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medizin-forum.de • Thema anzeigen - Notarztmangel
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 Betreff des Beitrags: Notarztmangel
BeitragVerfasst: 28.02.12, 18:33 
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Hallo Leute,

ich schreibe im Moment an einer Facharbeit zum Thema Notarztmangel in Deutschland
und möchte in dieser verschiedene Lösungsansätze erläutern und politisch bewerten.
Mich interessiert eure Meinung zu dem Thema.

Was haltet ihr davon, dass Rettungsassistenten mehr Kompetenzen bekommen?
Oder sollte man einen neuen eigenen Berufsstand mit einer besseren Ausbildung als der von Rettungsassistenten schaffen, die dann die Aufgaben des Notarztes übernehmen.
Oder wie kann man das Problem lösen?


Punkte wie politische Durchsetzbarkeit, Verfassungsmäßigkeit etc. sind unwichtig.

Ich freue mich über jegliche Art von Denkansatz und sei er noch so exotisch.

Lieben Dank =)=)=)=)


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 Betreff des Beitrags: Re: Notartmangel
BeitragVerfasst: 28.02.12, 20:13 
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Hallo,

dieses Thema wurde in den ledtzten 12 Monaten hier in ganz verschiedenen Facetten diskutiert.

Z.B. hier:
:arrow: viewtopic.php?f=52&t=108001

Es mag sinnvoller zu sein, nach der Lektüre die Fragen etwas konkreter zu stellen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. A. Flaccus

_________________
Dr. A. Flaccus
Facharzt für Anästhesie
- Notfallmedizin -
DMF-Moderator


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 Betreff des Beitrags: Re: Notartmangel
BeitragVerfasst: 01.03.12, 11:37 
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Beiträge: 277
Kleiner Tip für deine Suche : Schau mal nach Cuxhaven. Dort läuft eine Testphase im Rahmen derer, RA Morphin verabreichen dürfen. Das ganze ist wie gesagt ein Text. Das bedeutet, dass nicht jeder RA in Cuxhaven sondern, dass das nur einige ausgewählte nach einem Test etc. dürfen.

Der Grund für diesen Versuch ? Notarztmangel.

In der aktuellen Ausgabe, der Zeitschrift "Rettungsdienst" findet sich dazu auch ein kleiner Artikel.

http://www.rettungsdienst.de/magazin/cu ... chen-27638


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 Betreff des Beitrags: Re: Notartmangel
BeitragVerfasst: 07.03.12, 21:51 
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Gewiss wäre eine Zertifizierung (wenn schon keine fundierte Ausbildung) für RettAss für bestimmte sog. "ärztl. Tätigkeiten" aus Patientensicht und aus ökonomischen* Gründen wohl sehr wünschenswert und auch zeitgemäß. Ebenso für die zigmal beschriebene ungenügende Rechtssicherheit des RD-Personals.

Traurig ist ja wohl auch dass Krankenhauspersonal in Funktionsabteilungen oft bei weitem mehr zugestanden wird als dem RettAss. Das ist ein Zustand der schlichtweg lächerlich und gefährlich ist, allein schon wenn man die Zeit berücksichtigt in der ein Arzt im KH verfügbar ist und diejenige im RD.

Das ewigwährende Not- und Regelkompetenzgerede ist wohl einfach nur ein überheblicher und gefährlicher Lobbyismus der Ärzteschaft nicht zuletzt auch aus monetären Gründen.

* Vergleich Notfalleinsatz: 520 Euro (Bayern) - bei Kassenpatienten rechnet der NA extra nochmal 95 Euro Pauschale ab,
bei Privatpatienten entsprechen mehr, (je nach "vom Arzt durchgeführter" durchgeführter Tätigkeit )


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 Betreff des Beitrags: Re: Notartmangel
BeitragVerfasst: 08.03.12, 09:08 
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Beiträge: 277
jackrabbit94 hat geschrieben:
Gewiss wäre eine Zertifizierung (wenn schon keine fundierte Ausbildung) für RettAss für bestimmte sog. "ärztl. Tätigkeiten" aus Patientensicht und aus ökonomischen* Gründen wohl sehr wünschenswert und auch zeitgemäß. Ebenso für die zigmal beschriebene ungenügende Rechtssicherheit des RD-Personals.

Traurig ist ja wohl auch dass Krankenhauspersonal in Funktionsabteilungen oft bei weitem mehr zugestanden wird als dem RettAss. Das ist ein Zustand der schlichtweg lächerlich und gefährlich ist, allein schon wenn man die Zeit berücksichtigt in der ein Arzt im KH verfügbar ist und diejenige im RD.

Das ewigwährende Not- und Regelkompetenzgerede ist wohl einfach nur ein überheblicher und gefährlicher Lobbyismus der Ärzteschaft nicht zuletzt auch aus monetären Gründen.

* Vergleich Notfalleinsatz: 520 Euro (Bayern) - bei Kassenpatienten rechnet der NA extra nochmal 95 Euro Pauschale ab,
bei Privatpatienten entsprechen mehr, (je nach "vom Arzt durchgeführter" durchgeführter Tätigkeit )


Dr. A. Flaccus hat geschrieben:
dieses Thema wurde in den ledtzten 12 Monaten hier in ganz verschiedenen Facetten diskutiert.

Z.B. hier:
:arrow: viewtopic.php?f=52&t=108001


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 Betreff des Beitrags: Re: Notartmangel
BeitragVerfasst: 08.03.12, 10:35 
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Beiträge: 7270
Wohnort: Bad Nauheim
  1. Solange sich bei Dienstplanlücken meistens Notärzte finden, die für 30 Euronen brutto pro Stunde (in fremden Bezirken mit privat erworbener Berufsbekleidung, unzureichend versichert, mit privat bezahlten in Freizeit erworbenen Fortbildungslehrgängen) kurzfristig einspringen, würde ich einen Notarztmangel kategorisch abstreiten.
  2. jackrabbit94 hat geschrieben:
    ... ein überheblicher und gefährlicher Lobbyismus der Ärzteschaft...
    Mein Eindruck ist, die Scharfmacher sitzen woanders. Auch in den betreffenden Threads hier fallen Scharfmacher-Formulierungen (s.o.) eher weniger von ärztlicher Seite.
    jackrabbit94 hat geschrieben:
    * Vergleich Notfalleinsatz: 520 Euro (Bayern) - bei Kassenpatienten rechnet der NA extra nochmal 95 Euro Pauschale ab, bei Privatpatienten entsprechen mehr, (je nach "vom Arzt durchgeführter" durchgeführter Tätigkeit
    Auch hier wird wohl illegitimerweise "Notarzt im Rettungsdienst" und "kassenärztlicher Notdienst (ÄND)" einzig zu dem Zweck vermengt um eine Diskussion in Richtung Neiddebatte zu verlagern.

_________________
Herzlichen Gruss
Ihr Achim Jäckel
www.medizin-forum.de


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 Betreff des Beitrags: Re: Notartmangel
BeitragVerfasst: 29.03.12, 12:10 
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Registriert: 18.12.11, 22:42
Beiträge: 4
jaeckel hat geschrieben:
Solange sich bei Dienstplanlücken meistens Notärzte finden, die für 30 Euronen brutto pro Stunde (in fremden Bezirken mit privat erworbener Berufsbekleidung, unzureichend versichert, mit privat bezahlten in Freizeit erworbenen Fortbildungslehrgängen) kurzfristig einspringen, würde ich einen Notarztmangel kategorisch abstreiten.


Ich würde einen echten Notarztmangel auch abstreiten. In Bayern erhält ein (selbstständiger) Notarzt von der kassenärztlichen Vereinigung tags eine Pauschale von 4 und nachts von 8 Euro pro Stunde brutto. Für einen Einsatz (bis 75 Minuten, Kassenpatient) bekommt er tags ca. 90 und nachts ca. 110 Euro. An einsatzschwachen Standorten geht der Notarzt nach einer 12 Stunden Tagschicht, sollte es keinen Einsatz gegeben haben, mit 48 Euro brutto nach Hause. Hat er einen Einsatz, sind es immerhin 130 Euro, also ein Stundenlohn von 10,83 Euro. Diesen darf er dann noch versteuern und als Selbstständiger Versicherungen, Aus- und Weiterbildungen sowie seine persönliche Schutzkleidung bezahlen. Dass hier an Notärzten fehlt dürfte nicht an deren mangelnder Existenz liegen, sondern an der nicht vorhandenen Bereitschaft unter diesen Bedingungen zu arbeiten. Da dürften neue Versuche mit Pauschalen bei Anfahrt aus weiterer Entfernung oder ein Bonus bei einer bestimmten Anzahl von geleisteten Stunden auf einer einsatzschwachen Wache am Jahresende auch nicht zielführend sein.
An einsatzstarken, lukrativen Standorten gibt es diese Probleme nicht, dort bestehen Wartelisten und Notärzte müssen unter Umständen Jahre warten, um zum Einsatz zu kommen.
Es gibt Notarztstandorte mit Notarztmangel (einsatzschwach,ländliche Region) und solche mit Warteliste(einsatzreiches städtisches Gebiet) die nur wenige Kilometer auseinander liegen.

Hier würde der "Notarztmangel" sicher durch eine angemessene Bezahlung der Vergangenheit angehören.


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 Betreff des Beitrags: Re: Notarztmangel
BeitragVerfasst: 12.05.12, 15:21 
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Beiträge: 172
Ich kann nur aus Erfahrungen in Australien schreiben. Dort gibt es keine Notärzte (Aber spezielle Paramedics die noch besser spezialisiert sind) . Die Paramedics geben Morphin und ein schnellwirkendes Anästhesie-gas durch eine kleine "pfeife". Die Patienten müssen selten lange Schmerzen erleiden was natuerlich SChockgeschehen etc entgegenwirkt.
Das finde ich echt gut an dem System... über manach andre Dinge kann man sicherlich streiten..

Lg Dora


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 Betreff des Beitrags: Re: Notarztmangel
BeitragVerfasst: 16.05.12, 13:36 
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Der Notarztmangel ist vorhanden, das ist nicht mehr abstreitbar.
Es gibt genügend Landkreise, die deutliche Probleme haben, ihre Standorte besetzt zu bekommen. Dabei geht es nicht immer nur um die Bezahlung des Notarztes. Wenn aber der Notarzt mehr Geld verlangt, dann kann dieses nur über eine gemeinsame Anhebung der stündlichen Entlohnung von RettAss, RettSann und Notarzt gehen. Eine alleinige Anhebung der Stundenlöhne der Notärzte, wäre für das System nur kurzweilig von Sinn.

PriceWaterHouse rechnet statistisch und prognostisch nach einer Studie aus 2010/11 mit einem Fachkräftemangel von ca. 1.000.000 Arbeitskräften 2030 im Gesundheitswesen. Darauf entfallen ca. 56.000 Ärzte. Weiterführend ist die Beobachtung schon seit langem, das Ärzte jährlich abwandern (Ausland), zu wenig ausgebildet werden (Universität) und die Hausarztdichte weiter abnimmt, welches die Anforderungen an das nichtärztliche Rettungsdienstpersonal steigert.

Lange Rede kurzer Sinn. Das deutsche Rettungsdienstsystem ist marode und brökelt langsam vor sich hin.
Ziel muss es sein, ein sinnvolles und schlagkräftiges System zu entwickeln, welches dem Patienten mit hochwertigem Personal dient, die Kosten überschaubar bleiben (alternative Kostenmodelle außerhalb einer Krankenkassenübernahme sondern staatlichen Übernahme sind zur Diskussion zu stellen) und dieses muss ergebnis- und prozessorientiert geschehen.
Benchmarks wie Primärüberlebensraten bei z.B. VF (z.B. Tessin - Schweiz: angestrebt über 50% derzeit über 30% // King County - Seattle: 60-80 % // Australien - Queensland: 60%) und andere Qualitäten müssen das Ziel sein, um das sich ein System herum etabliert. Neue Ressourcen müssen erschlossen und eingebunden werden. Reinweg der Erhalt von nicht belegbaren Hilfsfristen, die auf Kommunaler Ebene auch noch fingiert werden, ist nicht das Ziel eines Systems. Dafür muss das System zwangsläufig transparenter werden. CIRM, Supervision von Rettungsfachpersonal und Notärzten, Reassessments und Zertifizierungen dieses Personals mit einheitlichen Standards sind das Ziel, das es zu erreichen gilt. Nur dann hat das System die Chance zukunftsträchtig zu sein, wollen wir den Vergleich mit Systemen wagen, die Ergebnisqualitäten bereits messen und hier sehr gute Ergebnisse zu präsentieren haben.
Zu diesem Zweck müssen sich die Standesorganisationen und weitere Experten an einen Tisch setzen und eigene Belange ausblenden. Der Patient und die bestmögliche Versorgung ist das Ziel und nicht um jeden Preis die berufspolitischen Belange einer Gruppe. Dieses ist leider "noch" nicht aus den Köpfen von einigen Vertretern zu bekommen. Wir können nur hoffen.
Wie das System sich hinterher darstellt, ist unerheblich. Wichtig ist, das die Qualitäten stimmen.

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Advanced Care Paramedic - Queensland Ambulance Service (Australia)


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 Betreff des Beitrags: Re: Notarztmangel
BeitragVerfasst: 28.07.12, 19:27 
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Beiträge: 5
Pizzaman hat geschrieben:
...

Was haltet ihr davon, dass Rettungsassistenten mehr Kompetenzen bekommen?
Oder sollte man einen neuen eigenen Berufsstand mit einer besseren Ausbildung als der von Rettungsassistenten schaffen, die dann die Aufgaben des Notarztes übernehmen.
...


Das Notfallsanitätergesetz ist in Arbeit.

hier finden Sie weitere Informationen, auch die Reaktionen der Ärztevertretungen:

http://www.rettungsdienst.de/category/magazin/recht

http://openpetition.de/petition/online/braunwalder-erklaerung-zur-diskussion-um-den-referentenentwurf-fuer-das-notfallsanitaetergesetz


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 Betreff des Beitrags: Re: Notarztmangel
BeitragVerfasst: 30.07.12, 18:28 
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Zum Thema Notarztmangel hier eine Pressemitteilung der AGBN:

http://www.band-online.de/download/1122.pdf

Aus der kann man schon ableiten, das es einen solchen Mangel gibt.
Dieser wird sich bis 2030 weiter verbreiten, wenn nicht bald entsprechende Maßnahmen ergriffen werden.
(PriceWaterhouseCoopers 2011 - Fachkräftemangel bis 2030 knapp 1.000.000 im Gesundheitswesen)

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Advanced Care Paramedic - Queensland Ambulance Service (Australia)


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 Betreff des Beitrags: Re: Notarztmangel
BeitragVerfasst: 31.07.12, 06:11 
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S_Steingrobe hat geschrieben:
Aus der kann man schon ableiten, das es einen solchen Mangel gibt.
Klar. Hausgemacht. Wegen Unterbezahlung.
S_Steingrobe hat geschrieben:
Lange Rede kurzer Sinn. Das deutsche Rettungsdienstsystem ist marode und brökelt langsam vor sich hin. Ziel muss es sein, ein sinnvolles und schlagkräftiges System zu entwickeln, welches dem Patienten mit hochwertigem Personal dient, die Kosten überschaubar bleiben (alternative Kostenmodelle außerhalb einer Krankenkassenübernahme sondern staatlichen Übernahme sind zur Diskussion zu stellen) und dieses muss ergebnis- und prozessorientiert geschehen.
Die staatliche Übernahme der Kosten für hoheitliche Aufgaben wäre ein Denkmodell, was auch ich begrüßen würde. Die Realität zeigt leider aber genau das Gegenteil. Selbst die beste Infrastruktur im Gesundheitswesen, wie Universitätskliniken, wird inzwischen am Kapitalmarkt verkloppt, damit man das Geld dann selbst verzocken oder Zocker erretten kann. Outsourcing und PPP (Public Private Partnership) zur Ausplünderung der öffentlichen Kassen ist angesagt. Daher ist es "marode und brökelt langsam vor sich hin". Notärzte, Klinikärzte und niedergelassene Fachärzte können wir uns nicht mehr leisten. Der Euro, die Blinden in Griechenland und die Forestali in Sizillien müssen schließlich dringlicher gerettet werden. In diese Welt passt nahtlos ein Verzicht auf notärztliche Versorgung und Ersatz alleine durch Rettungsdienstpersonal.

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Herzlichen Gruss
Ihr Achim Jäckel
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 Betreff des Beitrags: Re: Notarztmangel
BeitragVerfasst: 31.07.12, 10:22 
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Wohnort: Queensland - Australien
Ich stimme Ihnen da komplett zu.

Bundeskampagnen wie sie derzeit aufkommen:"Fachkräfte aus Europa ab nach Deutschland" abzuwerben, bringt uns nicht den gewünschten Erfolg. Vergleiche zu anderen Ländern können hier nicht schaden, sofern man sich Fachkräfte bemächtigen möchte, müssen diese über nahezu den gleichen Qualifikationsstand verfügen und sollten Deutsch auf einem hohen Level fließend sprechen müssen.
Daran scheitert es dann meist, wenn man den Blick in den Osten des Landes wirft, wo osteuropäische Ärzte einen in der Notaufnahme begrüßen und wenig gebrochenes Deutsch können.

PriceWaterHouseCoopers hat es 2011 auf den Punkt gebracht. 1.000.000 Fachkräfte fehlen im deutschen Gesundheitsssytem bis 2030. Lösung: Bessere Arbeitszeiten, familienfreundlicheres Arbeitsumfeld und mehr Gehalt.

Den Rettungsdienst als Teil des Bevölkerungsschutz und der Gefahrenabwehr sehe ich daher auch in den Händen des Bundes/Länder. Eine Finanzierung durch die Krankenkassen ist mir bis heute nicht logisch nachvollziehbar. Es müssen aber neue Wege bedacht werden, damit wird das System nicht an die Wand fahren und zukünftig weiterhin hochqualifiziertes ärztliches und nicht-ärztliches Personal bezahlen können.
Sollte das nicht möglich sein, wird dieses Personal weiter abwandern und die Vision von PriceWaterHouseCoopers wird Realität.

Wir müssen uns - basierend auf der geringen Ressource Notarzt - weiterhin Gedanken machen, wie das System zukünftig aussehen kann und muss, damit es weiter schlagkräftig bleibt und dem Patienten die notwendigen Ressourcen zukommen lassen kann. Da finde ich den Artikel von Prof. Grabinsky et.al. (Chief Deputy Medical Director Seattle - Medic One) richtungsweisend, in der letzten Rettungsdienst 07/2012. Den Artikel habe ich noch las PDF - kann Ihn hier aber irgendwie nicht hochladen.

Grundaussagen dieses Herren der für den wohl weltweit besten Rettungsdienst (gemessen an der Ergebnis- und Prozessqualität) arbeitet war, das System in Deutschland im gewissen Maß umzustrukturieren.

Hauptkernpunkte:
- Notfallsanitäter weiterbilden mit BSc Abschluß und damit die Notärzte auf den NEF ersetzen.
- kleinere Hot Response Units bilden, um die therapiefreie Zeit vor Ort zu verkürzen (Seattle: 4min von Notrufeingang bis Pads on Patient bzw. first shock)
- Fachärzte für Notfallmedizin auf die RTH - Nachforderung vom Notfallsanitäter des NEF bzw. enger Indikationskatalog
- weniger NEFs als jetzt, damit sichergestellt ist, das die Notfallsanitäter BSc eine hohe Frequenz an lebensrettenden Einsätzen haben, um ihre Skills aufrecht zu erhalten
- gute Ausbildung der Notfallsanitäter auf dem RTW, womit ein Großteil der Einsätze abgearbeitet werden kann
- prozess- und ergebnisqualitätsorientierte Versorgung - der Patient als Qualitätsfaktor ist der Mittelpunkt des Systems. Nach ihm müssen sich die Modelle orientieren und die Verbesserungen stattfinden.


Den Fulltextartikel gibt es dann bei mir als PDF, wer interessiert ist.

Wir müssen uns von dem Gedanken trennen - Kirschner et.al. "Der Patient muss nicht zum Arzt kommen, sondern der Arzt zum Patienten". Diese Aussage wurde bis heute nicht belegbar dargestellt, noch ist sie im Zuge der Professionalisierung der Fachkräfte noch standhaft. Der Patient benötigt die richtige Hilfe, zur richtigen Zeit durch die dafür am besten qualifzierte Fachkraft.
Andere Systeme leben uns dieses vor und können durch eine Kombination aus Notarzt auf RTH und Fachkräften in unterschiedlichen Instanzen zeigen, das es nicht nur des NA oder nur des Paramedics bedarf, um ein hochqualifziertes System zu bekommen. Dabei gilt der Satz von Grabinsky et.al: "Es ist unwichtig wer eine Maßnahme - NA, Paramedic, RettAss, etc. - durchführt, es ist wichtig das diese Maßnahme von hoher Qualität begleitet wird.
Die Diskussionen um das NFS Gesetz (Notfallsanitätergesetz) zeigen, das auch die ärztlichen Standesorganisationen sich dieser Aussage nicht anschließen können, dennoch keine validen Ergebnisse erbringen können, das ein reinweg auf dem NA aufgebautes System für den Patienten einen entscheidenden Überlebensvorteil bzw. einen Vorteil in Bezug auf die Prozess- und Ergebnisqualität hat. Einzelfalluntersuchungen in Bezug auf die Intubationen etc. sind dahingehend nicht wegweisend.

Daher sollte man dieses Grabenkampf eher begraben (Wortspiel) und überlegen an welchen Schnittstellen und wie man zusammen ein System schaffen kann, das auf Augenhöhe, kostenoptimiert und vor allem für den Patienten sinnig ist.

Keiner will den Notarzt letztendlich abschaffen, doch das Modell das wir derzeit fahren ist 1. überholt und hat sich im weltweiten Vergleich nicht durchsetzen können, 2. ist nicht an der Ergebnis- und Prozessqualität orientiert, 3. droht aufgrund von Personalmangel und fehlenden Ressourcen zusammen zu brechen, 4. ist nicht zukunftsträchtig, wenn man den Verlauf des Fachkräftemangels betrachtet.

Ich hoffe inständig auf einen weiteren Dialog zwischen allen Verbänden zum Wohle des Systems, des Patienten und im Zuge einer weitergehenden Professionalisierung, ohne nur auf das Wohl des eigenen Standes zu schauen.

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Advanced Care Paramedic - Queensland Ambulance Service (Australia)


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 Betreff des Beitrags: Re: Notarztmangel
BeitragVerfasst: 31.07.12, 10:59 
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Also reden wir jetzt darüber, wie man sich eine optimale Welt vorstellt. Mein Wunschzettel:
- hausgemachte Engpässe beenden
- Gesundheitswesen ist sozialstaatliche Infrastruktur und Verantwortung
- Ausbildung und Gehälter müssen angemessen sein
- DRG-bedingte Drehtürmedizin beenden, Fehlanreize abschaffen
- Notärzte besser bezahlen und ausbilden
- Rettungsdienst besser bezahlen und ausbilden
- Einsätze im RD nach WANZ-Kriterien des SGB: Wirtschaftlich, ausreichend, notwendig, zweckmäßig

Spätestens bei haftungsrechtlichen Prozessen, die ja nicht ausbleiben werden, wünsche ich jedem zukünftigen Notfallsanitäter, hätte er doch einen Arzt mitgenommen.

_________________
Herzlichen Gruss
Ihr Achim Jäckel
www.medizin-forum.de


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 Betreff des Beitrags: Re: Notarztmangel
BeitragVerfasst: 31.07.12, 12:46 
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Wohnort: Queensland - Australien
Stimme ich wiederum mit Ihnen überein.

Ich wundere mich immer darüber, das wir hier recht plausible Ansätze finden und eigentlich auf Augenhöhe solche Probleme diskutieren. Warum klappt das nicht bei den Standesvertretungen jeglichen Colours?

Die Versicherungskomponente müsste bei einem solchen Modell angepasst werden, so dass es ähnlich der Berufshaftpflicht eines Arztes oder Hebamme sich verhält. In anderen Ländern funktioniert es sehr gut, so dass hier einfach die Möglichkeiten geschaffen werden müssen, haftungsrechtliche Komponenten über eine Versicherung abzudecken.

Das kann jetzt nicht der Gegenstand einer solchen Diskussion werden, da es keine unüberwindbaren Probleme sind und sich weder in der Patientenversorgung noch in der Qualität dieser niederschlagen wird.

Um den Katalog weiter zu führen:

- bessere Schnittstellenkommunikation
- wissenschaftliche Institute für die Forschung in der Notfallmedizin etablieren (Ärzte und
akademisierte Notfallsanitäter arbeiten zusammen in der Forschung zu neuen Therapien und Strukturen //
die Forschung für die Notfallmedizin in der Präklinik darf nicht abhängig von der alleinigen klinischen
Forschung sein, sondern muss sich auch in Deutschland auf eine eigene Forschungsabteilung berufen
können)
- Telemedizinkomponenten intergrieren - flächendeckend
- Notfallpläne die die Effizienz steigern (GPS gestützes Tracken von Mitarbeitern im Frei, die alarmiert
werden und gefragt werden, ob sie zu einem Cardiac Arrest responden möchten, der in ihrer unmittelbaren
Umgebung ist - mit Angabe des nächsten AED)

_________________
Advanced Care Paramedic - Queensland Ambulance Service (Australia)


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