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medizin-forum.de • Thema anzeigen - Patientenverfügung und Organspende: Widerspruch?
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BeitragVerfasst: 27.03.13, 14:20 
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Beiträge: 7270
Wohnort: Bad Nauheim
Dem schwierigen Verhältnis von Patientenverfügung und Organspendeerklärung hat sich der Ausschuss für ethische und medizinisch-juristische Grundsatzfragen der Bundesärztekammer angenommen und seine Ergebnisse in einem Arbeitspapier zusammengefasst. Nachzulesen unter

http://www.aerzteblatt.de/archiv/135909 ... erklaerung

Eine Patientenverfügung (PV), die intensivmedizinische lebenserhaltende Therapie ausschließt, widerspricht nach meiner Auffassung einer Spendebereitschaft im Organspendeausweis. Denn während der Durchführung der Hirntoddiagnostik bis hin zur Realisierung einer möglichen Organspende müssen beim potenziellen Spender intensivmedizinische Maßnahmen (z. B. Beatmungstherapie) fortgeführt werden, um die Transplantationsfähigkeit der Organe zu erhalten. Der Ausschuss sieht das anders. Die Patientenverfügung darf hintangestellt, der Pat. intensivmedizinisch zunächst am Leben gehalten werden. Dann folgt die Hirntodfeststellung unter intensivmedizinischen Maßnahmen. Danach ist der Pat. definitionsgemäß tot und in der Folge können dann die Organe entnommen werden. Ich befürchte, dass viele Menschen nicht wissen, dass zur Organspende eine maximale intensivmedizinische "Apparatemedizin" gehört, die sie per PV für ihren Sterbeprozess ausschließen möchten.

Die Juristen der BÄK hätten nach meiner Ansicht bei Vorliegen zweier widersprüchlicher Erklärungen davon ausgehen müssen, dass der betreffende Patient nur ungenügend über die Organspende-Modalitäten und die Notwendigkeit der intensivmedizinischen Weiterbehandlung und sog. Spenderkonditionierung, die ggf. sogar eine Reanimation notwendig machen könnte, informiert wurde. Eine ungenügende Aufklärung bedeutet in der Medizin meist die Nichtigkeit der Einwilligung. Warum in diesem Fall nicht?

Es kommt noch besser. Wenn eine schriftliche Patientenverfügung vorliegt und keine schriftliche Organspendeerklärung existiert, aber der nächste Angehörige sich an eine mündliche Organspendeerklärung erinnert, soll das ebenfalls die schriftliche Patientenverfügung aushebeln.

_________________
Herzlichen Gruss
Ihr Achim Jäckel
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BeitragVerfasst: 29.03.13, 09:56 
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Registriert: 07.09.10, 10:07
Beiträge: 160
Hallo,

mir scheint, dass hier das durchaus legitime Bestreben, die Spenderzahl zu erhöhen, die juristische Argumentation unzulässig vernebelt hat.

Es gibt m.E. in der Bundesärztekammer eine Lobby, die bestrebt ist, den freien Willen des Menschen möglichst einzuschränken. Schon bei dem Vorstoß, dem Arzt bei der medikamentösen Begleitung des Sterbeprozesses seiner Patienten die Hände zu binden, ist das offensichtlich. Der Entwurf der BÄK zu diesem Thema überschreitet bei weitem, was manche Landesärztekammern dazu verlauten lassen.

Gruß
Neosedinus


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BeitragVerfasst: 29.03.13, 16:04 
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Beiträge: 80
Hallo,

die BÄK befindet sich offensichtlich nicht im Konsens mit unserer Bundesregierung.

In einer schriftlichen Stellungnahme zur Frage nach dem Zeitpunkt für ein Angehörigengespräch zur Klärung der möglichen Spendenbereitschaft äußerte sich diese wie folgt:
Bundesministerium für Gesundheit hat geschrieben:
...ist ein Angehörigengespräch mit dem konkreten Ziel der Klärung, ob der mögliche Organspender eine Erklärung zur Organ- und Gewebespende abgegeben hat und wie deren Inhalt aussieht, aufgrund der Regelung des § 7 TPG erst nach Feststellung des Hirntodes zulässig.

kleine Anfrage 17/9334

Demnach dürfte die Willensfindung, ob für oder gegen eine Organspende, frühestens nach der Hirntoddiagnostik stattfinden. Folglich können die in dem Arbeitspapier beschriebenen Vorgehensweisen zur Behandlung von PV in Kombination mit einer schriftlich fixierten Organspendebereitschaft nicht mit der Haltung der Bundesregierung bzw. dem TPG konform gehen, denn die Hirntoddiagnostik entfällt durch bei einer patientenverfügte Therapiebegrenzung.
Die Frage nach der mündlich geäußerten Spendenbereitschaft erübrigte sich in diesem Zusammenhang ebenso wie im Zusammenhang mit einem mündlich geäußerten Willen nach Therapiebegrenzung.
Eine Organspende käme also nur infrage, wenn in der PV auf eine patientenverfügte Therapiebegrenzung generell verzichtet würde.

Abschließend sei die Frage erlaubt: Wie tod ist Hirntod?

Nach der Hirntoddiagnostik gilt der Patient entsprechend dem Gesetz als Leiche aber wie kann eine Leiche

- beatmet werden?

- auf zugeführte Medikamente reagieren?

- einen Blutdruck / Kreislauf haben?

- rosige Haut haben?

- Temperatur aufrechterhalten?

- einen Stoffwechsel haben?

- schwitzen?

- Infektionen entwickeln?

- reanimiert werden?

- Nahrung und Flüssigkeit aufnehmen, verdauen und ausscheiden?

- zeugungfähig sein?

- ein Kind austragen?

- ein selbständig schlagendes Herz haben?

- auf Schmerzen mit Puls-/Blutdruckanstieg reagieren?


Wissenschaftlich definiert ist der Tod das Erlöschen des Stoffwechsels im Gewebe. - Ich dachte immer Medizin wäre eine Wissenschaft!

Gruß

Kosa


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BeitragVerfasst: 29.05.13, 13:08 
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Beiträge: 7270
Wohnort: Bad Nauheim
Report-Sendung zum Thema:
http://blog.br.de/report-muenchen/2013/ ... ender.html
Sehenswert!

_________________
Herzlichen Gruss
Ihr Achim Jäckel
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BeitragVerfasst: 29.05.13, 19:56 
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Beiträge: 3413
wirklich sehenswert,
das müsste so manchen Organspender nachdenklich stimmen, auch wenn er keine Patientenverfügung hat. 8)


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BeitragVerfasst: 10.08.13, 12:39 
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Interessierter

Registriert: 03.08.13, 17:55
Beiträge: 15
Wohnort: NRW
ja...mhh :shock: :?
da wird mir mal klar wie leichtfertig viele menschen (mir eingeschlossen) so einen organspendeausweiss ausfüllen und mit sich rumtragen.
Das alles war mir in keinster weise klar ich war davon überzeugt eh längt VOLLKOMMEN tot zu sein...naja nun werde ich mir das nochmal sehr genau überlegen und mich erstmal sehr gründlich informieren. Das schockierenste finde ich das keinerlei Schmerzmittel mehr gegeben werden dürfen :shock:
Das ist ein echt heikles Thema finde ich!

eine Patientenverfügung kann man sich im Internet einfach ansehen?

_________________
lieben gruss
Kitty

------------------
nicht weil es schwer ist wagen wir es nicht
........sondern.........
weil wir es nicht wagen ist es schwer!


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BeitragVerfasst: 31.07.16, 09:45 
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Registriert: 21.03.05, 11:49
Beiträge: 395
Wohnort: in Sachsen-Anhalt
Jetzt erst stellte sich auch mir diese Frage, denn ich trage seit Jahren einen Organspendenausweis und eine Patientenverfügung bei mir. Ich möchte gern für eine Organspende am Leben erhalten werden, aber nicht, um mein Leben auf Teufel komm raus zu verlängern. Das ist ein Konflikt in mir. Was mache ich? Kann ich in meiner Patientenverfügung formulieren, dass eine Erhaltung meines Lebens bis zur Organentnahme genehmigt ist? Oder wird das zu kompliziert für die Ärzte? Ich will auf jedem Fall kein Dahinsiechen und nicht sterben dürfen, nur weil ich an Geräten hänge. Ich würde gern so einen Passus in meine Patientenverfügung formulieren. Ergibt das Sinn?

_________________
-Nutze das Leben ständig-du bist länger tot als lebendig.-


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BeitragVerfasst: 12.08.16, 13:53 
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DMF-Moderator

Registriert: 06.03.05, 08:30
Beiträge: 4393
Wohnort: Hildesheim
Guten Tag,

schauen Sie mal hier:
viewtopic.php?f=8&t=126432&p=569639#p550081

...und da kann man durchaus auch einen Passus einfügen, der regelt, wie es bis zu evtl. Organspende laufen soll:

"Wenn meine Organe aufgrund meiner Grunderkrankung (i.d.R. irreversibler Hirntod) für eine Organspende in Frage kommen, erlaube ich die Weiterführung einer maximalen Intensivtherapie bis die Frage einer Organspende endgültig geklärt ist (i.d.R. 1-2 Tage). Sollte eine Organspende nicht in Frage kommen, sind alle intensivmedizinischen Maßnahmen incl. Beatmung und Ernährung sofort zu beenden."

Mit freundlichen Grüßen

A. Flaccus

_________________
Dr. A. Flaccus
Facharzt für Anästhesie
- Notfallmedizin -
DMF-Moderator


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