- Vestibularisparoxysmie (pathologischer Gefäß-Nerven-Kontakt)
- Benigner paroxysmaler Lagerungsnystagmus/-schwindel (BPPV)
- Cogan-Syndrom
- Syphilis des Innenohres
- Otosklerotisches Innenohrsyndrom (Otosklerose)
- Labyrinthitis / Labyrinthfistel
- Innenohrtrauma / Felsenbeinfrakturen
- Vestibuläre Schädigung durch Toxika (z. B. ototoxische Medikamente)

Anamnese/Klinik:
Um die Ursache von Schwindel zu ermitteln, ist im Allgemeinen eine ausführliche Anamneseerhebung erforderlich. Vor allem muß der Patient nach der Schwindel-Charakteristik befragt werden.
Die Angaben des Patienten erlauben häufig schon, einen labyrinthären Schwindel (Erkrankung des Gleichgewichtsorgans) von retrolabyrinthärem und zentralem Schwindel (Erkrankungen im Verlauf des VIII. Hirnnervs, der Gleichgewichtskerne im Hirnstamm, des Fasciculus longitudinalis medialis, des Kleinhirns, Tractus vestibulo-spinalis, u. a.) zu unterscheiden.
Schädigungen im Bereich des N. vestibulocochlearis können eine Symptomatik hervorrufen, die mehr dem peripher-vestibulären Schwindel zuzuordnen ist; sie können aber auch zu einem Beschwerdebild wie bei zentral bedingtem Schwindel führen (Akustikusneurinom, anderer Kleinhirnbrückenwinkel-tumor).
Der vestibuläre Schwindel mit dem Gefühl einer Dreh- oder Fallempfindung muß von einer Synkope oder Gangunsicherheit unterschieden werden. Auch Sternchen- und Schwarzsehen vor den Augen darf nicht mit echtem vestibulären verwechselt werden.
Wenn der Schwindel nicht von einem Nystagmus begleitet ist, oder wenn er ununterbrochen länger als drei Wochen besteht (Dauerschwindel), dann muß eher an eine zentrale Ursache gedacht werden, ebenso bei Schwindel in Verbindung mit Bewusstseinsstörungen.
Schwindel bei peripher-vestibulären Läsionen (am Labyrinth) hat bei einseitiger Schädigung in der Regel eine Richtungstendenz. Typisch ist der horizontale, richtungsbestimmte, auch mit geschlossenen Augen bestehende Drehschwindel. Begleitet ist er, besonders bei akutem Geschehen, von einem deutlichen, richtungsbestimmten Nystagmus und richtungskonstanten Abweichreaktionen. Zusätzlich kommt es häufig zu Symptomen von Seiten des vegetativen Nervensystems, wie Erbrechen, Übelkeit oder Schweißausbruch. Darüber hinaus können, wegen der häufigen Mitbeteiligung des Hörorgans, Tinnitus und Hörstörungen mit dem Schwindel kombiniert sein, dies ist jedoch nicht obligat.
Bei Störungen des Otolithenapparates (Sacculus, Utriculus) oder auch des hinteren, vertikalen Bogenganges kann es zu den selteneren vertikal gerichteten Schwindelempfindungen kommen (Liftgefühl, Gefühl des Sturzes in die Tiefe bzw. des Auf- und Absteigens des Bodens).
Bei doppelseitigen Labyrinthschädigungen lassen sich die oben genannten, für peripher-vestibuläre Schädigungen typischen Symptome meist nicht eindeutig beobachten. Das Beschwerdebild ähnelt dann eher zentral-vestibulären Läsionen. Typisch für den beidseitigen Labyrinthausfall ist das Dandy-Phänomen: Auf und ab schwankendes, sich hebendes und senkendes Blickfeld beim Gehen, weil der vestibulookuläre Reflex beidseits ausfällt, der das Blickfeld stabilisiert.

Zentral-vestibulärer Schwindel:
- Akustikusneurinom (oder andere zerebrogene Kleinhirnbrückenwinkeltumoren)
- Tumoren des Kleinhirns oder Hirnstamms
- Tumoren des Großhirns
- Tumoren der Hirnhäute (Meningeome)
- Demyelinisierende Erkrankungen (Multiple Sklerose [Encephalomyelitis disseminata])
- Systematrophien des Gehirns (SMA)
- Hirnstamm-Malformationen
- Durchblutungsstörungen (z. B. vertebrobasiläre Insuffizienz, Wallenberg-Syndrom)
- Migräne vom vertebrobasilären Typ
- Temporallappenepilepsie
- Zoster oticus
- Episodische Ataxien
- Zustand nach Schädeltrauma

Nicht-vestibulärer Schwindel (inkl. „Pseudoschwindel“!):
- Herz-Kreislauf-Erkrankungen, z. B.
o Hypotone Regulationsstörung (hypotone Orthostase)
o Herzinsuffizienz
o Arterielle Hypertonie
o Kardiomyopathien (Herzmuskelerkrankungen)
o KHK (koronare Herzkrankheit: Angina pectoris, Herzinfarkt)
o Paroxysmale (anfallsartige) Vorhoftachykardie (Pulsbeschleunigung)
o Arrhythmien (Herzrhythmusstörungen)
o Herzfehler (angeboren, erworben)
o Aortenbogensyndrom
o Steal-Phänomene (z. B. subclavian-steal-Syndrom)
o Synkopen (synkopale Anfälle verschiedener Ursache)

- Anämien
- Augenerkrankungen (z. B. Refraktionsfehler, Erkrankung der äußeren Augenmuskeln)
- Stoffwechselerkrankungen (z. B. Hypoglykämie, Störungen des Wasser-/Elektrolythaushalts)
- Zervikaler (halsbedingter) Schwindel (z. B. zervikale Spondylose)
- Kinetosen (Flug-/Reisekrankheit)
- Medikamentennebenwirkungen (nicht als direkte toxische Wirkung! – s. o.)
- Psychogene Ursachen (z. B. Hyperventilation, Angststörungen, etc.)

Beim Schwindel nicht-vestibulärer Ursache besteht die Therapie in der Behandlung der Grundkrankheit (Innere Medizin, Augenheilkunde, Orthopädie, Psychiatrie)!

Anmerkung:
An vielen größeren Kliniken, vor allem HNO-Universitätskliniken, gibt es spezielle \"Schwindel-Ambulanzen\"!

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