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 Betreff des Beitrags: Patientenverfügung und Nofall-Rea
BeitragVerfasst: 16.12.04, 11:00 
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DMF-Moderator

Registriert: 16.09.04, 12:16
Beiträge: 996
Hallo, ich hätte da mal 'ne Frage, die mich schon länger beschäftigt.
Sie ist mir bei der letzten hier geposteten Fehlerdiskussion wieder aufgestoßen.

Angehörige (Betreuer) unserer Wachkoma-Patienten werden häufiger von Einrichtungen dazu gedrängt, eine Patientenverfügung abzugeben. Dabei geht es regelmäßig auch um die Frage, ob (erneut) reaninmiert werden soll, wenn es mal irgendeinen Notfall gibt. Es betrifft nicht nur Wachkoma-Patienten. Aktuell haben wir auch einen Globalaphasiker bei Z.n. 5.Schlaganfall infolge eines offenen Foramen ovale. Der ist allerdings körperlich total fit, nur ist nicht sauber zu eruieren, ob er nochmal reanimiert werden wollte...

In unserer SH-Gruppe führen solche Fragen regelmäßig zu heiß erregten Debatten, weil es etliche Leute gibt, deren Angehörige auch nach einer Reanimation wieder ganz passabel "funktionieren" und die Ihren Angehörigen keinesfalls eine Chance versagen wollen. Andere, deren Pat. z.B. schon längere Zeit im Wachkoma sind (länger als ein Jahr) plädieren eher gegen eine erneute Reanimation, wobei in der Argumentation aber immer auch im Vordergrund steht, dass sie selber nicht mehr die Kraft haben, sich das länger anzuschauen. Ob eine so verfasste Patientenverfügung tatsächlich dem mutmaßlichen Willen des Patienten entspricht ist durchaus zweifelhaft - zumal wir auch immer wieder "wachgewordene" Patienten erleben, die nur eine eingeschränkte Einsicht in Ihre Defizite haben und sich durchaus ihres Lebens freuen (eine mögliche Folge der Hirnschädigung), auch wenn es nicht wie früher ist.

Was ich jetzt gerne wüsste ist: was tut der Notarzt, wenn er eine Patientenverfügung sieht, die eine Reanimation ausschließt?
Reanimiert er, weil er nicht sicher sein, kann, dass die Verfügung wirksam ist oder lässte er es wirklich sein?
Was würdet Ihr tun?


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 Betreff des Beitrags:
BeitragVerfasst: 16.12.04, 15:31 
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DMF-Moderator

Registriert: 15.09.04, 16:01
Beiträge: 1343
Wohnort: Hansestadt Greifswald
Liebe Frau Loewe,

vielen Dank für diesen tollen Beitrag.

Die Patientenverfügung ist eines der zur Zeit am heissesten disskutierten Themen im Rettungsdienst.
Ich möchte versuchen ein paar Dinge herauszubilden aund aufzuzeigen. Der Rettungsassistent hat in den allermeisten Fällen keine andere Wahl, als eine Reanimation zu beginnen. Als nichtarzt sind wir nicht berechtigt den Tod eines Menschen festzustellen, wenn noch keine sicheren Todeszeichen vorhanden sind. Zum Wunsch der Patienten keine lebensverlängerten Massnahmen zu erhalten, später mehr.

Der Rettungsdienst / Notarzt handelt in vielen Fällen als sog. Geschäftspartner ohne Auftrag. Das heißt wir nehmen einfach nur an, dass der Patient von uns geholfen bekommen möchte. Es ist uns beinahe zu keinem Zeitpunkt möglich darüber zu entscheiden ob der bewusstlose Bürger auf dem Bahnsteig, sich nicht vielleicht gegen unsere Hilfe entschieden hätte. Was hat das mit der Patientenverfügung zu tun?
Es verhält sich hier sehr ähnlich. Auch hier fehlt uns die Zeit, die Patientenverfügung zu untersuchen, ja ggf, sogar auf ihre Echtheit zu prüfen. Wir könnten Angehörige nach dem mutmasslichen Willen befragen, doch wer garantiert uns, dass diese die Wahrheit sagen? Wenn wir einem Patienten die Hilfe versagen und später kommt heraus, dass er in seiner letzten Stunde gegenüber seinen engsten Verwandten seine Meinung geändert hat, wer schütz uns dann vor den Anwälten?
Wie Sie sehen, liebe Frau Loewe das Thema hat viel zu viele Facetten und leider viele rechtliche Fallstricke, die wir in der speziellen Notsituation oft nicht einzeln auflösen können.
Ich freue mich schon auf weitere spannende Gedanken der anderen User.

_________________
Erik Eichhorn
Rett-Med
DMF-Moderator im Forum Rettungsdienst und präklinische Notfallmedizin


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 Betreff des Beitrags: aus der Sicht eines Notarztes...
BeitragVerfasst: 16.12.04, 15:44 
Hallo Frau Loewe,

die Fragen, die Sie hier bezügl. Wachkoma-Patienten stellen, sind sehr interessant, eindrucksvoll formuliert und bringen die Zweifel und Probleme der betroffenen Angehörigen überaus nahe.

Ich habe mir als Notarzt bereits viele Gedanken zum Thema "Reanimation in ausweglosen Fällen / bei sehr alten Patienten/ bei Patientenverfügung" gemacht. Mit der Problematik von Wachkoma-Patienten bin ich allerdings noch nie selber in Berührung gekommen.

Da ich gleich zum Dienst muß, habe ich mir erlaubt, unten zunächst zwei Texte aus anderen Diskussionen hier herein zu kopieren und hoffe, daß ich Ihnen damit bereits eine Basis zur weiteren Diskussion anbieten kann.

Mit freundlichem Gruß doc-in-not

*********************************************************************************************
Patientenverfügung: Diese ist dazu da, den Willen eines Patienten zu realisieren, auch wenn er selbst (z.B. durch Bewußtlosigkeit) nicht mehr in der Lage ist, ihn selbst zu erklären. Wenn der Patient reinschreibt, daß er -egal was er hat- auf keinen Fall in ein Krankenhaus will, muß der Arzt sich daran halten. Selbst wenn der Patient dadurch stirbt. Im Praktischen ist dies teilweise sehr problematisch, denn ein Arzt wird bei einem Notfall zunächst behandeln und nicht erst eine Patientenverfügung durchlesen können, um den Willen des PAtienten rauszukriegen. Auch wenn sich im Nachhinein herausstellt, daß der Patient z.B. auf keinen Fall eine Wiederbelebung will, kann der Arzt bei einem solchen Notfall kaum belangt werden, wenn er trotzdem wiederbelebt. Zum Problem kann das dann allerdings werden, wenn die Wiederbelebung klappt und der Patient in der Klinik an der Beatmungsmaschine hängt, obwohl er das lt. Patientenverfügung nie wollte. Prinzipiell hat er ein Recht darauf, daß die Maschine abgestellt wird. Oft kommen Ärzte -auch unter dem Druck der Angehörigen, die auch nicht wollen, daß die Maschine abgestellt wird- diesem Wilen dann nicht nach. In diesem Fall kann ein Angehöriger oder Betreuer den Willen in der Patientenverfügung per Gerichtsurteil vom Vormundschaftsgericht durchsetzen lassen, was oft viele Tage dauert.

-ist keine Patientenverfügung da und der Patient selbst nicht entscheidungsfähig, muß der Arzt den sog. "mutmaßlichen Willen" des Patienten ermitteln. Früher durfte der Arzt hier automatisch davon ausgehen, daß der "mutmaßliche Wille" des Patienten der Wille zum Leben sei. Nach neuer Rechtssprechung muß der Arzt heute z.B. durch Befragung von Angehörigen, Pflegepersonal oder Hausarzt herausbekommen, wie sich der Patient zu geistig "klaren" Zeiten im Bezug auf eine medizinische Behandlung geäußert hat. Und er muß sich dann danach richten. Eine sehr schwammige Rechtssprechung gibt es da aber bei bewußtlosen Selbstmördern, die in ihrem Abschiedsbrief ja oft explicit verbieten, daß man sie behandelt. Hier wird trotzdem eher davon ausgegangen, daß der mutmaßliche Wille eigentlich im Überleben liegt, weil man weiß, daß ein Großteil der gerettten Selbsmörder im Nachhinein froh ist, doch zu leben.

Das ist für Ärzte echt total schwierig - könnt ihr Euch jetzt sicher vorstellen. Da gibst dann auch so Sonderprobleme wie Zeugen Jehovas, die ja jegliche Verbreichung von Blut verbieten, auch wenn sie dabei sterben... Magersüchtige...ist echt komplex das Thema !

************************
...zu dieser Situation (Anm. Verbringen von sehr alten Menschen in die Klinik) gebe ich Dir völlig recht !!! Ich erlebe sie leider als Notarzt sehr oft und es macht mich wirklich betroffen, zumal meine Eltern auch schon 79 sind und ich mich mit Tod u.Sterben auch in diesem Sinne auseinandersetzen muß.

Zuhause in Ruhe und Frieden sterben zu dürfen ist eine Rarität geworden, obwohl sich die meisten Patienten genau dies wünschen würden ! Aber warum ???

Weil "das Sterben" in den meisten Fällen leider nicht so nett friedlich verläuft, wie im Fernsehen, wo der Sterbende entspannt im Bett liegt, nochmal alle liebevoll und glücklich um sich sieht und dann die Augen zumacht und er ist tot. Entschuldige den Sarkasmus, aber im real life spielt sich das Sterben - zumindest für die Angehörigen- eben total dramatisch ab. Der Patient röchelt, stöhnt, wird bewußtlos, blau, kriegt einen Krampfanfall... und auch wenn sich der Patient vorher ganz klar geäußert hat, daß er auf keinen Fall mehr ins Krankenhaus will, bekommen die Angehörigen dann in dieser konkreten Situation Panik und holen den Arzt - meist dann auch noch den Notarzt- der den Patienten und die Vorgeschichte überhaupt nicht kennt.

Und der soll dann binnen Sekunden/Minuten entscheiden, was er machen soll. Wenn möglich noch mit der Auskunft der Angehörigen "ja, eiiiigentlich wollte die Oma ja nicht ins Krankenhaus, aaaaaaber..."

Ich will dieses Verhalten der Angehörigen nicht kritisieren, das ist absolut menschlich und verständlich. Letztlich sind solche Akut-Erkrankungen ja auch oft behandelbar, z.B. wenn sie durch Wasser in der Lunge oder einen Unterzucker verursacht sind und dem Patienten geht es wenige Stunden später wieder ausgezeichnet. Nur leider steht ihm halt leider nicht auf der Stirn, was er eigentlich hat.

Das Problem wird nicht lösbar sein. Einfach weil die medizinischen Probleme zu komplex sind, in der Akutsituation zu entscheiden, ob das nun eine behandelbare oder unbehandelbare Erkrankung ist. Vor Ort fehlen ja auch meist die diagnostischen Möglichkeiten dazu. Und weil die rechtlichen Probleme so sind, daß ich als Arzt immer mit einem Fuß im Gefängnis stehe.

Als Notarzt habe ich schon ein bißchen die Möglichkeit, den Weg "zu bahnen". So würde ich bei einem sehr alten Patienten mit einem schweren Schlaganfall nicht mehr intubieren und künstlich beatmen, auch wenn ich es eigentlich von seiner Bewußtseinslage (bewußtlos, keine Schutzreflexe, Gefahr an Erbrochenem zu ersticken...) lege artis tun müsste. Denn meine Maßnahmen ändern an dem zugrundeliegenden Krankheitsbild -Gehirnschädigung durch Schlaganfall- letztlich gar nichts. Ich bewege mich da aber auf sehr dünnem rechtlichen Eis, denn es besteht immer die Gefahr, von unverständigen Angehörigen wegen unterlassener Hilfeleistung angezeigt zu werden. Da hilft nur, den Angehörigen die Situation sehr gut zu erklären, damit sie wirklich verstehen, warum ich jetzt nicht Maximal-Therapie mache. Das klappte bisher immer, aber irgendwann wird der Tag kommen, an dem ich angezeigt werde...

Vor einigen Wochen habe ich bei einem Einsatz im Altenheim genau die Situation erlebt, die Du meinst: eine 86-jährige, bettlägrige Patientin im Endstadium eines Alzheimers kippte beim Füttern plötzlich zur Seite und hatte einen Herz-Kreislaufstillstand. Das Pflegepersonal hat sofort reanimiert, als wir kamen habe ich bei Null-Linie und weiten, lichtstarren Pupillen die Rea abgebrochen, die Pat. war tot.
Als ich mir danach die Unterlagen der Pat. ansah, stand ganz groß "KEINE REA" und "NUR NOCH PALLIATIVE MASSNAHMEN" auf ihrer Kurve. Warum hatte das Pflegepersonal reanimiert ??? Weil die fütternde Schwester dachte, die Patientin habe Essen aspiriert (d.h. in die Luftröhre bekommen) und würde daran ersticken. Vom Verlauf her sieht es (im Nachhinein) aber eher so aus, als habe die Patientin eine großen Schlaganfall oder Herzstillstand durch Rhythmusstörung gehabt. Wem willst Du jetzt da einen Vorwurf machen ???

Ich finde das ganz toll, daßhier viele offensichtlich auch die Situationen, "was sollen die Angehörigen tun, wenn ich selbst nicht mehr entscheiden kann" so offen und klar besprecht. Und daß Du dadurch das Gefühl des Vertrauens hast, daß im Notfall Eure Lieben richtig für Dich entscheiden werden. Für viele Menschen scheint das ein Tabu-Thema. Ich möchte hier gerade die Jüngeren bitten, doch ihre Eltern darauf anzusprechen, was diese in einem solchen Fall machen sollen. Meine Eltern haben inzwischen beide Patientenverfügungen (von denen ich eine Kopie habe), ich weiß genau, was sie im Notfall wollen und was nicht und ich bin sehr froh darum !

Ich hoffe, ich konnte Dir ein bißchen die praktischen Probleme nahe bringen, vor denen man auch als Arzt in solchen Situationen steht. Denn viele Leute schieben die Schuld, daß ein Patient nicht "würdig" sterben darf, nur auf uns Ärzte.


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 Betreff des Beitrags:
BeitragVerfasst: 16.12.04, 16:06 
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DMF-Moderator

Registriert: 16.09.04, 12:16
Beiträge: 996
Hallo Herr Eichhorn,
ich hatte, ehrlich gesagt, keine andere Antwort erwartet.

Das ist es, weshalb viele unserer Angehörigen diese Situation fürchten wie sonst nichts.
Weil sie nicht wissen, ob sie nicht schreiend dazwischen gehen und Sie gewaltsam daran hindern würden.
Bitte entschuldigen Sie meine Offenheit an dieser Stelle.
Ich selbst hatte hier, wie ich glaube, schon irgendwo geschrieben, dass ich grundsätzlich immer FÜR den Versuch einer Reanimation bin.

Ich weiß nur nicht, was ich Menschen raten soll, die gerne wissen würden, wie sie ihrem Angehörigen das ein zweites oder drittes Mal ersparen sollen.
Herzlichen Dank inzwischen,
Annett Löwe


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 Betreff des Beitrags:
BeitragVerfasst: 16.12.04, 16:59 
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DMF-Moderator

Registriert: 16.09.04, 12:16
Beiträge: 996
Hallo doc-in-not,
sie haben recht - die Situation mit dem SEHR ALTEN Schlaganfall-Patienten ist wirklich nicht unproblematisch. Rechtlich gesehen.
Ich wäre nicht so gerne in Ihrer Haut und möchte Ihnen für die Offenheit danken, mit der Sie hier darüber sprechen.

Das Probelm mit der Patientenverfügung ist damit aber nicht gelöst. Ich wüsste selber nicht genau, wie ich eine geistreich genug formulieren sollte, damit im Notfall, das Mögliche geschieht und das Unnötige unterbleibt.

Maschinen abstellen? Wann? Nach 48 oder 72 Stunden Koma? Sicher nicht. Was muss dazu kommen, damit alles übrige aussichtslos erscheint und wie soll ich DAS genau genug bezeichnen? Koma über Monate? Wie viele?
Wie lange kann ich davon ausgehen, dass ich hinterher in einem Zustand bin, den ich als mein Leben akzeptieren kann? Und wer soll voraussehen könne, wie das alles ausgeht? Das kann niemand.
Vielleicht würde ich mich doch über ein Überleben freuen - wenn auch mit Einschränkungen. Weil ich Freunde und Verwandte habe, die mich vorbehaltlos lieben und sich um mich kümmern?
Was wenn ich weiß, dass sich meine Einstellung dazu infolge einer Hirnschädigung durchaus verändern kann?
Tue ich das, was ich tue tatsächlich mir zuliebe oder zum Schutz meiner Angehörigen ?
Wer soll einem all diese Fragen beantworten?
Ich habe keine Ahnung, ehrlich gesagt - und freue mich, dass Sie Ihren Job tun und den "Rest" mal inzwischen meine Sorge sein lassen.
Reanimieren Sie also weiter!
Aber urteilen Sie nicht vorschnell, wenn Ihnen mal jemand dabei in den Arm fallen sollte. Eigentlich ist das alles nicht zum Aushalten.
Schöne Grüße,
Annett Löwe


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 Betreff des Beitrags: Unser Job - aber Ihre Entscheidung
BeitragVerfasst: 18.12.04, 09:22 
Sehr geehrte Frau Loewe,

an Ihrer Antwort sehe ich, daß Sie sich sehr ernsthaft und aus allen Blickwinkeln mit einer Situation beschäftigen, die in meinen Augen kaum lösbar ist.

Zitat:
Das Probelm mit der Patientenverfügung ist damit aber nicht gelöst. Ich wüsste selber nicht genau, wie ich eine geistreich genug formulieren sollte, damit im Notfall, das Mögliche geschieht und das Unnötige unterbleibt.


Da stimme ich Ihnen voll zu. Ich habe mich im Rahmen der Patientenverfügungen meiner Eltern sehr genau mit diesem Thema auseinandergesetzt und viel mit Ihnen darüber diskutiert. In unserer Familie besteht die eher glückliche Lage, daß mein Bruder und ich Ärzte sind und die Eltern da wohl auch recht praktisch beraten können. Meine Eltern haben sich dazu entschieden, daß IM NOTFALL zunächst die maximal mögliche Therapie gemacht wird. Im weiteren Verlauf bei aussichtloser Situation (die sich ja meist erst nach einigen Behandlungstagen herausstellt) wünschen Sie einen Behandlungsabbruch und nur noch pallative Maßnahmen. Zudem sind mein Bruder und ich als Betreuer eingesetzt und uns wird die Entscheidung übertragen, ob und wie weiterbehndelt wird. Hier hätten wir natürlich den Vorteil, mit unserem Fachwissen als Ärzte mit den behandelnden Kollegen auf ganz anderer Basis diskutieren zu können.

Zitat:
Maschinen abstellen? Wann? Nach 48 oder 72 Stunden Koma? Sicher nicht. Was muss dazu kommen, damit alles übrige aussichtslos erscheint und wie soll ich DAS genau genug bezeichnen? Koma über Monate? Wie viele?
Wie lange kann ich davon ausgehen, dass ich hinterher in einem Zustand bin, den ich als mein Leben akzeptieren kann? Und wer soll voraussehen könne, wie das alles ausgeht? Das kann niemand.


All diese Fragen werden Sie NIE für alle möglichen Situationen vorab in einer Patientenverfügung klären können. Ich halte es für extrem wichtig, hier die Familie oder vertraute Personen zu beauftragen, in der konkreten Situation zu entscheiden, was SIE gewollt hätten. Dies ist nur möglich, wenn vorher vom Patienten mit diesen Personen genau gesprochen wurde, WAS eigentlich sein Wille und Wunsch ist.

Zitat:
Ich habe keine Ahnung, ehrlich gesagt - und freue mich, dass Sie Ihren Job tun und den "Rest" mal inzwischen meine Sorge sein lassen. Reanimieren Sie also weiter!


Ich bin mir nicht sicher, wie Sie das meinen. Ja Frau Loewe, wir tun unseren Job. Die Entscheidung, ob und in welchem Umfang wir diesen Job tun, liegt aber prinzipiell beim Patienten, ist also wirklich "ihre Sorge". Und ich finde es absolut verständlich und sinnvoll, daß Einrichtungen, welche nicht mehr einwilligungsfähige Patienten betreuen, eine Entscheidung der Angehörigen über eine gewünschte oder nicht gewünschte Behandlung/ Reanimation im Notfall verlangen. Denn es ist eben NICHT Sache des Pflegepersonals, diese Entscheidung zu fällen.

Hierzu einige Auszüge aus der Charta de Patientenrechte:

Zitat:
Wenn der Patient nicht ansprechbar ist, reicht bei lebens- und gesundheitserhaltenden Notfallbehandlungen seine mutmaßliche Einwilligung aus. Der mutmaßliche Wille des Patienten sollte dabei aufgrund von Auskünften naher Angehöriger oder enger Freunde ermittelt werden
.

Zitat:
Alle medizinischen Maßnahmen setzen eine wirksame Einwilligung des Patienten voraus. Eine Einwilligung kann nur wirksam sein, wenn der Patient rechtzeitig vor der Behandlung aufgeklärt wurde oder ausdrücklich darauf verzichtet hat.


Zitat:
Verfügt der Patient nicht über die nötige Einsichtsfähigkeit, muss der gesetzliche Vertreter bzw. ein vom Vormundschaftsgericht bestellter Betreuer der Behandlung zustimmen. Er hat dabei den mutmaßlichen Willen des Patienten zu beachten. Die Bestellung eines Betreuers ist entbehrlich, wenn der Patient rechtzeitig eine Person seines Vertrauens für die Zustimmung in Gesundheitsangelegenheiten bevollmächtigt hat (Vorsorgevollmacht). Bei besonders schwerwiegenden Eingriffen bedarf die Einwilligung durch einen Betreuer oder Bevollmächtigten der Genehmigung des Vormundschaftsgerichts, sofern es sich nicht um einen Notfall handelt, der keinen Aufschub duldet.


Zitat:
Patienten, die entscheidungsfähig sind, können den Behandlungsabbruch oder das Unterlassen lebensverlängernder Maßnahmen verlangen. Eine gezielte Lebensverkürzung durch Maßnahmen, die den Tod herbeiführen oder das Sterben beschleunigen sollen, ist unzulässig und mit Strafe bedroht, auch wenn der Patient sie verlangt.


Frau Loewe, genau diese Patientenrechte sind eigentlich der "Knackpunkt" unserer Diskussion. Nicht die ÄRZTE entscheiden über "ob und wie" der Behandlung, sondern der Patient -bzw. wenn er dies nicht mehr kann, seine Angehörigen- muß/müssen selbst entscheiden über das "ob und wie". Und sie müssen es entscheiden, bevor in einer lebensbedrohlichen Situation keine Zeit für eine eigene Entscheidung mehr bleibt. Wenn es nach mir ginge, müsste eine schriftliche Patientenverfügung gesetzlich zur PFLICHT für jeden Menschen erklärt werden und wie ein Personalausweis immer bei sich getragen werden. In Pflegeeinrichtung müsste gesetzlich vorgeschrieben sein, auf der Patientenkurve festzulegen, ob eine Reanimation prinzipiell gewünscht oder kathegorisch abgelehnt wird.

Der Patient bzw. seine Angehörigen können nicht einerseits auf den Rechten als Patient zur Entscheidungsfreiheit bestehen, andererseits dann aber diese Entscheidung in bestimmten Fällen doch als "schwarzen Peter" dem Arzt zuschieben. Der Arzt ist in einer Notfallsituation und ohne Hintergrundsinformationen gar nicht in der Lage, eine Entscheidung zu fällen, die wirklich dem Wusch der Angehörigen oder des Patienten entspricht. Er muß (be)handeln und er wird in den allermeisten Fällen annehmen, daß der Patient bzw. die Angehörigen eine solche Behandlung auch wünschen. Denn wenn nicht, warum haben sie dann einen Arzt geholt ???

Zitat:
Aber urteilen Sie nicht vorschnell, wenn Ihnen mal jemand dabei in den Arm fallen sollte. Eigentlich ist das alles nicht zum Aushalten.


Warum wird eigentlich einen Arzt/Notarzt geholt, um ihm dann "in den Arm zu fallen", weil er auf keinen Fall behandlen soll ? Diese Frage ist nicht etwa sarkastisch, sondern durchaus ernst gemeint, denn ich stehe immer wieder vor dieser Situation (nein, körperlich angegriffen wurde ich noch nicht... lächel). Und ich habe oft den Eindruck, der Notarzt wird nicht wegen des Patienten geholt, sondern um den Angehörigen in einer Situation beizustehen, mit der sie alleine völlig überfordert sind.Der Situation, daß ein Mensch stirbt.
Ob das die Aufgabe eines Notarztes sein kann, sei allerdings dahingestellt...

Mit freundlichen Grüßen

doc-in-not





Schöne Grüße,
Annett Löwe[/quote]


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 Betreff des Beitrags:
BeitragVerfasst: 18.12.04, 19:23 
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DMF-Moderator

Registriert: 16.09.04, 12:16
Beiträge: 996
Hallo, doc-in not!
Sie sind Arzt und haben Ihre etwas privilegierte Stellung gegenüber den (weiter-)behandelnden Ärzten ja schon ganz gut beschreiben.
Ich habe selber noch keine Patientenverfügung - eben weil ich nicht weiß, was ich da eigentlich reinschreiben soll und zum zweiten, weil ich sowieso keinen Angehörigen habe, der sich dann auf die Schnelle so qualifizieren könnte, dass er tatsächlich auf deren Einhaltung bestehen oder auch nur verstehen könnte, was ein Arzt ihm sagt.
Ich weiß nur, dass ich leben und meine Chance haben möchte - dashalb habe ich geschrieben, dass Sie das mal meine Sorge sein lassen sollen.
Wenn ich achzig Jahre alt wäre, würde ich das vielleicht anders sehen. Jetzt sehe ich es so.

Warum ruft man den Notarzt?
Weil man sonst gleich wegen unterlassener HIlfeleistung dran ist.
Meistens wird er ohnehin von der Einrichtung verständigt - deshalb wollen die das ja alles so genau wissen. Ob unsere Angehörigen ihn tatsächlich immer rufen würden, wage ich zu bezweifeln. Ich weiß es nicht.
Ich hatte mich auch nicht dagegen ausgesprochen, dass Einrichtungen von den Angehörigen eine Entscheidung verlangen, bevor es soweit ist. Ich wollte eigentlich nur deutlich machen, wie schwierig es für uns ist, eine zu fällen - mit dem eben doch vorhandenen Vorwissen.

Das, was ich etwas überspitzt als mögliche Affektreaktion von Angehörigen beschrieben habe, sollte nur deren Schwierigkeiten herausheben. Dummerweise können sie den mutmaßlichen Willen ihrer Angehörigen eben nicht so schön ermitteln, wie Sie das mit Ihren Eltern konnten. Weil sie nicht nur nicht einwilligungsfähig, sondern zu einer Komunikation über das Problem gar nicht mehr imstande sind. Das macht das besondere Problem aus. Zu einer vorhandenen Hirnschädigung wird möglicherweise eine neue
hinzukommen, alle bisherigen Fortschritte werden zunichte gemacht und die Ausgangssituation ist einfach eine andere als beim ersten Mal.
"Patientenrechte" - das hört sich wunderbar an und eine Entscheidung würde uns sehr viel leichetr fallen, wenn wir sicher wären, dass die auch über den akuten Notfall hinaus gewahrt werden würden. Wenn die Rehabilitation Hirnverletzter eine Selbstverständlichkeit wäre und wenn Pflege nicht so oft mit so menschenunwürdigen Umständen verbunden wäre, dass man sich am liebsten abwenden wollte. Sobald die Leute Ihre Kliniken verlassen, muss irgendwer auf der Matten stehen, der für jedes Hilfsmittel, um jede Windel und um jede verdammte Therapie kämpft. Verzeihen Sie bitte, die etwas harsche Wortwahl - aber das macht mich wütend und uns so hilflos.
Bitte beachten Sie ,dass ich nicht von sehr alten Menschen spreche, die ihr Leben im großen und ganzen gelebt haben und bei denen es darum geht, ein würdevolles Sterben zu ermöglichen. Mein Blickwinkel und der Ausgangspunkt meiner Frage ist ein bisschen spezieller.
Auch das mag sich für "Uneingeweihte" etwas sarkastisch anhören - aber unsere Angehörigen wären manchmal weniger mit der Situation überfordert, dass ihr Patient stirbt - dass er jeden Augenblick sterben könnte, damit waren sie in der Regel schon konfrontiert und sie haben sich bereits von einem Teil davon trennen müssen. Manchmal sind sie eher damit überfordert, dass und wie er jetzt lebt. Das ist "unser" Problem.
Für Ihren Regelfall haben Sie aber recht.

Sie hören sich ein bisschen verärgert an und ich weiß momentan nicht, wie ich dafür die Ursache gegeben habe. Immerhin kann ich Ihrer Antwort entnehmen, dass die Abfassung eienr Patientenverfügung auch aus Ihrer Sich keine so leichte Sache ist. Ich würde mir wünschen, dass, bevor die Patientenverfügung so breit als "WWundermittel" angepriesen wird, mal daüber nachgedachtn werden würde, wie man potenziellen Patienten überhaupt erklären kann, worum es dabei geht. Es geht nämlich m.E. darum, dass die moderne Intensivmedizin ziemlich viele Schwierigkeiten meistern kann, welche möglcihen Dauerfolgen damit verbunden sein können - wie Sie eben überhaupt arbeiten. Was ich in der ggw. Debatte um die Patientenverfügung - bei der immer das recht auf ein würdiges Sterben im Alter im Mittelpunkt steht - "leichtfertig" Patientenverfügungen verfasst werden, die eher der Transplantationsmedizin dienen.
Fällt Ihnen vielleicht was dazu ein, wie man dieses Pronlem angehen könnte?


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 Betreff des Beitrags:
BeitragVerfasst: 19.12.04, 09:09 
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DMF-Moderator

Registriert: 15.09.04, 16:01
Beiträge: 1343
Wohnort: Hansestadt Greifswald
Hallo Frau Loewe,

Zitat:
Sie hören sich ein bisschen verärgert an ...


Nein, ich glaube nicht, dass unser Doc-in-not verärgert ist. Was Sie beide hier führen ist eine überaus sachliche Diskussion, wie sie hier durchaus (wenn nicht ausschließlich) erwünscht ist.
Ich freue mich weiter auf Ihren regen Gedankenaustausch.

_________________
Erik Eichhorn
Rett-Med
DMF-Moderator im Forum Rettungsdienst und präklinische Notfallmedizin


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 Betreff des Beitrags: weitere Diskussion
BeitragVerfasst: 19.12.04, 11:04 
Sehr geehrte Frau Loewe,

ich bin nicht verärgert, sondern es waren ernstgemeinte Fragen, die ich Ihnen stellte, warum denn der Notarzt geholt wird, wenn eigentlich gar keine Behandlung stattfinden soll. Durch Ihr letztes Posting ist mir nun klarer geworden, wie Sie das meinten:

Zitat:
Warum ruft man den Notarzt?
Weil man sonst gleich wegen unterlassener HIlfeleistung dran ist.
Meistens wird er ohnehin von der Einrichtung verständigt - deshalb wollen die das ja alles so genau wissen. Ob unsere Angehörigen ihn tatsächlich immer rufen würden, wage ich zu bezweifeln. Ich weiß es nicht.
Ich hatte mich auch nicht dagegen ausgesprochen, dass Einrichtungen von den Angehörigen eine Entscheidung verlangen, bevor es soweit ist. Ich wollte eigentlich nur deutlich machen, wie schwierig es für uns ist, eine zu fällen - mit dem eben doch vorhandenen Vorwissen.


Ich kann Sie hier beruhigen. Wenn ein Patient in bestimmten Situationen keine ärztliche Hilfe wünscht, dann begeht derjenige, der dann keine ärztliche Hilfe holt auch keine unterlassene Hilfeleistung. Es gibt die straffreien „Tatbestände“ der
-indirekten Sterbehilfe
-passiven Sterbehilfe
auf die Sie sich beziehen können.

Mit indirekter Sterbehilfe bezeichnet man die Tolerierung eines verfrühten Todes aufgrund einer medizinischen schmerzlindernden Behandlung im Einverständnis mit dem Betroffenen. Diese indirekte Sterbehilfe - auch als echte Sterbehilfe bezeichnet - ist nicht strafbar, da die Lebensverkürzung als unbeabsichtigte Nebenfolge einer anderen notwendigen Behandlung auftritt. Denn die Ermöglichung eines Todes in Würde und Schmerzfreiheit gemäß dem erklärten oder mutmaßlichen Patientenwillen ist ein höherwertiges Rechtsgut als die Aussicht, unter schwersten Schmerzen noch kurze Zeit länger leben zu müssen.

Als Passive Sterbehilfe wird der Verzicht auf lebenverlängernde Maßnahmen bezeichnet. Passive Sterbehilfe durch Sterbenlassen ist nur zulässig, wenn die ärztliche Behandlung das Recht eines Menschen auf menschenwürdiges Sterben verletzen würde. Man unterscheidet zwischen passiver Sterbehilfe im engeren Sinn (Sterbevorgang hat bereits eingesetzt, also z.B. reanimationspflichtiger Patient) und im weiteren Sinn (keine unmittelbare Todesnähe). Während die Sterbehilfe im engeren Sinn ("Hilfe beim Sterben") straffrei ist, ist die Sterbehilfe im weiteren Sinn ("Hilfe zum Sterben") strafbar. Wird passive Sterbehilfe ohne eine Willenserklärung des Patienten vollzogen, können sich die Garanten nach § 212 StGB (Totschlag) strafbar machen.

Ich gehe (das ist meine Privatmeinung ohne sicheren rechtlichen Hintergrund) davon aus, dass die Pflegeeinrichtung im Sinne von indirekter oder passiver Sterbehilfe im engeren Sinne handeln darf und keinen Notarzt hinzuziehen muß, wenn dies vom Betreuer gemäß des Willens des Patienten vorher festgelegt wurde. Und dass dies der Grund ist, warum die Pflegeeinrichtungen hier Klarheit in Form von Patientenverfügungen schaffen möchten.

Zitat:
Ich weiß nur, dass ich leben und meine Chance haben möchte - dashalb habe ich geschrieben, dass Sie das mal meine Sorge sein lassen sollen.


In diesem Falle brauchen Sie ja auch nicht unbedingt eine Patientenverfügung, denn selbst wenn kein Angehöriger da ist, wird der Arzt ihren mutmaßlichen Willen als Willen zum Überleben deuten und behandeln. Ansonsten kann ich Ihnen nur empfehlen, eine möglichst differenzierte Patientenverfügung zu wählen, also nicht nur eine mit den Standardsätzen „in ausweglosen Situationen ect.“. Meine Eltern habe eine sehr gute Patientenverfügung der Uni Freiburg, leider finde ich aber den Link nicht mehr.

Zitat:
Das, was ich etwas überspitzt als mögliche Affektreaktion von Angehörigen beschrieben habe, sollte nur deren Schwierigkeiten herausheben. Dummerweise können sie den mutmaßlichen Willen ihrer Angehörigen eben nicht so schön ermitteln, wie Sie das mit Ihren Eltern konnten. Weil sie nicht nur nicht einwilligungsfähig, sondern zu einer Komunikation über das Problem gar nicht mehr imstande sind. Das macht das besondere Problem aus.


Ja, das ist natürlich sehr schlimm und schwierig, wenn vor dem Notfall/ Unfall/ der Hirnschädigung nie darüber gesprochen wurde und jetzt Angehörige plötzlich festlegen sollen, was denn wohl der Wille des Patienten gewesen wäre. Da weiß ich leider auch keinen Rat.

Zitat:
Auch das mag sich für "Uneingeweihte" etwas sarkastisch anhören - aber unsere Angehörigen wären manchmal weniger mit der Situation überfordert, dass ihr Patient stirbt - dass er jeden Augenblick sterben könnte, damit waren sie in der Regel schon konfrontiert und sie haben sich bereits von einem Teil davon trennen müssen. Manchmal sind sie eher damit überfordert, dass und wie er jetzt lebt. Das ist "unser" Problem.


Ja, das kann ich sehr gut nachvollziehen, mein Vater hat Alzheimer. Es macht mich traurig, dass Angehörige sich mit einer solchen Situation über viele Jahre quälen müssen. Daher halte ich es für sehr schwierig, von diesen Angehörigen eine Entscheidung zu bekommen, was den mutmaßlichen Willen des Patienten betrifft, da die eigenen Ängste, Unsicherheiten und Wünsche der Angehörigen eine solche Entscheidung sehr mitbeeinflussen werden.

Zitat:
. Immerhin kann ich Ihrer Antwort entnehmen, dass die Abfassung eienr Patientenverfügung auch aus Ihrer Sich keine so leichte Sache ist. Ich würde mir wünschen, dass, bevor die Patientenverfügung so breit als "WWundermittel" angepriesen wird, mal daüber nachgedachtn werden würde, wie man potenziellen Patienten überhaupt erklären kann, worum es dabei geht. Es geht nämlich m.E. darum, dass die moderne Intensivmedizin ziemlich viele Schwierigkeiten meistern kann, welche möglcihen Dauerfolgen damit verbunden sein können - wie Sie eben überhaupt arbeiten. Was ich in der ggw. Debatte um die Patientenverfügung - bei der immer das recht auf ein würdiges Sterben im Alter im Mittelpunkt steht - "leichtfertig" Patientenverfügungen verfasst werden, die eher der Transplantationsmedizin dienen.
Fällt Ihnen vielleicht was dazu ein, wie man dieses Pronlem angehen könnte?


Ich gehe da völlig konform mit Ihnen. Der Gesetzgeber hat mit der Ausweitung der Patientenrechte zwar die freie Selbstbestimmung des Menschen sehr gestärkt, aber unendliche Probleme in der praktischen Umsetzung geschaffen und dem Patienten Pflichten auferlegt, die er mangels Informationen und Fachwissen eigentlich gar nicht erfüllen kann. Dazu bräuchte er ein Medizinstudium und zusätzliche, fundierte Fachkenntnis auf dem speziellen Gebiet seiner Erkrankung. Und diese Probleme können auch mit den vielgelobten Patientenverfügungen nicht gelöst werden.

Mit freundlichem Gruß

Doc-in-not


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 Betreff des Beitrags:
BeitragVerfasst: 19.12.04, 21:38 
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DMF-Moderator

Registriert: 16.09.04, 12:16
Beiträge: 996
Hallo doc-in-not,
vielen Dank für Ihre ausführliche Antwort.
Die rechtliche Seite alles dessen ist mir völlig klar - ich hab Jura studiert.
Aber die medizinische ist eben nicht so leicht.
Ich freue mich, dass Sie hier so offen darüber schreiben, wie schwierig das selbst für Sie und Ihre Eltern ist.
Ich hätte das alles früher auch anders beurteilt, weil schon die Vorstellung eines z.B. komatösen beatmeten Menschen mir das schlichte Grausen beigebracht hätte.
Aber mittlerweile habe ich eben auch genügend Menschen gesehen, die ganz unvorstellbare Dinge überlebt haben und denen es gut genug geht, um dafür dankbar zu sein und ihre zweite Chance zu nutzen. Ich traue Ihrer Intensivmedizin eine ganze Menge zu. Im Nachhinein finde ich, es war der "sicherste Teil " der Behandlung, weil irgendwie immer irgendwer zu sagen wusste, wie es in den nächsten 12 oder 24 Stunden weiter geht - so oder so. Das ärztliche Schulterzucken in der Zeit danach und die Trägheit und Unwilligkeit der Kostenträger sind oft wesentlich schlechter zu ertragen, als die knappe Schilderung des gerade aktuellen worst-case-Szenarios auf der ITS. Vorausgesetzt natürlich, man ist imstande, sich das zeitnah zu "entlateinisieren". Aber auch da hab ich verständige Mediziner getroffen, die bereit waren mir drei bis fünf Sätze in Deutsch zu erklären.
Herzlichen Dank also. Vielleicht hilft diese Diskussion ja dem einen oder anderen Leser, sich bei seiner Patientenverfügung vielleicht ärztlich beraten zu lassen.
Schöne Grüße,
Annett Löwe


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 Betreff des Beitrags: Ein authentischer Fall
BeitragVerfasst: 20.12.04, 08:59 
Hallo !

Ich finde diese Diskussion echt toll. Es ist ein Problem, mit dem man sich als Arzt und als Angehöriger oft auseinandersetzen muß. Aus diesem Grund möchte ich euch einen Falls schildern, der sich so tatsächlich zugetragen hat.

Alarm Sonntag Vormittag: NAW – Lungenödem im Ort XY,, RTW vor Ort

Situation vor Ort: RTW (Einweisung vom HA Lungenödem) gibt Sauerstoff, RR 90/- SaO2 um 50 %, Atempausen, auskultatorisch Lunge frei. Das ganz spielt in einem schlecht beleuchteten Schlafzimmer, BZ normal, komatös, keine HSZ feststellbar.

Befragung der Angehörigen: akut verschlechtert, immer gesund, keine wesentlichen Vorerkrankungen.

Beim Versuch einen venösen Zugang zu legen fallen Hämatome an beiden Armen auf, kein peripher venöser Zugang möglich.

Frage: „War der Pat. gerade im KH“ – „Ja, nichts gefunden !“

ZVK – Intubation – Transport ins KH Internistische Intensiv

Computer befragt: „Alte Krankengeschichte“ – Fortgeschrittenes metastasiertes Karzinom – Pat. wurde auf Wunsch der Angehörigen „zum Sterben“ in die häusliche Pflege entlassen.

Letzten Endes hat sich der Patient am Vorabend verschlechtert, die Nacht haben sie zugesehen, dann konnten sie nicht mehr ...

Kein weiteres Kommentar ...

Mit freundlichen Grüßen

g@st


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 Betreff des Beitrags: Patientenverfügung ?
BeitragVerfasst: 20.12.04, 09:15 
Hallo !

Ich weiß die deutsche Gesetzeslage nicht, in Österreich kann nur der Patient ein entsprechende Verfügung erstellen, und damit den Arzt oder Notarzt (auf jeden Fall den arzt in Not) in einen Entscheidungsnotstand bringen.

Sobald der Patient selbst nicht mehr dazu in der Lage ist, kann man einen Sachwalter über das Gericht bestellen, der die Geschäfte des Patienten übernimmt.

Dieser darf allerdings nur der einfachen medizinischen Heilbehandlung zustimmen, jeder größeren Behandlung oder OP oder wenn Schäden zu erwarten sind, muß über das Sachwaltschaftsgericht erfolgen, damit ist die reine Befragung der Angehörigen nach dem mutmaßlichen Willen des Patienten und derenn Unterschrift nicht das Papier wert, auf dem es niedergeschrieben wird.

Es ist sicher eine wichtige Information, was sich die Angehörigen wünschen, rechtlich bei Problemen kann man sich nicht darauf berufen.

Schöne Grüße

Austria


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 Betreff des Beitrags: @G@st
BeitragVerfasst: 20.12.04, 10:21 
Lieber g@st,

Deine Schilderung bringt genau auf den Punkt, was passiert, wenn die Angehörigen mit dem "Sterbevorgang" einfach überfordert sind. Das ist kein Vorwurf an die Angehörigen !!! Und hier sollte es einfach andere Möglichkeiten geben, als den Notarzt zu holen, der mit dem Patienten dann unwissentlich genau das macht, was dieser NIE gewollt hätte !

Angehörige, die einen Sterbenden zu Hause betreuen, müssten Hilfe von aussen bekommen, nicht nur pflegerische Hilfe, sondern seelische Hilfe, welche sie darauf vorbereitet, mit dem Sterben umzugehen. Diese Hilfe könnte z.B. durch speziell ausgebildetes Pflegepersonal, Ärzte, Sozialalarbeiter oder kirchliche Seelsorger angeboten werden. Nur wer soll/wird das zahlen ?

In Deinem konkreten Fall (so drastisch habe ich es auch noch nicht erlebt !) wäre der Hausarzt gefordert gewesen, der es sich ja auch sehr leicht gemacht hat. Warum konnte er einem solchen moribunden Patienten nicht mit großzügiger Morphingabe Schmerz und Angst nehmen und mit Sauerstoff die Atmung erleichtern ??? Warum haben die Angehörigen Dir nicht die zugrundeliegende Krebsdiagnose gesagt, dann hättest Du sicherlich nicht mehr intubiert, sondern wie oben behandelt, oder ?

Ich möchte hier noch einen Fall erzählen, den ich vor etwa einem halben Jahr erlebt habe und der absolut unerwartet endete:

4 Uhr morgens, Einsatz im Altenheim, 81-jährige Patientin, Z.n. 2 Apoplexen, aber wieder völlig mobil und selbstständig.

Bei Eintreffen NA Patientin tief bewußtlos ohne Schutzreflexe, Cheyne-Stoke`sche Atmung (für Laien: so nennt man eine Atemunregelmäßigkeit, die kurz vor dem Tod auftritt), Herzfrequenz 20-30 mit breiten Kammerkomplexen, RR 70/-, rechte Pupille weit, lichtstarr ohne LR, Babinski bds. positiv. Nach Ausschluß anderer Möglichkeiten mit höchster Sicherheit ein schwerster Re-Apoplex.

Das Pflegepersonal sagt von sich aus, die Patientin hätte sich immer geäußert, daß sie in einem solchen Fall nie ins Krankenhaus oder wiederbelebt werden wolle.

Wir vesorgten die Pat. zunächst mit Sauerstoff, Zugang (nur Ringer) einem Guedel-Tubus und drehten sie zum Aspirationsschutz vorsichtig in stabile Seitenlage. Eine Intubation/ Beatmung/ Reanimation kamen für mich aufgrund des Krankheitsbildes nicht in Frage.

Dann rief ich die Angehörigen an und schilderte die Situation. Ich verdeutlichte, daß auch im Krankenhaus letztlich nichts anderes gemacht werden könne, als im (sehr guten !) Pflegeheim und riet, die Patientin im Heim zu belassen. Die Angehörigen fanden das richtig, zumal sich die Pat. auch ihnen gegenüber klar gegen eine Krankenhausbehandlung geäußert hatte. Sie kamen sofort zum Altenheim, wo sie um 5 Uhr eintrafen. Ich blieb vor Ort (RTW war abgerückt, ich einsatzbereit, aber ich hoffte natürlich, nicht wegzumüssen), die Patientin hatte sich von Herzfrequenz, Atmung und RR auf niedrigem Niveau stabilisiert und lag friedlich, bewußtlos im Bett.

Mit den drei Angehörigen besprach ich nochmals ausführlich die Situation, erklärte ihnen, daß die Mutter vermutlich in den nächsten Stunden versterben könne. Das Pflegepersonal bejahte meine Entscheidung und sah es als völlig problemlos, eine intavenöse Flüssigkeitszufuhr und die O2-Versorgung durchzuführen. Ein Hausarztbesuch für den nächsten Vormittag wurde vereinbart. Ich rückte mit einem guten Gefühl wieder ab.

2 Wochen später bekam ich einen Brief der Angehörigen. Die ganze Familie hatte am Bett der Patientin gewacht. Die Patientin war in den nächsten Stunden aufgeklart, hatte spontan die Augen geöffnet und gelächelt. Sie wurde ins Krankenhaus gebracht und nach 1 1/2 Wochen mit einer geringen Restparese des Armes wieder ins Heim entlassen. Die Angehörigen haben sich ausdrücklich bedankt und es gutgeheißen, wie wir in dieser Nacht gehandelt haben. Ich dachte im ersten Moment, ich würde einen wütenden Brief und evtl. eine Anzeige wegen unterlassener Hilfeleistung bekommen...

Ich habe die Patientin später im Heim besucht. Sie hat mich natürlich nicht erkannt und sich an die gesamte Nacht nicht erinnert, wußte die Ereignisse nur aus Erzählungen ihrer Angehörigen. Ich habe sie gefragt, ob unser Handeln in dieser Nacht ihren Wünschen entsprochen hätte und sie sagte uneingeschränkt JA. Ich bin sehr glücklich wieder zur Wache gefahren.

Und nur aus dem Bauch raus... ich bin überzeugt, wenn wir die Patientin in dieser Nacht in ihrem äußerst labilen Zustand ins Krankenhaus transportiert hätten, wäre sie vielleicht schon auf der Fahrt gestorben...

Sorry, ist mal wieder lang geworden... :cry:

Mit herzlichem Gruß doc-in-not


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 Betreff des Beitrags: Notarzt und palliativ Situation
BeitragVerfasst: 21.12.04, 19:15 
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DMF-Mitglied

Registriert: 20.12.04, 11:53
Beiträge: 91
Hallo !

Was mir schon öfters aufgefallen ist, vielerorts heißt den Notarzt zu holen, Transport ins KH, wenige Kollegen trauen sich auch mal einen Patienten vor Ort zu belassen. Ausnahmen sind vielleicht Großstädte, wo der NA den HA oft ersetzen muß und viele Patienten den Transport nicht wollen.

Gerade in den palliativen Situationen kann sich der Patient nicht wehren und die Angehörigen geben dem Druck des NA nach und stimmen dem Transport zu.

Ich möchte euch hierzu einige Beispiele aus eigener Erfahrung schildern. Damit die einzelnen Postings leichter zu lesen sind, wede ich sie einzeln posten.

_________________
Schöne Grüße von

Grisu

(dem kleinen Rettungsdrachen)


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 Betreff des Beitrags: Beispiel 1
BeitragVerfasst: 21.12.04, 19:25 
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DMF-Mitglied

Registriert: 20.12.04, 11:53
Beiträge: 91
Frau 94 Jahre massives Lungenödem (x.tes Rezidiv)
will nicht ins KH
HA und Enkelin (Intensivschwester, internistisch) vor Ort.
NA sitzt bei der Rettung und trinkt Kaffee.
Telefonische Anfrage, wie sie zu einer O2 Versorgung kommen könnten (23:00)
Da Telefonist und NAW Fahrer telefonieren übernehme ich das Telefonat. Da ich den HA kenne, frage ich ihn, ob er Unterstützung braucht, er erklärt mir, man kann den NA nicht holen, da die PAtientin nicht ins KH will.

Da der Notfallort in der Nähe ist, bringen wir mit dem NAW den Sauerstoff vorbei. Patient ist schon relativ gut versorgt, ich bespreche die Situation mit dem HA und der Enkelin und vereinbare ein telefonisches Stand by, wenn sie etwas benötigt, weiters hinterlege ich ein Protokoll mit der Anordnung alle 8 h 5 mg Vendal zu verabreichen, die nötige Menge wird dem Hausarzt "geborgt", der sie der Patientin verordnet und für den folgenden Tag ein Suchtgiftrezept zur weiteren Therapie ausstellt. Seine einzige Ampulle hat er schon verabreicht.

Patientin ist zu diesem Zeitpunkt voll kontaktfähig, weiß um die schwere Erkrankung Bescheid und will daheim bleiben.

Mehrfach telefonische Rücksprache im Lauf der NAcht, am folgenden Morgen erhalte ich dann die Nachricht, daß die Patientin friedlich eingeschlafen ist.

Ich bin mir klar, daß ich rechtlich vielleicht in einem Graubereich war, aber menschlich glaube ich war es so schon okay.

_________________
Schöne Grüße von

Grisu

(dem kleinen Rettungsdrachen)


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