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medizin-forum.de • Thema anzeigen - Suizidversuch-wie geht Ihr mit dieser Situation um ?
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BeitragVerfasst: 29.12.04, 08:47 
Hallo Forum, :D

nachdem Tine in Ihrem Posting von dem gelungenen Suizid mit Kalium berichtet hat, würde ich gerne mal wissen, wie Ihr mit Patienten umgeht, die ihr wegen Suizidandrohung/-versuch versorgt. Ich meine jetzt nicht die medizinische Versorgung, sondern die psychische Seite.

Habt Ihr bei solchen Patienten andere Emotionen, als bei rein körperlich Kranken ? Habt ihr Mitgefühl / Mitleid oder eher negative Gefühle ? Macht es für Euch einen Unterschied, ob ein ernstgemeinter Suizidversuch oder ein „appellativer“ Suizidversuch (d.h. eigentlich kein Wunsch, wirklich zu sterben) ist? Fragt ihr die Patienten, warum sie es getan haben ? :?:

Hab hier auf Wache mal ca.10 Rettungsdienstkollegen danach gefragt. Bei appellativen Suiziden behandeln ca. 1/3 von der emotionalen Zuwendung her den Patienten, wie alle anderen auch. Ein weiteres 1/3 empfindet innerlich „nichts“ für den Patienten, kann keinen „gefühlsmäßigen“ Bezug herstellen, versucht aber, normal freundlich zu sein. Der Rest hat eher aggressive und ablehnende Gefühle dem Patienten gegenüber und spricht so wenig wie möglich mit ihnen. Ich gehöre übrigens zum letzten Drittel. Alle 10 Kollegen sagten, dass sie mit dem Patienten selbst kaum Mitleid noch Mitgefühl haben, dafür aber umso mehr mit den Angehörigen der Patienten. Mir geht’s genauso.

Würde mich interessiere, wie es Euch dabei geht und wenn man Aggressionen gegen solche Patienten bekommt, warum eigentlich ? Wie gesagt, es geht nur um die nicht wirklich ernstgemeinten Suizidversuche, die meiner Meinung nach 90 % aller Versuche darstellen.
Also nach dem Motto „erst noch reichlich zu Abend essen, dann 5 Tbl. Vitamin C und 3 Tbl. Halbmond schlucken und dann dem Freund sagen „Duuuu warst so böse, dass ich Tabletten geschluckt habe...“.

Bin sehr gespannt ! :shock:

Euer doc-in-not :wink:


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BeitragVerfasst: 29.12.04, 13:32 
Moin!

Na, da bin ich, als ehemaliger RD'ler und jetzt ärztlich in der Psychiatrie tätig, ja mal auf die Kommentare gespannt. :wink:

Besonders würde mich interessieren, warum auf die eine oder andere Weise reagiert wird.

Gruß, M.


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BeitragVerfasst: 29.12.04, 13:41 
Anonymous hat geschrieben:
Moin!

Na, da bin ich, als ehemaliger RD'ler und jetzt ärztlich in der Psychiatrie tätig, ja mal auf die Kommentare gespannt. :wink:

Besonders würde mich interessieren, warum auf die eine oder andere Weise reagiert wird.

Gruß, M.


Hallo Gast M.,

wäre auch nett, wenn Du uns mal schreibst, wie damals als Rettungsdienstler Deine Gefühle bei suizidalen Pat. waren und ob sich Deine Einstellung durch die Tätigkeit in der Psychiatrie verändert hat ?

Was sind denn Deiner Erfahrung nach die Gründe der Patienten, Tabletten einzunehmen, bei denen eigentlich auch einem Laien klar sein sollte, daß man sich damit nicht umbringen kann ? Ich kann das wirklich unheimlich schlecht nachvollziehen, aber vielleicht mehr Empathie für diese Patienten aufbringen, wenn ich mehr Wissen darüber habe ?

Danke und Gruß ! doc-in-not :wink:


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BeitragVerfasst: 29.12.04, 13:54 
hallo,

ich persönlich habe ein problem mit der einteilung ernstgemeinter suizidversuch / appelativer suizidversuch. auch ein appelativer suizidversuch ist ein ernst gemeinter.
in jedem fall macht der patient deutlich, das er "so" nicht weiterleben möchte.

wir betreten im rd für einen kurzen zeitraum die wirklichkeit eines anderen menschen, ich halte es da für unmöglich eine wirklich fundierte aussage über den charakter eines suizidversuches zu treffen. die "wahren" hintergründe, die geschichte eines menschen und der charakter seiner beziehungen zu seinen angehörigen (mit denen wir dann "mitleid" haben) können wir garnicht erfassen.

ich selbst maße mir nicht die position an, zu entscheiden, wie "ernstgemeint" ein suizidversuch ist und bemühe mich darum, den patienten professionell zu versorgen. dazu gehört selbstverständlich auch, das ich ihm keinerlei vorwürfe mache und das ich ihn als das wahrnehme was er ist: ein mensch in einer persönlichen krisensituation, der meine hilfe benötigt.

warum reagieren manche kollegen agressiv auf den suizidalen patienten?
da verunglücken junge "unschuldige" menschen und wir kommen zu spät. alten menschen, die ihr leben lang für ihre lieben gesorgt haben, geht´s im alter hundsmiserabel und wir kommen als rd dazu.

und was machst du ?? böser suizidaler patient ?? du bringst dich ohne not in lebensgefahr, du blockierst meinen rtw für die "richtigen" notfälle, du stiehlst mir meine zeit.

diese agressivität ist m.e. nach ausdruck dieser haltungen. dies ist kein vorwurf sondern stellt lediglich einen erklärungsversuch dar. vielleich fragt sich jeder selbst, ob an dem o.g. ein funke wahrheit drann sein könnte. auf antworten / stellungnahmen / kritik bin ich sehr gespannt.

mit kollegialem gruß

paramedic


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BeitragVerfasst: 30.12.04, 10:56 
Zitat:
warum reagieren manche kollegen agressiv auf den suizidalen patienten?
da verunglücken junge "unschuldige" menschen und wir kommen zu spät. alten menschen, die ihr leben lang für ihre lieben gesorgt haben, geht´s im alter hundsmiserabel und wir kommen als rd dazu.

und was machst du ?? böser suizidaler patient ?? du bringst dich ohne not in lebensgefahr, du blockierst meinen rtw für die "richtigen" notfälle, du stiehlst mir meine zeit.


Hi Paramedic,

das ist ein echt interessanter Aspekt, den ich noch nie so konkret fassen konnte in meiner "Gedankenwelt", der aber sicher einen Teil meiner Aversionen erklärt. Diese "Du bringst Dich ohne Not in Lebensgefahr", machst Dich sozusagen bewusst selber krank, das löst schon Aggressionen bei mir aus.

Für mich wirkt aber auch diese "erpresserische" Absicht, die ich doch bei einigen Suizidversuchen sehe (oder zu sehen glaube ?) ziemlich abstossend. Dieses "Du warst böse zu mir und jetzt bestraf ich Dich und nehm Tabletten...".

Bei diesen Konstellationen liegt mein Mitgefühl sehr bei den Angehörigen, die ja oft völlig erschüttert und mit immensen (unberechtigeten ?) Schuldgefühlen zurückbleiben. Alles konzentriert sich auf den Patienten und diese Menschen bleiben in ihrer Not allein. Oft auch Kinder, die das überhaupt nicht verarbeiten können. Ich nehm mir oft noch ein paar Minuten Zeit und spreche auch mit den Angehörigen.

Ich hatte die Probleme mit Suizidalen übrigens von Anfang meiner ärztl. Tätigkeit an, auch schon in Klinikzeiten, in denen wir 2-3 Suizidale (95 % mit Tabletten) pro Woche behandelten. Die Großteil kam übrigens zu Fuß in Begleitung völlig aufgelöster Angehöriger.
Diese Patienten musste ich dann -obwohl medizinisch völlig unnötig- aus rein rechtlichen Gründen auf der Intensivstatíon aufbewahren, bis ein Psychiater (niedergelassener Konsiliararzt) sie in ihrer aktuellen Suizidalität abgeschätzt hatte. Und der Psychiater kam nur wochentags, so daß die Patienten, die Freitags kamen das ganze Wochenende auf Intensiv verbrachten.

95 % dieser Patienten gingen danach direkt von Intensiv nach Hause, 5% in diePsychiatrie. Für Patient und Angehörige entstand aber der Eindruck, sie seien so krank, daß sie intensivpflichtig sind. Ich kanns nicht erklären, aber das hat mir tierisch gestunken ! Abgesehen daß wertvolle Intensivbetten durch diese Patienten blockiert wurden, womit sich wieder Deine Annahme "böser Patient" bewahrheitet.

Ich habe -auch aufgrund der wenigen Postings- den Eindruck, daß ich hier ein Tabu-Thema angesprochen habe. Ich dachte bisher ehrlichgesagt auch, ich sei die Einzige, die Aggressionen bei Suizidalen bekommt und war bei dem Gespräch auf unserer Wache regelrecht erleichtert, daß es wohl sehr vielen im RD so geht.

Ich würde gerne anders und "menschlicher" mit solchen Patienten umgehen, weiß aber nicht, wie. Aber vielleicht komme ich der Sache näher, wenn ich die Ursache meiner Aggressionen besser verstehe.

In diesem Sinne wäre es schön, wenn noch mehr hier posten, wie es ihnen bei diesen Patienten geht, vor allem auf einen fachlichen Beitrag von Gast M. mit Psychiatrieerfahrung wäre ich sehr gespannt.

Mit freundlichem Gruß an alle ! doc-in-not :wink:


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BeitragVerfasst: 30.12.04, 11:31 
Moin!

Ich glaube, paramedic trifft die Sache schon ganz gut. Da muss ich "meinen" RTW mit jemandem blockieren, der sich selbst in (Lebens-)Gefahr bringt, wenn jederzeit mein Piper z.B. für einen Kindernotfall oder schweren VU losgehen könnte.

Als Psychiater interessiert mich das eher sekundär wie der Suizidversuch unternommen wurde. Eine Unterscheidung in "ernstgemeinten" und Parasuizidversuch ist insbesondere für die Primärversorgung völlig überflüssig. Beide setzen eine individuelle Krisensituation voraus. Diese ist immer behandlungsbedürftig!

Als ich (nicht-ärztlich) im RD tätig war, hatte ich auch Schwierigkeiten mit diesen Situationen umzugehen. Kein Wunder: In meiner / in den Ausbildung(en) im Rettungsdienst wurde auf den "psychischen Notfall" allenfalls am Rande eingegangen. Man wird darauf trainiert aus objektivierbaren Befunden heraus zu handeln. Nichts ist dann so "schwammig" und unfaßbar wie eine psychische Notsituation, wo ich vermutlich außer dezent-abweichender Vitalparameter nichts konkretes in der Hand habe.

Notfallmedizin ist ein zu 99% somatomedizinisches Gebiet. Mein Job als RD'ler ist es jemanden möglichst in kreislaufstabilen Verhältnissen (oder wenigstens in nicht schlechterer vitaler Verfassung als noch am Einsatzort) der klinischen Versorgung zuzuführen. Da diese Patienten zum allergrößten Teil kreislaufstabil sind, würde man am liebsten ein Taxi für den Transport zu bestellen und sich wieder seiner "eigentlichen" Aufgabe zuwenden.
Das Ausschalten von Gefühlen in der Versorgung von Schwerstkranken ist ja grundsätzlich sinnvoll, weil es einem erlaubt seine Notfall- bzw. Behandlungsalgorithmen effektiv abzuspulen (und das ist nicht negativ gemeint). Und plötzlich muss ich beim psychischen Notfall gerade wieder mit Gefühlen (eigenen und denen der Angehörigen und Patienten) umgehen. Aber eigentlich ist dies doch ganz leicht. Denn man muss ja "nur" die Gefühle aushalten (und das auch nur für den überblickbaren Zeitraum des Transportes).

Gruß, M.


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BeitragVerfasst: 30.12.04, 11:35 
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noch neu hier

Registriert: 29.12.04, 13:34
Beiträge: 2
hallo doc-in-not, hallo forum,

schön, das dich dieser aspekt deinen agressionen etwas näher gebracht hat :D einiges möchte ich zu deinem posting noch sagen:

1. ich habe auch das gefühl, das du hier an einem tabuthema gerührt hast. gerade darum finde ich deinen beitrag so wichtig, danke !

2. das gespräch mit den kollegen deiner rw hat ja ergeben, das du mit diesen gefühlen nicht alleine bist. wir sollten im rd kontinuierlich bemüht sein, gerade über solche tabuthemen zu sprechen, das ermöglicht gerade solche erfahrungen und bringt uns ein gutes stück näher an die kollegen/kolleginen.

3. dein wunsch, "menschlicher" mit den patienten umzugehen, zeigt ja auch sehr deutlich, das es wohl notwendig ist, in diesem bereich "nachzulegen"

in aller deutlichkeit: ich bin kein "überretter" und/oder guter samariter, auch mir passieren immer wieder "griffe in´s klo". aber das bemühen um ein besseres verständnis für den patienten (muss ja nicht immer sein) und das hinterfragen meines handelns haben mich ein gutes stück weitergebracht.

bis dann

daniel


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BeitragVerfasst: 30.12.04, 13:56 
Noch ein paar Fragen: Macht ihr euch bei Verkehrsunfällen auch Gedanken, wer den Unfall verschuldet hat und warum? Sicher kommt es auch häufig vor dass Menschen mit einer vorhandenen Krankheit sich aus welchen Gründen auch immer nicht richtig behandeln lassen oder sich nicht an Behandlungsvorschriften halten, und so Notfälle provozieren. "Selbst schuld"?

Mir ist klar dass bei Selbstmordversuchen die Absicht ganz deutlich ist und man da eben leicht von "selbst schuld" sprechen kann. Aber wer weiß schon was jemanden dazu treibt? Psychische Störungen lassen sich eben nicht messen. Ich wünsche mir sehr dass sie trotzdem als ernstzunehmende Krankheit anerkannt werden. Niemand wird absichtlich, nur so zum Spaß :/ depressiv oder "hysterisch". An einem psychischen Zustand allein ist wohl noch nie jemand gestorben, ihr seht nur die Folgen was sie mit Menschen anrichten. Ist eine Vergiftung mit Tabletten absichtlicher als ein Herzinfarkt durch verqueres Konfliktverhalten? Wer ist schuld an einem Magengeschwür, Diabetes, Sportverletzungen?

Ich will niemandem einen Vorwurf machen. Es kann nicht die Aufgabe von Sanis sein an psychischen Störungen herumzuanalysieren, und auch Menschen die mehr Zeit hätten entwickeln oft genug wenig Verständnis für die emotionale Situation die zu einem Selbstmordversuch führt. Ich bin froh über jeden Gedanken, den sich jemand zu diesem Thema macht.


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BeitragVerfasst: 30.12.04, 14:45 
hallo gast,

ich muß dir etwas wiedersprechen. um "herumanalysieren" ging es hier niemandem und es ist sehr wohl unsere aufgabe einen menschen als ganzes (eben auch die psychische seite!!!) zu beachten. es ging hier auch garnicht um irgendwelche schuldzuweisungen sondern um einen kollegialen austausch. ich finde es sehr mutig von doc-in-not die aufkommenden gefühle hier offen zu legen. wenn sie nunmal da sind, ist es auch gut darüber zu sprechen. wer täglich mit menschen zu tun hat, die "unschuldig" in not geraten sind, reagiuert nunmal so, wenn er mit suizidalen patienten konfrontiert wird, die sich ja "willentlich" in diese situation gebracht haben (das ist natürlich blödsinn!!! aber die erste wahrnehmung ist nunmal so). im grunde genommen ging es hier um was ganz anderes, lies die beiträge doch nocheinmal aufmerksam durch, dann wird wohl klar was ich meine.

mit kollegialem gruß

daniel


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BeitragVerfasst: 30.12.04, 15:07 
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DMF-Moderator

Registriert: 15.09.04, 16:01
Beiträge: 1343
Wohnort: Hansestadt Greifswald
Liebe Teilnehmer an dieser hervorragenden Diskussion,

doc-in-not hat ein sehr sensibles, aber auch wichtiges Thema zur Diskussion gebracht.
Vor allem seine Ehrlichkeit
Zitat:
ich finde es sehr mutig von doc-in-not die aufkommenden gefühle hier offen zu legen.
ehrt ihn dabei besonders. Ich persönlich weiß nicht, ob ich mir das auch so getraut hätte, obwohl ich zugegebenermaßen fast genauso denke.
Dabei denke ich wir sollten beachten, dass unsere Gefühle nichts mit einer professionellen Versorgung des Patienten zu tun haben.
Für alle die unseren "düsteren" :-) Gedanken kritisieren:

Mal ganz ehrlich, empfindet ihr für jeden Patienten mit ACS (nur ein Beispiel) das Gleiche? Gibt es nicht zahlreiche Faktoren, die dabei eine Rolle spielen? Es könnte Nachts sein, der 10te Einsatz, in der 11. Etage, der Patient könnte schwer sein, murrig, will sowieso nur mit einem Arzt sprechen und nicht mit Krankenwagenfahrern.
Vielleicht ist aber das ACS grade Euer Spezialgebiet und der Patient damit für Euch interessanter als die ausgetrocknete Omi von nebenan? Oder ein naher Verwandeter war / ist gerade selbst davon betroffen, was Euch hilft die Sorgen und Nöte des Patienten besser zu verstehen.

Auch wenn ich mit diesem Posting zum Teil provoziere: Alles was ich damit sagen will, ich glaube an Eure professionelle Arbeit da draussen. Aber Gedanken und Gefühle lassen sich (leider?) nicht beeinflussen oder gar abstellen und das ist auch gut so.

_________________
Erik Eichhorn
Rett-Med
DMF-Moderator im Forum Rettungsdienst und präklinische Notfallmedizin


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BeitragVerfasst: 30.12.04, 15:20 
Hallo!
Obwohl ich mitgekriegt zu haben glaube, dass hier lieber unter "Fachleuten" als mit Laien diskutiert wird, möchte ich mich trotzdem kurz einmischen.
Vor allem das
Zitat:
"du bringst dich ohne not in lebensgefahr"

möchte ich nicht so stehen lassen. Von "ohne Not" kann wohl nicht die Rede sein! Und es wurde ja auch in einem Posting schon auf solche psychischen Notsituationen eingegangen. Diese Not ist halt viel weniger augenscheinlich, meist nicht spektakulär..... aber ist sie deshalb weniger ernst zu nehmen??? Auch bei der ersten Wahrnehmung?
Für sich daraus ergebende weitere Probleme (unnötig lange Blockierung von Intensivbetten....) habe ich ebenfalls Verständnis und auch für so entstehende Aversionen.
Ich hätte mir aber eher vorstellen können, dass man als Helfer z.B. bei "Alkoholleichen" aggressiv reagiert, die meiner Ansicht nach viel eher "ohne Not" bzw. ganz und gar nicht "unschuldig" ein Fall für den Rettungsdienst werden ...

Auch ich möchte niemandem einen Vorwurf machen, im Gegenteil, ich bin froh und dankbar, dass sich so viele Leute mit großem Idealismus im Rettungsdienst engagieren!
Und dass dieses Thema hier überhaupt zur Sprache kommt, zeigt doch schon, dass man sich Gedanken darüber macht und seine Einstellung dazu eventuell überdenken oder hinterfragen möchte. Das allein ist für mich schon ein Beweis für eine bewundernswerte und menschliche Haltung!

Danke und nix für ungut!
Ein anderer Gast (der keine Ahnung hat, was ACS ist?? :oops: )


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BeitragVerfasst: 30.12.04, 17:34 
Hallo Forum,

toll, daß hier doch immer mehr mitdiskutieren und die Situation unter so unterschiedlichen Aspekten beleuchten !!!

Danke auch besonders Gast M. für Dein ausführliches Posting, mit dem Du die Seiten "draussen im Rettungsdienst" und "Weiterbehandlung in der Psychiatrie"so toll differenziert darlegst !

Zitat:
Als ich (nicht-ärztlich) im RD tätig war, hatte ich auch Schwierigkeiten mit diesen Situationen umzugehen. Kein Wunder: In meiner / in den Ausbildung(en) im Rettungsdienst wurde auf den "psychischen Notfall" allenfalls am Rande eingegangen. Man wird darauf trainiert aus objektivierbaren Befunden heraus zu handeln. Nichts ist dann so "schwammig" und unfaßbar wie eine psychische Notsituation, wo ich vermutlich außer dezent-abweichender Vitalparameter nichts konkretes in der Hand habe.


Du machst mich damit auf etwas aufmerksam, was auch mit meine Aversionen gegen Suizidale begründen dürfte. Diese Hilflosigkeit, letztlich gar nicht helfen/agieren zu können. Den Patienten mit ein paar Tabletten intus geht es ja körperlich prima, die laß ich meist zum RTW laufen und mach auch kein Monitoring. Mit den Gedanken im Kopf, die Du so schön in Worte fasst

Zitat:
Da diese Patienten zum allergrößten Teil kreislaufstabil sind, würde man am liebsten ein Taxi für den Transport zu bestellen und sich wieder seiner "eigentlichen" Aufgabe zuwenden.


Auch psychisch kann ich im Prinzip nix helfen, was soll ich denn auf 5-15 Minuten Fahrt auch machen ? Mit anderen Kranken, bei denen ich ärztlich während des Transportes nichts zu tun habe (z.B. Apoplex, Blasensprung ohne Wehen bei Schwangerer, unauffälliges Kind nach Schädelprellung/ Fieberkrampf) unterhalte ich mich dann, beruhige, erkläre, wie es in der Klinik weitergeht.
Bei den Suizidalen kann ich das irgendwie nicht. Mich interessiert eigentlich gar nicht, warum die das nun getan haben. Abgesehen davon hab ich eh keine Ausbildung in notfallpsychiatrischer Intervention und kann im RTW nichts sinnvolles sagen. Und so Plattitüden wie "das wird schon wieder" spar ich mir und dem Patienten.

Bleibt letztlich ein bei mir ausgebremster "Aktionismus" und ein durch den Patienten ausgebremstes "Helfersyndrom". Vielleicht setze ich dann durch "Hilflosigkeit/ fehlende Möglichkeit zu intervenieren" ausgelöste, negative Gefühle in Aggressionen gegen die Patienten um ?

Habe auch im "Psychologie in Notfallmedizin und Rettungsdienst" von Bengel versucht, der Sache näher zu kommen. Interessanterweise findet man auch hier eigentlich gar keine wirklich konkreten Hinweise auf den Umgang mit Suizidalen, das Kapitel darüber beschäftigt sich hauptsächlich mit der Einstufung der Suizidalität und den rechtlichen Vorgehensweisen. Auch das Auftreten von Aggressionen/ Problemen im Umgang mit Suizidalen wird von Bengel überhaupt nicht erwähnt, während er im Kontext mit Alkis, Aggressiven und Gaffern sehr genau auf die gespaltenen Gefühle der Rettungsdienstler eingeht.

Vielleicht hat Gast M. ja irgendwie einen Tip, wie man sich als Ersthelfer gegenüber solchen Patienten am besten verhält, wenn diese Redebedürfnis haben ? Daß ich sie medizinsch korrekt versorge und versuche, meinen Ärger zu verbergen, ist klar. Wahrscheinich leide ICH unter meinem Ärger, der ja auch mit Schuldgefühlen verbunden ist, mehr als der Patient...

Also vielen Dank schonmal an alle, die sich bisher geäußert haben und ich freue mich schon auf weitere Beiträge !!!

doc-in-not :wink:

PS. Hallo Erik, als Nicht-Anästhesist *zwinker bin ich kein großer Kenner von Abkürzungen - was ist bitte ACS ??? Hoffentlich wirds jetzt nicht ganz doll peinlich für mich :oops:


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BeitragVerfasst: 30.12.04, 17:50 
Hallo Laien-Gast,

es ist sicher interessant, was Du aus Deiner Warte (als Betroffene ?) schreibst, aber diese Diskussion dreht sich halt- und das ist für Nicht-Rettungsdienstler nicht nachvollziehbar- letztlich kaum um die Sicht eines Patienten, der einen Suizidversuch unternimmt (ob ernstgemeint oder nicht), sondern fast ausschließlich um die Gefühle, die er bei den "professionellen Rettern" auslösen kann. Und die kennst Du als Laie wiederum nicht. Erik hat ja schon sehr gut versucht, das zu erklären.

Anonymous hat geschrieben:
Ich hätte mir aber eher vorstellen können, dass man als Helfer z.B. bei "Alkoholleichen" aggressiv reagiert, die meiner Ansicht nach viel eher "ohne Not" bzw. ganz und gar nicht "unschuldig" ein Fall für den Rettungsdienst werden ...


Siehst Du, bei "Alkoholleichen"...naja, laß uns lieber von Alkoholisierten sprechen, zu Leichen fahren wir eigentlich nicht hin... 8) bist DU der Ansicht, sie haben das "ohne Not" gemacht und sind selbst schuld.
Für mich sind Alkoholiker dagegen Kranke, die aufgrund eines schweren Alkoholrausches in Lebensgefahr sein können. Heißt nicht, daß ich diese Patienten besonders liebe, aber der Umgang mit Ihnen fällt mir sehr viel leichter, als mit Suizidalen, die konkret nicht in Lebensgefahr sind. Bei den jugendlichen "Vollrausch-Trinkern", die das aus Jux und Dollerei machen, krieg ich schon auch ziemlich Aggressionen, vor allem, wenn sie ein T-Shirt anhaben, auf dem "Saufen bis der Notarzt kommt" steht ! :evil:


Also nix für ungut und mit freundlichem Gruß !

doc-in-not :wink:


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 Betreff des Beitrags:
BeitragVerfasst: 30.12.04, 18:09 
Offline
noch neu hier

Registriert: 29.12.04, 13:34
Beiträge: 2
hallo zusammen,

ich möchte meinen satz "du bringst dich ohne not in lebensgefahr" aber sehr wohl so stehengelassen haben. es ging mir darum, eine möglichkeit für das entstehen von agressionen gegenüber suizidalen menschen zu erklären. wenn ein kollege so denkt, dann ist es eben so. ich kann versuchen ihm/ihr einen anderen blickwinkel zu zeigen oder meine sichtweise näher zu bringen, das wars dann aber auch, punkt!

es wäre fair, die forenbeiträge aufmerksam komplett zu lesen, ich bemühe mich ja auch darum, die postings anderer schreiber zu "verstehen"

ich persönlich bin übrigens absolut der meinung, das sich NIEMAND "ohne not" in solch eine lage bringt, selbst die "erpressungssuizidversuche" sind ja letztlich ausdruck höchster not. wenn jemand seine beziehungssachen nicht anders regeln kann, als durch die einnahme von ein paar kopfschmerztabletten, mh ? is doch ausdruck massivster probleme,. sieht das jemand anders ???

nochmals meine höchstachtung vor allen, die hier ihre gefühle zu diesem thema outen !!!

bis dann

daniel

acs = akutes coronar syndrom


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BeitragVerfasst: 30.12.04, 19:52 
Zitat:
acs = akutes coronar syndrom


ooooh, danke Daniel...habs befürchtet... :oops: megapeinlich... :roll: bin auch noch Internist... zu meiner Zeit hieß das noch instabile Angina pectoris. Aber keine Sorge, ich weiß, wie man`s behandelt ! :wink:

Gruß von doc-in-not


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