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medizin-forum.de • Thema anzeigen - Patientenverfügung und Nofall-Rea
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 Betreff des Beitrags: Beispiel 2
BeitragVerfasst: 21.12.04, 19:34 
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DMF-Mitglied

Registriert: 20.12.04, 11:53
Beiträge: 91
ca 70 a alter Mann, mir persönlich aus dem KH bekannt, vor kurzem entlassen. Fortgeschrittenes Leberzellkarzinom, liegender Venflon. Tochter (helferin im Pflegedienst) wechselt 2 x Tag die Infusionen.

Sonntag: Verschlechterung des AZ, kann nicht mehr schlucken, ist aber kontaktfähig, orale Opiate nicht mehr möglich. Hausarzt hat nicht Dienst.

Anfrage bei der Rettung den "Notarzt" zu schicken, gemeint war wohl die Vertretung des HA.

Auftritt des NA auf der Bühne des großen Notfalles. Besprechung der Situation mit Patient, Gattin und Tochter. Versorgung zu Hause gewünscht, bei präfinalem Zustandsbild.

Neuanlage eines Venflons, damit die Versorgung sicher gestellt ist, ausreichende Analgesie über Vendal, wird auf meine Anordnung von der Tochter verabreicht, Hinterlegung von ausreichend Material (Spritzen, Nadeln, Vendal) bis Montag vormittag, dann weitere Rezeptur über den HA. Dieser wird von mir am Montag in der Früh kontaktiert.

Montag nachmitag ist der Patient zu Hause friedlich verstorben.

Allerdings haben die später hinzukommenden (nicht pflegenden) Angehörigen massiven Druck auf Tochter und Gattin gemacht, den Patienten doch unbedingt zu hospitalisieren.
Deswegen haben sie mich noch angerufen, ich habe ihnen noch einen Hausbesuch versprochen, wenn sie Hilfe brauchen, es ist aber ohne weiteren Besuch gegangen.

Wirklich berührt hat mich nur das Schreiben der Gattin, auf Wunsch des Patienten verfasst, in dem er sich dafür bedankte, daß sein Wunsch nach einem menschlichen Tod zu Hause respektiert wurde.

_________________
Schöne Grüße von

Grisu

(dem kleinen Rettungsdrachen)


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 Betreff des Beitrags: Sterben lassen...
BeitragVerfasst: 22.12.04, 23:11 
Hallo Grisu,

sehr interessant und "deja vu" Deine Fallberichte - danke !!!

Du scheinst auch einer der Notärzte zu sein, die sich mehr Gedanken über ihre Patienten machen als "wie krieg ich den noch lebend in die Klinik ?". Dein Vorgehen in den geschilderten Fällen finde ich sehr überlegt, sehr menschlich und sehr engagiert. Du hast damit sicherlich sehr viel mehr Zeit und Energie aufgebracht, als viele unser Kollegen dies üblicherweise tun. Ich denk mir - ganz ehrlich (die Laien-Mitleser hier werden entsetzt sein und mögen mir verzeihen !)- um 3 oder 4 Uhr morgens auch manchmal, mein Gott, dann pack ich die Oma halt ein, nach mir die Sintflut und in einer dreiviertel Stunde bin ich wieder im Bett. Aber ich kann dann nicht so handeln. Zu nahe sind die Gedanken, daß ein Notarzt dies vielleicht gerade mit meinen Eltern macht. Ja, ich opfere die Zeit, die Mühe, führe Telefonate mit Hausärzten, lange Gespräche mit Pflegepersonal und Angehörigen, verbringe 1 1/2 oder 2 Stunden mit diesen Patienten... und falle mit dem guten Gefühl ins Bett, diese Patienten eben nicht nur medizinisch den "Regeln der Kunst entsprechend" behandelt zu haben, sondern auch menschlich mein Bestes getan zu haben. Ich denke, die Notärzte, die selbst längere Zeit auf Innere (Intensiv)stationen gearbeitet haben, sehen das Schicksal eines alten, moribunden Patienten ganz anders, denn sie wissen auch, was NACH dem "Abliefern" in der Klinik mit ihm passiert.

Sorry, ist jetzt etwas sehr schwülstig nach 24-h-Dienst + Glühwein... + einem Einsatz, den ich morgen abend berichten will. Soviel im Vorraus: Jahrgang 44, geglückte Rea nach massiver Aspiration, vermutlich schwerer Hirnschaden... Betreuerin fordert maximale Therapie.

Gruß von einem ziemlich kaputten doc-in-not :wink:


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 Betreff des Beitrags:
BeitragVerfasst: 23.12.04, 01:09 
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DMF-Moderator

Registriert: 16.09.04, 12:16
Beiträge: 996
Hallo,
ich möchte Sie auch ausdrücklich in ihren hier geschilderten Entscheidungen, moribunde Patienten betreffend, bestärken. Sie haben die Patienten gut versorgt.
Ich finde das Klasse und würde mir das auch für meine Angehörigen oder mich selber eher wünschen, als einsam im KH zu sterben. In einer mir fremden Umgebung mit lauter Leuten, die ich nicht kenne. Den Vorschlag einer besonderen Vorbereitung und Begleitung für die Angehörigen finde ich auch gut. Wir haben heutzutage keine Ahnung davon, wie ein Mensch stirbt, dass und wie man von ihm Abschied nehmen und ihn begleiten kann.
Leider weiß ich im Augenblick nicht, wer das wie bewerkstelligen soll.

Auf den Fall von morgen bin ich auch schon gespannt, lieber doc-in-not. Natürlich fordert die Betreuerin maximale Therapie bei einem 44j Pat. Woher soll sie schließlich wissen, was ein hypoxischer Hirnschaden ist - und woher sollen Ärtzte wissen, wie schwer der sich im Einzelfall auswirkt.

Gute Nacht,
Annett Löwe


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BeitragVerfasst: 15.06.05, 17:13 
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DMF-Mitglied

Registriert: 24.04.05, 17:08
Beiträge: 26
Wohnort: Nuthetal
AnnettLoewe hat geschrieben:
Das Probelm mit der Patientenverfügung ist damit aber nicht gelöst. Ich wüsste selber nicht genau, wie ich eine geistreich genug formulieren sollte, damit im Notfall, das Mögliche geschieht und das Unnötige unterbleibt.

Das ist tatsächlich ein großes Problem. Allerdings wurde das auch vom Gesetzgeber erkannt, der deshalb die Situation von Expertenkommissionen prüfen ließ, dann ein Broschüre mit Formulierungshilfen (Textbausteinen) veröffentlichte und später einen Gesetzentwurf einbrachte. Nach heftigem Aufbegehren verschiedenster Kreise wurde der wieder zurückgezogen. Was uns bleibt sind die Textbausteine, für deren Verwendung es auch Online-Hilfen gibt, wo die Fragen benutzerfreundlich aufbereitet sind und gegen eine Spende individuelle Patientenverfügungen erstellt werden. Zusätzliche Vorsorgedokumente werden zur Ergänzung angeboten und eine Benachrichtigungskarte mitgeschickt, die Sie bei sich tragen sollten. Wenn Sie sich eingehend über Patintenverfügungen informieren wollen bietet sich die Website des HVD an, der seit über 10 Jahren individuelle Patientenverfügungen anbeitet und ein eigenes, weiter reichendes Model anbietet. Eine weitere, sehr informative Quelle zum Thema ist Wikipedia.


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 Betreff des Beitrags:
BeitragVerfasst: 21.06.05, 17:28 
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DMF-Mitglied
DMF-Mitglied

Registriert: 18.02.05, 18:27
Beiträge: 418
das problem wird trotzdem weiterbestehen, denn man kann durchaus unterschiedlicher meinung sein, wo die grenzen zwischen dem möglichen und dem unnötigen verläuft.

grüße

downcase


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BeitragVerfasst: 27.06.05, 21:21 
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DMF-Mitglied

Registriert: 24.04.05, 17:08
Beiträge: 26
Wohnort: Nuthetal
Es ist eindeutig, dass Ärzte nichts gegen den Willen eines Patienten tun dürfen, also sind die entscheindenden Problem den Patientenwillen zu dokumentieren und durchzusetzen. Zur Dokumentations ist eine Patientenverfügung das wohl beste Mittel und zur Durchsetzung ein entsprechend instruierter und selbstbewußt auftretender Bevollmächtigter.

Leider wird in den Medien nur darüber berichtet, wenn es mal mit einer Patientenverfügung nicht gut geklappt hat. Das verzerrt den Eindruck über die Wirksamkeit der PV in der Öffentlichkeit. Ich weiß von der Arbeit in unserem Hospiz und aus persönlicher Erfahrung, dass es sehr einfach und positiv sein kann.


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 Betreff des Beitrags: ethisch!! sonst nix
BeitragVerfasst: 01.07.05, 10:11 
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noch neu hier

Registriert: 10.03.05, 13:36
Beiträge: 3
Ich denke wenn man sich die Beiträge so durchliest, erkennt man immer wieder die fehlende rechtliche Absicherung des ganzen Systems.
So wie es bei den Patientenverfügungen ist, deren Beachtung oder Missachtung jederzeit von einem guten Anwalt in einem Prozess erfolgreich angefochten werden kann, so ist es sicherlich auch mit den Notarztentscheidungen über die wir uns hier unterhalten.
Ich für mich habe mir zur Handlungsdevise gemacht primär einen Patienten so gut wie irgendmöglich zu versorgen, im Zweifel immer mit dem kompletten Programm inclusive Intubation und Reanimation,.
Eine "Entscheidung über Leben und Tod" kann man meiner Meinung nach erst dann treffen wenn ich die Angehörigen des Patientens kenne, mir ein Bild von den Lebenumständen des Patientens machen kann und ich im Einvernehmen mit Angehörigen und meinen Moralvorstellungen und dem Bild das ich vom Pat. habe zu einer Einschätzung komme. Die ist dann im Regelfall so nach dem Motto wenn das hier dein Vater wäre, was würdest du machen?
Ich glaube wenn nach 1 Woche Intensivstation die Richtung allen Beteiligten klar ist dann kann man gemeinsam entscheiden wie es weitergehen soll, und wenn das einvernehmlich geschieht brauche ich auch keine Betreuung keinen Richter und dann wird es wohl auch keinen Kläger geben.
Trotz allem: Unser Rechtstaat läßt hier die Ärzteschaft völlig im Nebel hängen und eigentlich sollte man bei den Fragen " passive Sterbehilfe" jedesmal einen Staatsanwalt einschalten, damit endlich mal ein Bewustsein für medizinische Ethik entsteht, bem Gesetzgeber, bei den Bürgern und bei allen die uns tagtäglich mit teils irrsinigen Prozessen überhäufen oder Behandlungen einfach nicht bezahlen (siehe MDK, hier frägt man sich oft ob selbst die zuständigen Ärzte ihre Approbation irgendwo gewonnen haben).

Schlussendlich: Was bleibt uns mehr als unsere Moral, die hoffentlich der allgemeinen Ethikvorstellung möglichst nahe kommt.
Gruß


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 Betreff des Beitrags:
BeitragVerfasst: 01.07.05, 17:35 
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DMF-Moderator

Registriert: 30.01.05, 10:41
Beiträge: 983
Sehr geehrter Herr Bergotto !


Zitat:
ch für mich habe mir zur Handlungsdevise gemacht primär einen Patienten so gut wie irgendmöglich zu versorgen


Soweit bin ganz Ihrer Meinung, jeder Patient hat das Recht auf eine, an seine Lebensumstände und Erkrankung angepasste, optimale Therapie.

Aber ini der Präklinik oder auch klinisch unter entsprechendem Zeitdruck sind solche Entscheidungen oft schwer zu treffen, oft gibt es auch Schwierigkeiten durch die unterschiedlichsten Sichtweisen und Beziehungen der Angehörigen des Betroffenen.

Oft erleb ich das Szenario, daß zwischen den Wünschen des Patienten und seiner Angehörigen große Unterschiede bestehen.

Einen netten älteren Mann habe ich vor kurzem betreut, er wollte einfach nicht mehr, die ewige Atemnot, immer wieder hospitalisiert, deutlich eigeschränkte Lebensqualität haben in ihm die Überzeugung geweckt, daß sein Leben eben nicht mehr lange dauern wird. Als ich in einem ruhigeren Dienst in sein Zimmer kommt, wechseln wir ein paar Worte, wie halt immer und er bittet mich an sein Bett. Er erzählt mir von seinem Leben und wie er jetzt eigentlich damit abegeschlossen hat. Für ihn hat der Tod den Schrecken verloren und wird eine Erlösung sein. Er hat ein offensichtlich erfülltes Leben hinter sich und ich verstehe, was er meint.

Ein paar Tage später wird er entlassen.

Eine Woche später kommt er intubiert und beatmet nach Reanimation auf die Intensiv. Im Gespräch bei der Übergabe erzählt mir der Notarzt, daß die Angehörigen massiven Druck gemnacht haben, daher sei er reanimiert worden. Verständlich aus Sicht des Kollegen.

Die Reanimation war auch primär recht erfolgreich, der Patient kann nach kurzer Zeit von der Maschine entwöhnt werden und erlangt auch sein Bewusstsein wieder.

Er fragt mich, warum das sein musste, er wollte so was doch nie.

Nach wenigen Tagen ist er dann relativ friedlich auf der Station entschlafen. Dem Wunsch der Angehörigen nach neuerlichen intensivmedizinischen Massnahmen habe ich ignoriert, den Wunsch des Patienten allerdings nicht. Am Tag vor seinem Tod hat er noch einmal klar geäussert, daß er keine Maschinen will.

Trotzdem habe ich eine Träne in den Augen gehabt, wie er gestorben ist, er war einfach ein netter alter Mann. Aber ich glaube sein Wunsch hat sich erfüllt.

Im Zweifel hätte sich sicher wieder wer gefunden, der alles gemacht hätte, aber ....

Ab hier kann jeder selbst für sich entscheiden, was wäre wenn.

Die Schwierigkeit der Entscheidung wird immer bleiben, ob ich sie selbst treffe, oder nicht treffe und auf das KH/die Intensiv verschiebe, wird isch immer wieder aus der Situation ergeben. Es wird halt auch immer wieder die Situation kommen, wo man sich denkt, daß hätte ich wohl besser nicht mehr gemacht. Das heißt nicht, daß die Entscheidung richtig oder falsch war, nur das man rückblickend oft einen anderen Sichtwinkel hat und mit seinen Entscheidungen leben muß.

@bergotto: Nach einer Woche auf der Intensiv wird isch schon eine Richtung abzeichnen. Diesen teil Ihrer Aussage verstehe ich schon, nur ist das halt auch aus Sicht des Patienten mit viel Leid verbunden. Darum muß man halt als NA immer wieder Zivilcourage haben und Entscheidungen treffen. Eine gewisse Sicherheitsreserve zu Gunsten des Patienten (in dubio pro re) wird ja jeder von uns sowieso einkalkulieren.

Hochachtungsvoll

Erbschwendtner

_________________
Dr.Ch. Erbschwendtner
Internist, LNA
Rett-Med
DMF-Moderator im Forum Rettungsdienst und präklinische Notfallmedizin


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 Betreff des Beitrags:
BeitragVerfasst: 01.07.05, 20:43 
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DMF-Moderator

Registriert: 06.03.05, 08:30
Beiträge: 4399
Wohnort: Hildesheim
´n Abend!

Dr. Ch. Erbschwendtner hat geschrieben:
Darum muß man halt als NA immer wieder Zivilcourage haben und Entscheidungen treffen.


DAS ist der entscheidende Satz in dieser Thematik! Den Mut haben, auch mal unbequeme Entscheidungen zu treffen. Unbequem auch für einen selbst: In die Klinik bringen - das kann jeder.

Aber vor Ort eine Lösung finden - das verdient Respekt und volle Hochachtung :!:
Ebenso wie die vom Kollegen Erbschwendter dargestellte "innerklinische" Variante - da gehört schon Mut dazu, gegen die Angehörigen zu entscheiden. Denn die überleben ja das ganze und können klagen... :(

Schöne WE-Grüße

_________________
Dr. A. Flaccus
Facharzt für Anästhesie
- Notfallmedizin -
DMF-Moderator


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 Betreff des Beitrags:
BeitragVerfasst: 01.07.05, 20:49 
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DMF-Moderator

Registriert: 15.09.04, 16:01
Beiträge: 1343
Wohnort: Hansestadt Greifswald
Hochachtungsvolle Verbeugung vor Herrn Dr. Erbschwendtner,

fachlich wow, menschlich rührend.

Eine Entscheidung die in meinen Augen einfach nur Respekt verdient. Der nette alte Mann wird es dir danken Christian.

_________________
Erik Eichhorn
Rett-Med
DMF-Moderator im Forum Rettungsdienst und präklinische Notfallmedizin


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BeitragVerfasst: 09.07.05, 22:17 
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Interessierter

Registriert: 19.06.05, 19:22
Beiträge: 19
Wohnort: Ruhrpott
Warum immer nur ältere Menschen und wo belibt den die Aufklärung von seiten der Ärzte ?

Anscheinend hat hier jeder Arzt nur Angst sich strafbar zu machen so liest es sich jedenfalls heraus.

was ist zum Beispiel mit menschen die eine Arztphobie haben ?

Was ist mit Menschen die keinerlei ärztliche hilfe wünschen auch in jungen Jahren ?


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BeitragVerfasst: 10.07.05, 07:11 
Hallo Ehemann,

zunächste danke für Ihr Interesse an der Diskussion. Ihre Fragen zu beantworten, ist nicht ganz einfach, da ich sie teils nicht recht verstehe. Vielleicht könnten sie hier noch etwas eindeutiger oder ausführlicher formulieren, falls ich mit meinen Antworten neben der von Ihnen gemeinten Frage liege ?

ehemann hat geschrieben:
Warum immer nur ältere Menschen und wo belibt den die Aufklärung von seiten der Ärzte ?


Das Thema Patientenverfügung sollte selbstverständlich auch für jüngere Menschen aktuell sein. Wenn hier aus dem Rettungsdienst größtenteils Beispiele mit älteren Menschen gebracht werden, dann wahrscheinlich, weil dies einfach die häufigere Fallkonstellation ist.

Aufklärung seitens der Ärzte wird sicher noch zu wenig betrieben. In den Medien wird ja dankenswerterweise sehr viel und gut informiert und es ist ein Leichtes, sich als Patient selbst weitere Informationen zu beschaffen. Dennoch scheinen sich viele Menschen zu scheuen, sich mit diesem Thema konkret auseinanderzusetzen.

Ich fände es begrüßenswert, wenn Ärzte ihre "Dauerpatienten" auf die Möglichkeiten von Patientenverfügungen hinweisen. Sich dann selbst genauer zu informieren und je nach Wunsch eine Patientenverfügung abzufassen, liegt aber in der Verantwortung jedes Einzelnen. Der Hausarzt ist sicher im konkreten Fall gerne bereit, den Patienten bei der Abfassung einer individuellen Patientenverfügung -auch unter Berücksichtigung einer bereits vorliegenden Erkrankung- zu beraten. Nur kann der Hausarzt nicht die Entscheidungen über die Inhalte treffen, dies muß der Patient selbst tun, denn es geht ja um seinen Willen und Wunsch.

Zitat:
Anscheinend hat hier jeder Arzt nur Angst sich strafbar zu machen so liest es sich jedenfalls heraus.


Wenn sie den Thread in Gänze lesen, dann gibt es hier einige Ärzte, die sich immens viele Gedanken um das Wohl ihrer Patienten bzw. die Umsetzung der Wünsche/ Patientenverfügung bemühen (und sich damit rein rechtlich oft auf sehr dünnes Eis begeben).

Durch die derzeitigen gesetzlichen Regelungen in Deutschland ist die Angst der Ärzte, sich eventuell strafbar zu machen, durchaus gerechtfertigt. Es besteht tatsächlich die Gefahr, strafrechtlich belangt zu werden oder sogar seine Approbation (Berufszulassung) zu verlieren, wenn man diese Gesetze mißachtet. Daher sollten sie bitte nicht (so verstehe ich ein bißchen Ihre Aussage) pauschal die Angst der Ärzte als Feigheit, Unwillen zu einer Entscheidung o.ä. klassifizieren.

Zitat:
was ist zum Beispiel mit menschen die eine Arztphobie haben ?


Hier verstehe ich die Frage nicht ganz. Eine Information über Patientenverfügungen ist auch ohne Besuch eines Arztes möglich. Sofern ein Patient selbst entscheidungsfähig ist, kann er eine Behandlung jederzeit ablehnen.

Zitat:
Was ist mit Menschen die keinerlei ärztliche hilfe wünschen auch in jungen Jahren ?


S.oben. Wenn ärztliche Hilfe auch in Notfällen kathegorisch abgelehnt wird, ist dies eine Entscheidung des Patienten, die akzeptiert und eingehalten werden muß. Hier sollten aber Angehörige/ Umfeld entsprechend informiert werden, so daß dann gar kein Arzt/ Rettungsdienst geholt wird.
Nun kann es, z.B. im Rahmen eines Autounfalles, vorkommen, daß von nichtwissenden Dritten der Rettungsdienst verständigt wird. Ist der Patient wach und einwilligungsfähig (vom Arzt zu prüfen !), so kann er selbstverständlich jede Behandlung ablehnen. Normalerweise erklärt der Arzt dann die Risiken/ Gefahren einer Nicht-Behandlung und der Patient unterschreibt, daß er trotz dieser Aufklärung auf eine Behandlung verzichtet.

Ist der Patient bewußtlos/ nicht einwilligungsfähig, wird er behandelt, da hier der Arzt den mutmaßlichen Willen zum Überleben voraussetzen darf.

Mit freundlichem Gruß doc-in-not :wink:

PS: Christian, vielen Dank für Deine beeindruckenden Berichte ! Dein Handeln und Deine Überlegungen dazu haben mich sehr beeindruckt und bestärkt, weiterhin auf der schmalen Grenze zwischen Rechtslage und Menschlichkeit zu balancieren... 8)


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 Betreff des Beitrags:
BeitragVerfasst: 10.07.05, 19:34 
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Interessierter

Registriert: 19.06.05, 19:22
Beiträge: 19
Wohnort: Ruhrpott
Grundsätzlich ist ein medizinischer Eingriff ohne Einwilligung rechtswidrig und ist der Wert einer Patientenverfügung nicht ernsthaft strittig. Ihre Verbindlichkeit wurde aus rechtlicher und medizinischer Sicht sowohl vom Bundesjustizministerium (2004) als auch der Bundesärztekammer (1999, 2004) unmissverständlich bestätigt.

Daneben sind medizinische Entscheidungsfragen geprägt von vielen Fehlinterpretationen und Wissensdefiziten. Davon ist auch die Berichterstattung in den Medien betroffen, wenn z. B. fälschlicherweise behauptet wird, ein Behandlungsabbruch sei Ärzten nur im bereits eingetretenen Sterbeprozess erlaubt. Diese Irreführung beruht u.a. auf Versuchen zur weltanschaulich-ideologischen Instrumentalisierung der Debatte: So haben offizielle Kirchenvertreter und andere „Lebensschützer“ mit ihren lautstark vorgetragenen Einwänden für gezielte Irritation gesorgt. Ihrer Position zufolge ist eine uneingeschränkte Verbindlichkeit der Patientenverfügung gleichbedeutend mit „passiver Euthanasie“, Suizid- oder Sterbehilfe, die unter allen Umständen ethisch verwerflich sein soll. Danach hätte ein Sterben-Lassen der Komapatientin Terri Schiavo in Deutschland nicht erlaubt sein dürfen.

Eine aufgezwungene medizinische Behandlung gegen den Patientenwillen ist nicht nur verfassungswidrig, sondern auch strafbar.

Diese ist durch zwei Bundesgerichtshofbeschlüsse (1994 und 2003) begründet worden (sogenanntes Richterrecht).

In der Praxis scheitert die Verbindlichkeit von Patientenverfügungen nicht etwa an der fehlenden gesetzlichen Regelung, sondern an mangelnder Aufklärung, unzureichenden Inhalten und der Verwendung wertloser Vordrucke.

Ein Behandlungsabbruch gemäß einer entsprechend konkreten, individuellen Patientenverfügung ist nur dann durch das Vormundschaftsgericht genehmigungsbedürftig, wenn

1. der behandelnde Arzt entgegen den Richtlinien der Bundesärztekammer nicht bereit ist, einem eindeutig verfügten Behandlungsabbruch Folge zu leisten
2. mit dem behandelnden Arzt keine Einigung darüber zu erzielen ist, was die Auslegung der Patientenverfügung bzw. den Patientenwillen in Bezug auf die konkrete Situation betrifft.

Natürlich ist kein Mensch und auch kein Arzt davor gefeit, einmal von jemandem angezeigt zu werden – dies gilt im übrigen ebenso, wenn ärztlicherseits ohne Einwilligung eine medizinische Maßnahme vorgenommen wird und damit der Tatbestand der Körperverletzung gemäß § 223 StGB vorliegen könnte (s.o.). In jedem Fall ist der Wille des Patienten maßgeblich. Nur wenn dieser nicht hinreichend berücksichtigt wurde, muss damit gerechnet werden, dass einer möglichen Anzeige auch tatsächlich staatsanwaltschaftliche Ermittlungen folgen.


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BeitragVerfasst: 10.07.05, 20:07 
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DMF-Moderator

Registriert: 30.01.05, 10:41
Beiträge: 983
Hallo "ehemann" !

Zwischen den Zeilen lese ich einen gewisse Entäuschung, womöglich aus eigener Erfahrung ?

Trotzdem kann man das nicht so einseitig stehen lassen.

Zitat:
Grundsätzlich ist ein medizinischer Eingriff ohne Einwilligung rechtswidrig und ist der Wert einer Patientenverfügung nicht ernsthaft strittig.


Richtig, aber auch die unterlassene Hilfeleistung ist strafbar, hier geht die Schere das erste Mal auf. Anmerkung: Das ist das Forum für Rettungsdienst und Notfallmedizin.

Das Suchen nach einer möglichen (bis jetzt noch sehr seltenen) Patientenverfügung, muß häufig hinter einer Sicherung der Vitalfunktionen zurück stehen.

Wie diese Diskussion schon mehrfach zeigte, ist der "Wille des Patienten" sehr untreschiedlich, was sich einzelne Angehörige unter dem Willen des Patienten vorstellen.
Daher verstehe ich jeden der auf dem Standpunkt steht:"Wer den Notruft wählt, sucht Hilfe, daher helfe ich!" Wie diese Hilfe dann im Einzelfall ausschaut, ist natürlich auf ein anderes Blatt geschrieben.

Solange Zweifel bestehen, wird sich jeder Arzt für eine Behandlung entscheiden und sich dadurch nicht angreifbar machen.

Aufklärung ist was sehr wichtiges, aber ein durch eine akute lebensbedrohliche Erkrankung oder Verletzung gefährdeter Mensch, ist nur in den wenigsten Fällen völlig geschäftsfähig, daher ist eine Ablehnung auch nur bedingt möglich.

Sie haben schon recht, daß viele Patientenverfügungen oder -testamente nicht einmal das Papier wert sind, auf dem sie geschrieben stehen. Allgemeine Aussagen in dem Sinn, daß ich leben will, aber nicht leiden will, sind halt zuwenig.

Wenn dort steht, warum (krankheit,...) dezitiert was (Maßnahmen) nicht gemacht werden soll/darf, ist es viel besser. Ebenso wenn ein Entscheidungsbeauftragter für den Fall der GEschäftsunfähigkeit besteht. Auch die ärztliche Beratung und Unterstützung bei der Entscheidungsfindung muß dokumentiert sein.

Gerade bei chronischen und schwerenErkrankungen halte ich einen positiv Katalog für sehr sinnvoll, da stehen die Maßnahme drinnen, die noch gemacht werden sollen.

Um es kurz zusammen zu fassen: Als NOTARZT fürchte ich mich nicht davor, vor Gericht gezerrt zu werden, weil ich zu viel gemacht habe, kritischer ist es zu wenig (aus Sicht der Angehörigen) zu machen. Da kommen schneller Anfragen.

Aber vielleicht schilderb Sie ja die Hintergründe, dan können wir uns ja fallbezogen unterhalten.

mit freundlichen Grüßen

Erbschwendtner

_________________
Dr.Ch. Erbschwendtner
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BeitragVerfasst: 10.07.05, 20:13 
Sehr geehrter Ehemann,

Sie haben kommentarlos in Ihrem obigen Posting Textausschnitte der Website "www.Patientenverfügung.de" hier einkopiert, aus denen ich keine weitere Fragestellung Ihrerseits erkennen kann.

Beim Lesen dieses Threads bitte ich zu beachten, daß hier unter der besonderen Fragestellung "Patientenverfügung und Notfallbehandlung" diskutiert wird. Daß bei eindeutigem Patientenwillen bis auf wenige Ausnahmen dieser bindend ist, steht hier nicht zur Diskussion.
Die Schwierigkeit bei einer Notfallbehandlung liegt eben darin, in kürzester Zeit den eindeutigen Willen des Patienten sicher zu eruieren, wenn dieser sich selbst nicht äußern kann.

Gruß von doc-in-not :wink:


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