Navigationspfad: Home
medizin-forum.de • Thema anzeigen - Ein authentischer Fall
Aktuelle Zeit: 21.10.17, 01:58

Alle Zeiten sind UTC + 1 Stunde




Ein neues Thema erstellen Dieses Thema ist gesperrt. Du kannst keine Beiträge editieren oder weitere Antworten erstellen.  [ 3 Beiträge ] 
Autor Nachricht
 Betreff des Beitrags: Ein authentischer Fall
BeitragVerfasst: 20.12.04, 09:00 
Hallo !

Ich finde diese Diskussion echt toll. Es ist ein Problem, mit dem man sich als Arzt und als Angehöriger oft auseinandersetzen muß. Aus diesem Grund möchte ich euch einen Falls schildern, der sich so tatsächlich zugetragen hat.

Alarm Sonntag Vormittag: NAW – Lungenödem im Ort XY,, RTW vor Ort

Situation vor Ort: RTW (Einweisung vom HA Lungenödem) gibt Sauerstoff, RR 90/- SaO2 um 50 %, Atempausen, auskultatorisch Lunge frei. Das ganz spielt in einem schlecht beleuchteten Schlafzimmer, BZ normal, komatös, keine HSZ feststellbar.

Befragung der Angehörigen: akut verschlechtert, immer gesund, keine wesentlichen Vorerkrankungen.

Beim Versuch einen venösen Zugang zu legen fallen Hämatome an beiden Armen auf, kein peripher venöser Zugang möglich.

Frage: „War der Pat. gerade im KH“ – „Ja, nichts gefunden !“

ZVK – Intubation – Transport ins KH Internistische Intensiv

Computer befragt: „Alte Krankengeschichte“ – Fortgeschrittenes metastasiertes Karzinom – Pat. wurde auf Wunsch der Angehörigen „zum Sterben“ in die häusliche Pflege entlassen.

Letzten Endes hat sich der Patient am Vorabend verschlechtert, die Nacht haben sie zugesehen, dann konnten sie nicht mehr ...

Kein weiteres Kommentar ...

Mit freundlichen Grüßen

g@st


Nach oben
  
 
 Betreff des Beitrags: ja, that`s real life !
BeitragVerfasst: 20.12.04, 10:33 
Lieber g@st,

Deine Schilderung bringt genau auf den Punkt, was passiert, wenn die Angehörigen mit dem "Sterbevorgang" einfach überfordert sind. Das ist kein Vorwurf an die Angehörigen !!! Und hier sollte es einfach andere Möglichkeiten geben, als den Notarzt zu holen, der mit dem Patienten dann unwissentlich genau das macht, was dieser NIE gewollt hätte !

Angehörige, die einen Sterbenden zu Hause betreuen, müssten Hilfe von aussen bekommen, nicht nur pflegerische Hilfe, sondern seelische Hilfe, welche sie darauf vorbereitet, mit dem Sterben umzugehen. Diese Hilfe könnte z.B. durch speziell ausgebildetes Pflegepersonal, Ärzte, Sozialalarbeiter oder kirchliche Seelsorger angeboten werden. Nur wer soll/wird das zahlen ?

In Deinem konkreten Fall (so drastisch habe ich es auch noch nicht erlebt !) wäre der Hausarzt gefordert gewesen, der es sich ja auch sehr leicht gemacht hat. Warum konnte er einem solchen moribunden Patienten nicht mit großzügiger Morphingabe Schmerz und Angst nehmen und mit Sauerstoff die Atmung erleichtern ??? Warum haben die Angehörigen Dir nicht die zugrundeliegende Krebsdiagnose gesagt, dann hättest Du sicherlich nicht mehr intubiert, sondern wie oben behandelt, oder ?

Ich möchte hier noch einen Fall erzählen, den ich vor etwa einem halben Jahr erlebt habe und der absolut unerwartet endete:

4 Uhr morgens, Einsatz im Altenheim, 81-jährige Patientin, Z.n. 2 Apoplexen, aber wieder völlig mobil und selbstständig.

Bei Eintreffen NA Patientin tief bewußtlos ohne Schutzreflexe, Cheyne-Stoke`sche Atmung (für Laien: so nennt man eine Atemunregelmäßigkeit, die kurz vor dem Tod auftritt), Herzfrequenz 20-30 mit breiten Kammerkomplexen, RR 70/-, rechte Pupille weit, lichtstarr ohne LR, Babinski bds. positiv. Nach Ausschluß anderer Möglichkeiten mit höchster Sicherheit ein schwerster Re-Apoplex.

Das Pflegepersonal sagt von sich aus, die Patientin hätte sich immer geäußert, daß sie in einem solchen Fall nie ins Krankenhaus oder wiederbelebt werden wolle.

Wir vesorgten die Pat. zunächst mit Sauerstoff, Zugang (nur Ringer) einem Guedel-Tubus und drehten sie zum Aspirationsschutz vorsichtig in stabile Seitenlage. Eine Intubation/ Beatmung/ Reanimation kamen für mich aufgrund des Krankheitsbildes nicht in Frage.

Dann rief ich die Angehörigen an und schilderte die Situation. Ich verdeutlichte, daß auch im Krankenhaus letztlich nichts anderes gemacht werden könne, als im (sehr guten !) Pflegeheim und riet, die Patientin im Heim zu belassen. Die Angehörigen fanden das richtig, zumal sich die Pat. auch ihnen gegenüber klar gegen eine Krankenhausbehandlung geäußert hatte. Sie kamen sofort zum Altenheim, wo sie um 5 Uhr eintrafen. Ich blieb vor Ort (RTW war abgerückt, ich einsatzbereit, aber ich hoffte natürlich, nicht wegzumüssen), die Patientin hatte sich von Herzfrequenz, Atmung und RR auf niedrigem Niveau stabilisiert und lag friedlich, bewußtlos im Bett.

Mit den drei Angehörigen besprach ich nochmals ausführlich die Situation, erklärte ihnen, daß die Mutter vermutlich in den nächsten Stunden versterben könne. Das Pflegepersonal bejahte meine Entscheidung und sah es als völlig problemlos, eine intavenöse Flüssigkeitszufuhr und die O2-Versorgung durchzuführen. Ein Hausarztbesuch für den nächsten Vormittag wurde vereinbart. Ich rückte mit einem guten Gefühl wieder ab.

2 Wochen später bekam ich einen Brief der Angehörigen. Die ganze Familie hatte am Bett der Patientin gewacht. Die Patientin war in den nächsten Stunden aufgeklart, hatte spontan die Augen geöffnet und gelächelt. Sie wurde ins Krankenhaus gebracht und nach 1 1/2 Wochen mit einer geringen Restparese des Armes wieder ins Heim entlassen. Die Angehörigen haben sich ausdrücklich bedankt und es gutgeheißen, wie wir in dieser Nacht gehandelt haben. Ich dachte im ersten Moment, ich würde einen wütenden Brief und evtl. eine Anzeige wegen unterlassener Hilfeleistung bekommen...

Ich habe die Patientin später im Heim besucht. Sie hat mich natürlich nicht erkannt und sich an die gesamte Nacht nicht erinnert, wußte die Ereignisse nur aus Erzählungen ihrer Angehörigen. Ich habe sie gefragt, ob unser Handeln in dieser Nacht ihren Wünschen entsprochen hätte und sie sagte uneingeschränkt JA. Ich bin sehr glücklich wieder zur Wache gefahren.

Und nur aus dem Bauch raus... ich bin überzeugt, wenn wir die Patientin in dieser Nacht in ihrem äußerst labilen Zustand ins Krankenhaus transportiert hätten, wäre sie vielleicht schon auf der Fahrt gestorben...

Sorry, ist mal wieder lang geworden...

Mit herzlichem Gruß doc-in-not


@erik: Mojn ! Der gleiche Beitrag von g@ast ist auch im Thread "Notfalbehandlung und Patientenverfügung" Habe da auch geantwortet. Kannst Du das irgendwie in einem Thread koordinieren ? Danke !!!


Nach oben
  
 
 Betreff des Beitrags:
BeitragVerfasst: 20.12.04, 10:40 
Offline
DMF-Moderator

Registriert: 15.09.04, 16:01
Beiträge: 1343
Wohnort: Hansestadt Greifswald
Liebe User,

hier überschneiden sich zwei Beiträge, bitte einfach hier weiter lesen und schreiben.

Ich sperre damit hier zu *schloß rum dreh*

_________________
Erik Eichhorn
Rett-Med
DMF-Moderator im Forum Rettungsdienst und präklinische Notfallmedizin


Nach oben
 Profil  
 
Beiträge der letzten Zeit anzeigen:  Sortiere nach  
Ein neues Thema erstellen Dieses Thema ist gesperrt. Du kannst keine Beiträge editieren oder weitere Antworten erstellen.  [ 3 Beiträge ] 

Alle Zeiten sind UTC + 1 Stunde


Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 2 Gäste


Du darfst keine neuen Themen in diesem Forum erstellen.
Du darfst keine Antworten zu Themen in diesem Forum erstellen.
Du darfst deine Beiträge in diesem Forum nicht ändern.
Du darfst deine Beiträge in diesem Forum nicht löschen.

Suche nach:
Powered by phpBB® Forum Software © phpBB Group
Deutsche Übersetzung durch phpBB.de
Karma functions powered by Karma MOD © 2007, 2009 m157y
© Deutsches Medizin Forum 1995-2017. Ein Dienst der Medizin Forum AG, Hochwaldstraße 18 , D-61231 Bad Nauheim ,HRB 2159, Amtsgericht Friedberg/Hessen, Tel. 03212 1129675, Fax. 03212 1129675, Mail jaeckel@medizin-forum.de. Plazieren Sie Ihre Werbung wirkungsvoll! Hier finden Sie unsere Mediadaten!