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medizin-forum.de • Thema anzeigen - Reanimation im Flugzeug -Erfahrungsbericht
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BeitragVerfasst: 16.10.11, 09:36 
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Liebe Foraner,

auf dem Rückflug aus dem Urlaub kam ich in die wohl eher seltene Lage, an Bord einer Boeing 737 reanimieren zu müssen. Da -obwohl ich erfahrener Notarzt in der Bodenrettung bin- die Situation im Flugzeug doch anders und mit einigen "Unbillen" versehen ist, auf die ich nicht gefasst war, möchte ich meine Erfahrung und die Gedanken, die ich mir dazu im Nachhinein damit machte, mit Euch teilen, falls ihr auch einmal in diese Situation kommt.

Erster allgemeiner Tipp (ich wußte das z.B. nicht): wenn man bei Patienten befürchtet, dass diese schwer oder lebensbedrohlich krank sind, kann das Flugzeug den nächsten geeigneten Flughafen anfliegen. Die Entscheidung liegt beim Flugkapitän, da natürlich auch Wetter, Landebedingungen ect. mit berücksichtigt werden müssen. Eine Zwischenlandung kann bis zu 100.000 € kosten, die man natürlich nicht bezahlen muss! Wir hatten das Glück, in unmittelbarer Nähe eines deutschen Flughafens zu sein und mussten nur 15 min reanimieren, bis wir per notfallmäßiger Zwischenlandung am Boden waren. Dort kamen bereits ca. 90 sec nach Aufsetzten Notarzt und RD an Bord. Der Patient hat die Rea übrigens primär überlebt und hat gute Chancen auf ein Outcome ohne Folgeschäden (er ist noch auf Intensiv).

Zweiter allgemeiner Tipp: bei Air Berlin und Lufthansa ist man als Arzt berufshaftpflichtversichert. Wenn man nicht grob fahrlässige Fehler begeht, ist man haftungsrechtlich also gut gedeckt.

Dritter allgemeiner Tip: wenn an Bord defibrilliert wird, muss der Flugkapitätn das wissen (vermutlich wegen der Bordelektronik?), also dem Flugbegleiter/in Bescheid geben.

Auf das genaue Krankheitsbild "meines" Patienten möchte ich aus Gründen der Schweigepflicht nicht eingehen, nur soviel: Mitte 50, ca. 185 cm groß, ca. 110 kg, Dyspnoe, Kollaps, elektromechanische Dissoziation (EMD).

Das "Rea-Team": 2 Stewardessen, 1 Anästhesiepfleger (der war die Rettung), eine akutmedizinisch völlig ahnungslose Ärztin, die weder HDM noch Beatmung noch Zugang legen beherrschte und eher im Weg war.

Ausrüstung an Bord (Air Berlin): Erstaunlich gut und umfangreich. Ich zähle nur auf, was ich an Material selbst gesehen habe, die Liste ist also nicht vollständig!

-RR-Manschette, Stethoskop, automat.RR-Messgerät fürs Handgelenk
-Sauerstoffflasche 3 ? Liter, ist 2x an Bord, mit Demand-Ventil an der Flasche (Flow max. 4 Liter), Hartplastik-Gesichtsmaske mit
Reservoirbeutel, wenn Patient selbst atmet.
-Standard-Ambubeutel mit Kinder- und Erwachsenenmaske, Laryngoskop mit Spateln, ich habe nur zwei Standard-Tuben gefunden,
einmal ca. 4, einmal 8,5, kein Führungsstab.
-EAD mit 2 großen Klebeelektroden und alternativ 3-Kanal-Kabel, EKG-Anzeige 1-Kanal groß und gut ablesbar. Die Klebeelektroden
sind zusammen in einer Packung, gut beschriftet und bereits an das Kabel angeschlossen, muss also nur noch am EAD eingesteckt
werden.
-Fuß-Absaugpumpe mit Absaugschläuchen, sogar Magenbeutel vorhanden
-diverse Spritzen 2-10 ml, Kanülen, Wiggos alle Grössen, Ringer oder NaCl 500 ml
-Ampullarium mit grosser Auswahl (keine Opiate, aber Propafenon, Diazepam, Succi, Atropin, Suprarenin, sogar Amiodaron)

Mein Tipp: Es gibt übersichtliche Listen zum Koffer, in dem die Inhalte und Medis aufgeführt sind. Wenn noch Zeit bleibt, sollte man diese studieren, um einen Überblick, insbesondere zum Ampullarium zu bekommen.

Ausbildung des Bordpersonals
Hier darf man sich nicht zuviel erwarten (ist nicht böse gemeint!). Die Crew kann den EAD bedienen (einschalten, anstecken ect.) und ist in HDM +Beutelbeatmung zwar ausgebildet, aber nicht versiert (zu langsame und kraftlose HDM, kein C-Griff ect.). Spritzen aufziehen, Infusion richten ect. gehört nicht zu deren Ausbildung! Auch kennen sie sich mit dem Inhalt des Koffers von den Bezeichnungen her nicht aus, wenn man Tubus oder Ambubeutel verlangt, wissen sie nicht, was gemeint ist.

Mein Tipp: Essentiell ist, die vorhandenen Hilfskräfte optimal aufzuteilen! Man sollte also ganz früh nach dem Aufruf "ist ein Arzt an Bord" herauskriegen, welche Qualifikationen die einzelnen, erschienenen Helfer haben und wenn möglich einen "Teamleiter" bestimmen. In meinem Fall musste ich mich doch sehr energisch als "Teamleiter" gegen die akutmedizinisch unqualifizierte Ärztin durchsetzen... Ich würde im Fall einer Rea jedem qualifiziertem und fitten RA raten, die Leitung an sich zu reissen oder zumindest vehement eigene Vorschläge anzubringen , wenn als Ärzte nur Augenarzt, Gyn, Psychiater oder Ähnliches an Bord sind, die akutmedizinisch nichts drauf haben.

Man braucht unbedingt eine medizinisch ausgebildete Person, die aus dem Koffer zureichen, Medis aufziehen, Infusionen richten ect. kann, denn das können die Flugbegleiter mangels Ausbildung eben nicht oder nur sehr langsam. Falls also RDler, Kranken- oder Anästhesiepflegepersonal im Team sind, dann diesen an den Koffer setzen und Flugbegleiter, Laien oder Ungeübte (wie z.B. die Hausärztin) die HDM machen lassen. Die vorgenannten können meist nämlich nicht suffizient Beutelbeatmen. Diese Aufgabe sollte der darin Qualifiziertste (also z.B. geübter RDler, Arzt, Intensiv- oder Anästhesiepflegepersonal) übernehmen. Durch Laien oder Flugbegleiter ausgeführte HDM kann der am Kopf Bebeutelnde ja überwachen und anweisen.
Das habe ich rückblickend schlecht gelöst, denn der Anästhesiepfleger hat HDM gemacht und ich bebeutelt. Der Koffer und eine Stewardess standen am Fussende des Patienten, wohin keiner von uns gute Sicht hatte.

Flugzeugspezifische Probleme

1. räumliche Enge: man hat extrem wenig Platz. Unser Glück war, dass wir den Patienten bereits in den Pantry-Bereich am vorderen Eingang gesetzt hatten, bevor er dann unerwartet reapflichtig wurde. Wäre er auf seinem Fenstersitz kollabiert, wäre es ein Problem gewesen, den grossen, schweren Mann da rauszubekommen. Auch auf dem nur ca. 70 cm breiten Mittelgang stelle ich mir eine Rea immens schwierig vor! Auch in der Pantry ist in der 737 aber sehr wenig Platz (ca. 3,5 x 1,0-1,5 m). Man kann also nur mit Mühe mal schnell die Position vom Kopf- zum Fußende tauschen und es ist wenig Raum zum Ausbreiten des Koffers. Wenn die Kabinentür geöffnet wird, geht diese erstmal nach innen, man muß den Patienten dann wegziehen. Er rutscht auf dem Noppenboden aber sehr gut.

Mein Tipp: Erkrankte Patienten frühzeitig, solange bzw. soweit sie gehfähig sind, in den Pantrybereich bringen. Dort sind Klapp-Notsitze ohne störende Armlehnen und man kommt von vorne sowie beiden Seiten an den Patienten heran. Auch hat man genug Platz, den Patienten hinzulegen und z.B. Schocklagerung zu machen. Dort ist auch die Luft besser und kühler und man ist vor den Blicken der anderen Passagiere geschützt. Wenn ein Patient im Gang kollabiert ist und es nur einige Meter zur Pantry sind, würde ich ihn mit Rauteck dort hinziehen, die paar Sekunden, die man dafür braucht, machen sich später sicher bezahlt, wenn man mehr Platz zum Arbeiten hat.

2. LÄRM/ Erschütterungen Auch wenn es einem als Fluggast meist nicht so vorkommt, so ist es im Flieger immens laut. Auskultieren (z.B. nach Intubation) oder mit dem Stethoskop RR messen ist praktisch unmöglich (hier kann das Handgelenk-Messgerät gute Dienste leisten!). Auch die Kommunikation ist erschwert, man muss teils fast schreien, dass man zwei Meter weiter verstanden wird. Tätigkeiten wie Spritzen aufziehen, Zugang legen, Intubation ect. sind durch das Gerüttel immens erschwert. Insbesondere, wenn eine notfallmäßige Zwischenlandung (wie in unserem Fall) vorgenommen wird, nehmen Lärm und Vibrationen durch den rasanten Sinkflug nochmals stark zu. Man muss sich das Arbeiten dann etwa so vorstellen wie in einem RTW, der mit 40 bergab über einen Feldweg brettert...
Weitere Erschwernis: durch das schnelle Sinken gehen die Ohren zu, so dass man nicht richtig hört und immer wieder schlucken muss oder sogar eine Hand für das Valsava-Manöver braucht. Auch ist es psychisch schon belastend und erscheint etwas bedrohlich, wenn man einer Landung unangeschnallt und auf dem Boden hockend entgegensieht.

3. Sauerstoffversorgung bei Beutel-Beatmung: Hier weiß ich noch nicht (habe AirBerlin deswegen angeschrieben) ob ein echtes oder hausgemachtes Problem vorliegt. Zwar ist ja reichlich Sauerstoff an Bord, wir haben aber keinen Verbindungsschlauch zwischen Flasche und Stutzen am Ambu-Beutel gefunden, so dass wir nur mit Raumluft beatmen konnten (deren O2-Gehalt bei Kabinendruck ja deutlich geringer ist, als am Boden). Mein Versuch, den Schlauch der Reservoirbeutel-Maske durchzuschneiden und aufzustecken, gelang leider nicht (ging immer wieder ab, da nur noch 40 cm Schlauchlänge). Falls ich dazu von AirBerlin was erfahre, berichte ich noch.

So, dass war mein Bericht. Ich denke, es ist nicht schlecht, eine solche Situation mal in Gedanken durchzuspielen und sich auf die flugzeuspezifischen Probleme einzustellen. Ich hoffe natürlich, dass keiner von euch auch in diese Situation kommt. Allerdings gibt es pro Jahr 2.500 Patienten, die weltweit an Bord eines Flugzeuges versterben (Tendenz wegen steigendem Alter der Fluggäste zunehmend), so dass die Wahrscheinlichkeit nicht ganz so gering ist, mal helfen zu müssen.

Gruss von Bolus

(früher als doc-in-not hier, aber aus irgendwelchen Gründen wurde dieser Zugang deaktiviert?)


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BeitragVerfasst: 16.10.11, 18:05 
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Hallo Bolus,

super Bericht wie ich finde. Danke schon einmal im Voraus für die sehr detailierte Darstellung deiner Erfahrungen und vor allem deiner Vorschläge.

Letzendlich gibt es dem glaube ich nicht viel zu zufügen und spiegelt auch meinen Erfahrungswert mit solchen Zwischenfällen wider.

Ich würde mir wünschen, das die Fluggesellschaften gerade dem Punkt medizinischen Notfall ein wenig mehr Beachtung schenken würden, wie es ein wenig aus der Beschreibung ablesbar ist. Das Notfallequipment sollte ggf. von einem Institut für Notfallmedizin zusammengestellt werden und nach einer Checkliste geprüft werden. Was aber eigentlich am meisten Sinn macht, ist eine Möglichkeit sich als RA und NA bei den Fluggesellschaften in einer Liste zu melden und ggf. auch seine Urkunde in Kopie für die Verifizierung zu übersenden. Sollte man in dieser Datenbank erfasst sein und dann einen Flug buchen, wird der PAX-Liste automatisch ein Zusatz bei dieser Person und Sitzplatz hinzugefügt wie (Notarzt, Rettungsassistent) etc. welche im Notfall sofort zu verständigen sind. Auch eine Listung sollte man vornehmen (1. Person die angesprochen wird: Notärzte - nicht Augenärzte ;), dann als 2. Rettungsassistenten etc.) quasie eine Prioritätenliste, die man dann einfach abarbeiten kann. Ist keiner dieser Personen vor Ort, kann man einen Aufruf machen. Das verhindert, das man zuviel teilweise auch nicht qualifiziertes Personal hat, die sich dann erstmal untereinander ordnen müssen.
Dafür, dass sich im Vorfeld NA und RA in diese Datenbank eintragen lassen und im Notfall auf jedenfall zur Verfügung stehen, gibts ein "Leckerly" wie zum Beispiel 5-10% Vergünstigung auf den Flug, wie auch immer.
Damit könnte man schon im Vorfeld wissen, wieviel notfallmedizinisches Personal an Board ist und wie man schnell auf diese Personen zurückgreifen kann.
Ggf. könnte ich mir auch vorstellen, dass das Personal schon vorher in das Flugzeug darf, als der Rest und nochmal einen Blick auf den Notfallkoffer wirft und ihn quasi checked.

Vielleicht viel Phantasie, aber es würde kostengünstig eine effiziente Hilfe sein.

Lieben Gruß,

Sascha

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Advanced Care Paramedic - Queensland Ambulance Service (Australia)


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BeitragVerfasst: 17.10.11, 07:57 
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Die letzten beiden Flüge habe ich meinen Dienstausweis gezeigt beim einchecken und flog dafür ohne Aufpreis erster Klasse. Viele Fluggesellschaften machen das schon.

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mfg Marcus

Urban Search and Rescue Paramedic


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BeitragVerfasst: 18.10.11, 08:26 
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Hallo!
Interessanter Bericht...
zu Sacha..: sicherlich gut gemeint, aber wie du schon selber schreibst-Phantasie :wink:
so ähnlich funktioniert das ja auf Kreuzfahrtschiffen-da sehe ich Aufgrund der Grösse auch mehr Sinn einen geeigneten Med. schon zu Wissen.
Die Ausstattung der Flugzeuge hat ja erheblich zugenommen,ich denke weitere Ausstattung und Ausbildung des Personals halten die Gesellschaften für nicht machbar, z.B. Kosten oder die Zeit für die Ausbildung. Und es bleiben ja nach wie vor Laien.

wer zu viel Geld übrig hat und eine Interessante Weiterbildung sucht...www.doc-on-board.com

soll sehr Lehrreich und interessant sein, Tolles Team.

Grüsse


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BeitragVerfasst: 18.10.11, 10:48 
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Hallo Forum,

danke für das "Lob" zu meinem Bericht!

Zu Saschas Vorschlägen bin ich sehr gespaltener Meinung, insebsondere zu diesem:

S_Steingrobe hat geschrieben:
Was aber eigentlich am meisten Sinn macht, ist eine Möglichkeit sich als RA und NA bei den Fluggesellschaften in einer Liste zu melden und ggf. auch seine Urkunde in Kopie für die Verifizierung zu übersenden. Sollte man in dieser Datenbank erfasst sein und dann einen Flug buchen, wird der PAX-Liste automatisch ein Zusatz bei dieser Person und Sitzplatz hinzugefügt wie (Notarzt, Rettungsassistent) etc. welche im Notfall sofort zu verständigen sind.


Für den (potentiellen) Patienten ist dies sicherlich eine tolle Sache, da "auf dem Papier" quasi schon im Vorfeld eine möglichst gute medizinische Versorgung gesichert wird. Auf dem Papier deswegen, weil alleine die "Urkunde" als Arzt/ RA/ RS und noch nichtmal die Fachkunde Rettungsdienst bei Ärzten wirkliche Aussagekraft über die praktische Qualifikation geben. Ich habe meine Fachkunde 1989 gemacht und sie ist auch jetzt gültig, auch wenn ich seitdem keinen einzigen Notarzt-Einsatz gefahren wäre! Und ganz ehrlich, unter Freunden... bei einigen RA und Ärzten, die ich kenne, würde ich mich -wäre ich Patient und noch dazu in der Lage- schlichtweg weigern, mich von denen behandeln zu lassen, weil ich befürchten würde, dass es mir danach noch schlechter geht, als vorher!

Es mag auch sein, dass einige RA/ Ärzte ect. ganz "heiss" auf solche Erste-Hilfe-Einsätze sind und sich gerne melden (auch weil im falschen Heldentum die Tragweite einer Behandlung im Flieger m.E. unterschätzt wird). Aber selbst mit einem solchen "Meldesystem" sind weder die Präsenz von mediz.Personal noch deren Qualifikation auf jedem Flug gesichert. Bei Lufthansa ist nur auf 50-75% der Flüge (komisch, dass die Angaben hier so stark schwanken!) ein Arzt an Bord und davon dürften mindestens 80% fachlich nicht in der Lage sein, einen medizinischen Notfall zu versorgen, geschweige denn, eine suffiziente Reanimation. Bei der Lufthansa kann man sich (analog zu Saschas Vorschlag) als Arzt registrieren lassen und erhält 5.000 Bonusmeilen, bei jedem Einchecken weitere Bonusmeilen. Ich seh da schon den 70-jährigen HNO-Arzt fleissig Bonus-Meilen sammeln...

Ich persönlich bin mittlerweile der Ansicht, dass das Problem ganz anders angepackt werden muss, nämlich seitens der Gesellschaften, die potentielle Patienten in Situationen transportieren, in denen nicht binnen kürzester Zeit ein qualifizierte medizinische Versorgung durch Rettungsdienste/ Notärzte stattfinden kann. Ich halte die jetzige "Lösung" für eine ganz gewaltige Ausnutzung freiwilliger (und unentgeltlicher!) Hilfeleistung durch Ärzte und medizinisches Assistenzpersonal ist, die Fluggesellschaften, Bahnunternehmen, Fährgesellschaften und anderen Institutionen einen Haufen Geld einspart.

Für jegliche grösseren Veranstaltungen auf dem Boden ist in Deutschland je nach Grösse und Dauer das Vorhalten medizinischer Versorgung, von San-Dienst bis Theaterarzt, vorgeschrieben. Selbst wenn die Veranstaltung direkt neben einer Grossklinik oder Rettungswache/ Notarztstandort stattfindet. Nur in den o.g. Verkehrsmitteln (ausser Kreuzfahrtschiffen) ist es weder vorgeschrieben, noch wird es praktiziert. Weil es Geld kostet! Und das, obwohl bei Überseeflügen stundenlang keine Zwischenlandung möglich sein und bei Fähren auf offenem Meer auch nicht immer ein RTH anfliegen kann.

Durch die zunehmende Überalterung unserer Bevölkerung, verbunden mit steigender Reisefreudigkeit (und der Tendenz, schon bei simpelsten Befindlichkeitsstörungen nach einem Arzt zu schreien), nehmen die medizinischen Notfälle in Verkehrsmitteln ständig zu. Und damit auch der Einsatz von medizinisch (mehr oder weniger) qualifizierten Helfern, denen das Problem und die Verantwortung dann schwupp-di-wupp in die Hände geknallt wird. Ohne jede Bezahlung. Und mit den eventuellen psychischen Folgen, die so ein Einsatz hinterlässt, steht man auch alleine da. Wie fühlt sich denn ein RA oder RS, der nach 2 Stunden Rea auf Langstreckenflug die Rea abbricht (und diese Entscheidung muss er ganz alleine treffen, da kommt kein NA, der sagt "wir brechen ab!") und der dann in der DomRep aus dem Flieger steigt, um 2 Wochen Urlaub dort zu machen? Danach fragt dann kein Mensch! Die Stewardess, der die Sache auch nahegeht, lässt sich krankschreiben und geht erst mal zum psychologischen Dienst...

Bei der Lufthansa gab es 2009 insgesamt 2900 medizinische Zwischenfälle (gibt zumindest Lufthansa selbst an) und etwa 50 Zwischenlandungen aus mediz.Gründen. Pro Jahr STERBEN weltweit 2.500 Patienten an Krankheiten im Flugzeug! Das ist nicht eben wenig, d.h. es ist doch den Fluggesellschaften wohlbekannt, dass mehrmals täglich medizinische Hilfe in der Luft erforderlich ist und sie letztlich in Kauf nehmen, dass ein Patient, der auf dem Boden mit der gleichen Problematik gute Chancen hat, im Flieger stirbt, weil er das Pech hat, dass eben mal gerade kein qualifizierter Arzt oder medizinischer Helfer im Flugzeug ist.

Und warum ist das so? Weil die Fluggesellschaften, Bahn, Fähren ect. sich das Geld sparen, einen von ihnen bezahlten, gut ausgebildeten Arzt, vielleicht zusammen mit einem Intensiv-/Anästhesiepfleger oder RA auf jeden längeren Flug zu setzen... Und sooo teuer wäre das wirklich nicht bzw. die allermeisten Passagiere würden sicherlich bereitwillig einen etwas höheren Ticketpreis zahlen, wenn sie dafür kompetente Hilfe an Bord JEDES Fluges wüssten.

Letztlich wird doch grob und aus rein finanziellen Motiven ausgenutzt, dass man z.B. als Arzt auch privat zur medizinischen Hilfeleistung (unter Strafandrohung!) verpflichtet ist. Ich habe in den letzten 10 Jahren mehrere Male in der Deutschen Bahn, einmal auf einer Fähre und schon zweimal im Flieger (bei zum Glück leichten Fällen) Erste Hilfe geleistet. Und ich fahre maximal 2 mal im Jahr Zug, Fähre oder fliege. Dadurch, dass sich die Hilfeleistungen auf die Köpfe sehr vieler Reisender verteilen (und mit ehrlichen Statistiken diesbezüglich geizen alle Gesellschaften!), fällt es nur nicht auf, dass massenhaft freiwillige Helfer eingesetzt werden.

Das Heftigste, was mir diesbezüglich passierte, war erst jetzt, im Juni 2011 eine französ. Fährgesellschaft, Korsika-Marseille, 10-Stunden-Nachtfahrt. 30 min nach Ablegen der Fähre kam die Durchsage, wenn ein Arzt an Bord sei, möge er sich am Reception desk melden. Ich Trottel renne natürlich hin, frage was passiert ist und erhalte zur Antwort: wir haben keinen aktuten Notfall, aber wir wollten wissen, ob ein Arzt an Bord ist FALLS was passiert. Ich musste meine Kabinennummer angeben, bekam ein MERCI sowie einen 5-€-Gutschein für die Bar in die Hand gedrückt und bin mit dem Bewusstsein schlafen gegangen, dass ich noch 9 1/2 Stunden für die medizinische Versorgung von ca. 500 Passagieren abrufbereit bin...

Würde mich sehr interessieren, was andere Rettungsdienstler und insbesondere Ärzte hier zu meiner sicherlich ungewöhnlichen und "hart" erscheinenden Meinung sagen. Und wie oft ihr schon in irgendwelchen Verkehrsmitteln Erste Hilfe geleistet habt.

Gruss von Bolus


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BeitragVerfasst: 18.10.11, 17:59 
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Hallo Bolus,

ich gehe vollkommen konform mit der von Dir geschilderten Meinung. Ich habe sie mir nur nicht getraut auch so hart zu fordern. Letztlich habe ich mir daher Gedanken gemacht, welche Alternativen es gab und kam mit den geschilderten Ergebnissen.
Das das nicht aller Tage Abend ist und es sicherlich, wie Du geschildert hast nicht sein kann, dass der Passagier die "Verantwortung" für die medizinsche Dienstleistung an Board eines Verkehrsflugzeuges tragen kann.
Gerade die von Dir angeführten NAT Flüge sind mitunter ein riesiges Problem. Hier fliegen wir ca. 9,5 Stunden Blockzeit von Frankfurt nach Boston als Beispiel. Sollte auf der NAT (North Atlantik Track) ein Notfall vorliegen, kann erst in Gander/Canada einen Divert nach Kevlavik beantragt werden. Da reicht schonmal die Medikamtion wie beschrieben etc. nicht für die Zeit und wir reden von Stunden aus, die ein Patiente versorgt werden muss.
Ich kann deine Idee nur unterstützen, dass es eine medizinische Absicherung von Seitens der Fluggesellschaft etc geben muss.
Bei Kurz- und Mittelstrecke mag ein RA alleine erstmal reichen, weil ich dort recht zügig einen Divert machen kann und innerhalb von 20 min ggf. einen Airport ansteuern kann, mit sofortiger Landing Clearance. Dieses geht aber nicht auf den Langstreckenflügen. Hier muss auch meines Erachtens eine Notfallmediziner (Arzt und bitte nicht wie von Dir schon geschildert, der nicht erfahrene HNO Arzt) und eine erfahrener RA oder Anaesthesiepfleger an Board sein. Man muss ja nicht mal unbedingt das Personal anstellen sondern kann Personalsharing mit diversen Klinikverbänden und Rettungsdiensten durchführen, was sicherlich sinnvoll ist, da das Personal aus dem aktiven Dienst stammt.

Die Zahlen die Du vorgelegt hast, sprechen für sich :).

LG Sascha

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BeitragVerfasst: 19.10.11, 14:05 
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Liebe Notfallretter,

ich gebe Ihnen gerne Recht, dass jeder Mensch, der an Bord eines Flugzeuges (oder Schiffes) stirbt, einer zuviel ist. Das steht außer Frage.
2.500 Menschen weltweit ist sicher eine (zu) hohe Zahl. Aber auch die sollte in Relation gesehen werden. Die Fraport (Flughafen Frankfurt) alleine hat im September 2011 5,3 Millionen Passagiere abgefertigt (Quelle: http://www.fraport.de/content/fraport-a ... ieren.html). Das bedeutet, dass jährlich über den ganzen Globus verteilt 0,05 % der Personen sterben, die die Fraport in einem einzelnen Monat abfertigt.
Für mich relativiert das die Zahlen.
Und, ohne dass ich es genau weiß, kann ich mir vorstellen, dass mehr Menschen auf der Straße sterben, weil niemand sich berufen fühlt, bei einem Verkehrsunfall Erste Hilfe zu leisten (und nach Aussage meiner diversen Erste-Hilfe-Trainer ist notfalls bereits ein Anruf bei der Rettungsleitstelle eine ausreichende Form von Erster Hilfe) - prozentual und absolut.

Dazu muss man beachten, dass die Fluggesellschaften die Beförderung von Personen ablehnen dürfen, wenn beim Einchecken bereits erkennbar ist, dass die Beförderung mit einer erhöhten Gefahr für Leib und Leben des Beförderungswilligen einher geht. Ja, auch diese Einschätzung wird von Laien getroffen, die lediglich einen Erste-Hilfe-Kurs haben, aber keine Ausbildung in der Erkennung und Behandlung von (beispielsweise) diversen Herzerkrankungen. Natürlich ist es für die Betroffenen nicht schön, wenn ihnen die Beförderung verweigert wird, aber es dient ja ihrer Sicherheit - und reduziert die Anzahl der potenziell notwendigen "freiwilligen" Einsätze von Ihresgleichen.

Aber zu Ihrem Vorschlag, es sollte auf jedem Flug ein Notarzt (UND ein RA?) dabei sein: Angesichts der oben genannten Zahlen würde die betreffenden Ärzte und Rettungsassisten auf vielleicht 99,995 % der Flüge lediglich "spazieren" fliegen, ohne gebraucht zu werden. Das bedeutet, die Fluggesellschaften müssten Personal bezahlen, das auf 99,995 % der Flüge nicht benötigt wird. Dadurch entstehen Personalkosten, mindestens zwei Sitzplätze fallen weg (d. h. zwei zahlende Passagiere können weniger befördert werden) und für das Gepäck und einen komplett ausgestatteten Notfallkoffer geht Platz für eingechecktes Gepäck ebenso wie für Handgepäck verloren.

Diese Kosten würden von den Fluggesellschaften voll auf die Ticketpreise aufgeschlagen. Würden Sie einen Aufpreis bezahlen wollen, für etwas, das auf 99,995 % der Flüge nicht benötigt wird? Bei den Rettungswesten und Sauerstoffmasken geht es immerhin um alle Passagiere gleichzeitig und nicht nur um einen Passagier von 100.000 (oder wie viele es letztendlich auch sein mögen).

Und was schlagen Sie vor, wenn der für Flug XY vorgesehene Arzt selbst krank wird? Darf dann die ganze Maschine nicht starten? Einzelne Flüge gehen in Regionen der Welt, wo die betreffende Fluggesellschaft keine weiteren Vertragspartner hat. Wenn dann das medizinische Personal ausfällt, bleibt dann die ganze Maschine mit 400 Passagieren am Boden? Wenn nicht, wie kommt der betreffende Arzt dann wieder heim? Und selbst wenn man einen Arzt von einem Allianzpartner "ausleihen" kann, wie bringt man dann den ganzen Kuddelmuddel in den Dienstplänen wieder in Ordnung? So einfach ist das nicht, wenn ein Arzt, der eigentlich von Frankfurt nach, sagen wir, New York und von dort nach Rom fliegen sollte, plötzlich in Sydney oder Wellington sitzt.

Natürlich ist die Urlaubsfreude getrübt, wenn man als Arzt oder Rettungsassistent unterwegs einen unplanmäßigen Einsatz hatte (was Ihnen ja auch auf der Autobahn blühen kann).
Natürlich ist jeder Tote auf einem Flugzeug einer zuviel.
Aber die Gegenmaßnahmen sollten verhältnismäßig sein.

Wenn Sie eine in dieser Hinsicht praktikable Lösung finden, bin ich sicher, dass Sie bei den Fluggesellschaften offene Türen einrennen.


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BeitragVerfasst: 19.10.11, 15:26 
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Registriert: 31.12.07, 10:44
Beiträge: 17
Hallo,

danke für den ausführlichen und interessanten Bericht.

Ich komm selbst aus der Medizin und bin vor drei Wochen aus der karibik heimgeflogen und habe während des Fluges über einen Notfall nachgedacht, was passieren würde, wenn....

Danke
Katja


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BeitragVerfasst: 21.10.11, 12:36 
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Registriert: 15.09.04, 09:49
Beiträge: 7270
Wohnort: Bad Nauheim
Hallo Bolus,

danke für den tollen Beitrag. Ergänzend möchte ich darauf hinweisen:
a) CME-Fortbildungsbeitrag:
Kardiologische Notfälle an Bord von Verkehrsflugzeugen (Kardiologe 2010 · 4:249–266)
b)Notfallmedizin im Flugzeug: Erste Hilfe über den Wolken Dtsch Arztebl 2005; 102(6)
c)Termine /Programm flyingdoctor.org
(Ich wurde ebenfalls schon ca. 10 mal ungeplant als NA im Flugzeug tätig.)

Ach ja: Der Account doc-in-not wurde am 06.02.10 zu unserem damaligen Bedauern auf eigenen Wunsch gelöscht.

_________________
Herzlichen Gruss
Ihr Achim Jäckel
www.medizin-forum.de


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BeitragVerfasst: 21.10.11, 21:26 
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Registriert: 16.10.11, 07:17
Beiträge: 6
Hallo Herr Jäckel,

danke für die Links, bis auf den aus "der Kardiologe" waren sie mir bekannt. Gerade dieser Artikel würde mich inhaltlich sehr interessieren, ich kann ihn mangels Springer-Abo leider nicht im Volltext aufrufen. Falls Ihnen der Artikel im Volltext zugänglich ist, wäre eine inhaltliche Zusammenfassung Ihrerseits sehr interessant.

Ebenso interessant fände ich Ihre eigenen, ja sehr reichen Erfahrungen (Sie Ärmster -10 Mal!!!) bei Behandlung im Flugzeug.

Rein fachlich war ich mit dem von mir behandelten Notfall als Internist nicht unbedingt überfordert, wenngleich eine EMD ja nicht unbedingt sehr häufig ist. Schwierig fand ich, dass die diagnostischen Mittel an Bord noch geringer sind, als die Ausstattung im RTW. Kein 12-Kanal-EKG zur Infarktdiagnostik, keine Pulsoximetrie und insbesondere keine "Stethoskop-Diagnostik" (Herz/ Lunge abhören). Auch eine Fiebermessung (bei meinem Patienten z.B. zum Ausschluss sept. Schock), die im RTW mit dem Ohrthermometer nur Sekunden dauert, stand nicht zur Verfügung.

Auch dauerten selbst einfache Maßnahmen wie Zugang legen, Medis aufziehen, Infusion richten ect. bei dem zusammengewürfelten Team und insbesondere dem Gerüttel zwei- bis dreimal so lange, wie am Boden in Ruhe mit RDlern. Kann sich ja jeder vorstellen, der das schon mal im fahrenden RTW auf schlechter Strasse probiert hat...

Wir haben es in etwa 15 min immerhin geschafft, durchgehend suffizient zu reanimieren, ein EKG abzuleiten, bei schwierigen Venenverhältnissen einen guten Zugang (Jugularis externa) zu legen, über diesen fast 500 ml NaCl und einen Bolus Suprarenin zu verabreichen. Die hohe Infusionsmenge habe ich übrigens gegeben, weil es für die EMD ja nicht sooo viele Ursachen gibt. Da bei dem Patienten weder eine kardiale, noch pulmonale Vorerkrankungen oder Risikofaktoren bekannt waren, erschien mir ein sept.Schock als Verdachtsdiagnose am wahrscheinlichsten, zumal die Begleitung des Patienten über eine akute Bronchitis berichtete und der Patient nie zyanotisch war.

Ich würde übrigens nach diesen praktischen Erfahrungen vermutlich das nächste Mal gar nicht -zumindest nicht während einer Notlandung, sondern allenfalls im leisen Grossraumflieger auf Reiseflughöhe- versuchen, zu intubieren, sondern gleich bebeuteln. Erstens, weil das Geschüttel und die räumliche Enge eine Intubation sehr erschweren, zweitens aber vor allem, weil man praktisch keine Chance hat, die pulmonale Tubuslage zu verifizieren. Weder kann man durch Abhören (ich habs sogar mit meinem Ohr direkt auf der Patientenbrust versucht), noch per Pulsoxi oder CO2-Messung überprüfen, ob der Tubus richtig liegt. Und eine Fehllage erst daran zu erkennen, dass der Patient blau oder sein Bauch immer dicker wird, ist ja nicht gerade Goldstandard :roll: .

Renate02 hat geschrieben:
2.500 Menschen weltweit ist sicher eine (zu) hohe Zahl...


Ich denke, dass die realistischen Zahlen tödlicher und nicht tödlicher mediz. Zwischenfälle in Flugzeugen von den Fluggesellschaften enorm heruntergespielt werden! Es gibt keine gesetzlichen Vorgaben für die Gesellschaften, eine Statistik zu führen und die veröffentlichten Angaben sind meist eigene Zahlen der Gesellschaft.
Bei den Todesfällen an Bord werden bis zu 5.000 weltweit im Jahr gemutmaßt, wobei die Patienten, die im Flugzeug erkrankten und unter Reanimation an die Bodenrettung übergeben wurden (und im RTW vor dem Flieger starben) gar nicht mitgezählt werden. Wäre z.B. "mein" Patient auf der Rampe vor dem Flieger, wo er vom Boden-NAW-Team behandelt wurde, verstorben, wäre er nicht als Toter im Flugzeug erfasst worden.
Ich habe eine Befragung österreichischer Ärzte aus Anfang 2000 gefunden, in der zwei Drittel dieser Ärzte angaben, schon im Flugzeug erste Hilfe geleistet zu haben, im Schnitt 1,9 mal (allerdings "auf Lebenszeit"). Bei etwa 25.000 in Österreich zugelassenen Humanmedizinern finde ich das eine beachtliche Zahl, die den niedrigen Angaben der Fluggesellschaften doch widerspricht.

Renate02 hat geschrieben:
Dazu muss man beachten, dass die Fluggesellschaften die Beförderung von Personen ablehnen dürfen, wenn beim Einchecken bereits erkennbar ist, dass die Beförderung mit einer erhöhten Gefahr für Leib und Leben des Beförderungswilligen einher geht.


Naja, ob das was hilft, wenn die medizinischen Laien des Bodenpersonals das prüfen? Früher, als es überall noch die Treppen-Gangways gab, hatte man etwas bessere Chancen, die gefährdeten Passagiere zu erkennen. Eine grobe Einschätzung ist nämlich, dass ein pulmonal oder kardial Vorerkrankter, der nach 12 Treppenstufen deutliche Dyspnoe hat, mit hoher Wahrscheinlichkeit durch den niedrigeren O2-Gehalt im Flugzeug Probleme bekommt und während des Fluges mit zusätzlichem Sauerstoff versorgt werden sollte.

Renate02 hat geschrieben:
Würden Sie einen Aufpreis bezahlen wollen, für etwas, das auf 99,995 % der Flüge nicht benötigt wird? Bei den Rettungswesten und Sauerstoffmasken geht es immerhin um alle Passagiere gleichzeitig und nicht nur um einen Passagier von 100.000 (oder wie viele es letztendlich auch sein mögen).


Ja, das würde ich und zwar gerne. Erstens, weil ich selbst die Sicherheit hätte, dass mir im Notfall kompetent geholfen wird und zweitens, weil ich dann einen ruhigen Flug ohne privaten Notarzteinsatz garantiert hätte. Selbst wenn es "nur" eine Hperventilation zu versorgen gilt, gibt es für einen zahlenden Fluggast, der dummerweise dann als Arzt zum Helfen verpflichtet ist und 2 Stunden mit Beruhigen des Hyperventilierers verbringt durchaus angenehmere Arten, einen Urlaubsflug zu verbringen... zum Beispiel mit genüsslichem Schlürfen seines Tomatensaftes... :liegestuhl:
Die AirBerlin hat sich übrigens -obwohl die Stewardessen die Namen von uns Helfern aufschrieben- nie mehr bei mir gemeldet. Ist schon ein klasse Dank, wenn man gleichzeitig liest, dass Passagiere, die an Bord eine Reanimation oder einen Todesfall "passiv" miterlebt haben, Gutscheine über 100 € oder sogar Freiflüge zur Entschädigung bekommen...

Ich möchte Sie keineswegs beunruhigen, aber machen Sie sich bitte bewusst, dass sich auf amerikanischen oder britischen Flügen nur gut 30% der an Bord anwesenden Ärzte bei Aufruf auch melden. Die sind gesetzlich nicht zur Hilfeleistung verpflichtet und haben große Angst vor Schadensersatzklagen.

Renate02 hat geschrieben:
Natürlich ist die Urlaubsfreude getrübt, wenn man als Arzt oder Rettungsassistent unterwegs einen unplanmäßigen Einsatz hatte (was Ihnen ja auch auf der Autobahn blühen kann).


Ist eine solche getrübte Urlaubsfreude für Ärzte oder Rettungsdienstler also in ihren Augen einfach so normal, gehört halt dazu, wenn man den Beruf ergreift? Ich bin wirklich froh, dass es auf dem Rückflug passierte und nicht auf dem Hinflug. Dann wäre ich nämlich ohne weitere Möglichkeit, mich mit Kollegen oder meinen Wachenmitarbeitern auszutauschen oder den weiteren Verlauf "meines" Patienten zu verfolgen mit dem Erlebten im Hotel am Pool gesessen. Sie können sich als Laie vielleicht nicht gut vorstellen, dass die allermeisten selbstkritischen Mediziner/RDler solche Einsätze nicht einfach beim Verlassen des Fliegers vergessen, sondern sich damit beschäftigen, was mitunter -insbesondere, wenn nicht alles perfekt lief- dann auch recht selbstquälerisch ablaufen kann...

Einen guten weiterführenden Artikel habe ich übrigens hier gefunden: http://www.faz.net/aktuell/wissen/medizin/luftverkehr-kein-arzt-an-bord-1208637.html

Gruss von Bolus


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BeitragVerfasst: 22.10.11, 18:46 
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Lieber Bolus,

Sie haben Mail-Post. Glücklicherweise bin ich bislang an einer Reanimation im Flieger herumgekommen.

Einmal hatte ich ein Startabbruch wegen eines Krampfanfalls eines Passagiers. Typische Konstellation: Ich musste Montags morgens im ersten Flieger von Malle nach Ffm. Im Flieger fast nur die sprichwörtlichen Ballermannbesucher nach drei durchzechten Kurzurlaubsnächten. Da krampft halt immer mal einer. :roll: Ich hatte insgesamt noch 2 mal die gleiche Konstellation (damals gependelt), allerdings jeweils schon in der Luft. Zunächst immer viel Aufregung im Flieger - aber keine Zwischenlandung nötig (Konsensentscheidung). Weitere waren Unterzuckerung, Luftnot bei hypertoner Krise, Clusterkopfschmerz, mehrmals Kollaps. Und dann der eine Fall, wo ich nach Panik 10 Reihen hinter mir gerade mit Hilfe eines kräftigen Passagiers die pulslose, bewusstlose, blassgraue Pat. zur beginnenden Rea in den viel zu engen Gang gezerrt hatte, sie aber dann erfreulicherweise langsam wieder zu sich kam. Da war dann ICH aufgeregt, da die Maschine extrem voll war und daher ein rechtzeitiges schnelles Eingreifen/REA fast aussichtlos gewesen wäre. Ich platze mich also neben diese Dame (zuvor Umsetzen in die Nähe der Pantry) und fühlte mit eigener Stress-Tachykardie fast 2 h bis zum Zielflughafen kontinuilierlich den Puls, da ich als Ursache des Ereignisses eine selbstlimitierende VT ohne genügenden Auswurf vermutete. Nach Landung Übergabe an NEF/RTW, die meine Erfahrung nicht einschätzen konnten und nur einen hypotonen Kollaps im Hochsommer als Arbeitsdiagnose vermuteten. (Dafür war das Ereignis aber viel zu lang. Für eine LE gab es ebenfalls keinen Anhalt.)

Als kleines Dankeschön bekamen meine Frau und ich meist mehrere schwere Tüten aus der "Bordapotheke". Alles ja ganz nett. Aber auch ich halte die Abwesenheit von geeignetem Personal und räumlicher Ausstattung immer mehr für ein anachronistisches Organisationsverschulden der Airlines.

_________________
Herzlichen Gruss
Ihr Achim Jäckel
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BeitragVerfasst: 23.10.11, 12:51 
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Bolus hat geschrieben:
Renate02 hat geschrieben:
Natürlich ist die Urlaubsfreude getrübt, wenn man als Arzt oder Rettungsassistent unterwegs einen unplanmäßigen Einsatz hatte (was Ihnen ja auch auf der Autobahn blühen kann).


Ist eine solche getrübte Urlaubsfreude für Ärzte oder Rettungsdienstler also in ihren Augen einfach so normal, gehört halt dazu, wenn man den Beruf ergreift?

Nein, um Gottes Willen! So war das wirklich nicht gemeint. Entschuldigung, falls das so rüber kam!

Was ich damit zum Ausdruck bringen wollte, ist, dass es (zumindest, wenn ich die Unfallzahlen so anschaue) sehr viel wahrscheinlicher ist, auf der Straße an einem Unfall Erste Hilfe (oder mehr) leisten zu müssen als an Bord eines Flugzeuges, Zuges oder Schiffes. Und auf der Straße muss man sich zusätzlich oft noch mit Gaffern herumärgern, die fast in den Rettungskoffer treten (wie ich es vor Kurzem in irgend einem Zeitungsartikel gelesen habe) oder die Rettungskräfte auf andere Art und Weise behindern. - Und das betrifft nicht nur diejenigen Retter, die mit Blaulicht und Martinshorn im Einsatzwagen herbei eilen, sondern auch den Unfallzeugen, der als erster am Unfallort eintrifft und hilft bis die Einsatzfahrzeuge da sind - egal, ob dieser Zeuge in irgend einer Weise Profi ist (wie Sie) oder einfach nur Laie (wie ich).

Was ich auch zum Ausdruck bringen wollte (vielleicht etwas unbeholfen?), war, dass viele Leute kein Verständnis dafür hätten, wenn auf jedem Flug Personal mitgeführt würde, das wahrscheinlich nur auf einem Flug alle fünf Jahre einmal benötigt wird. Unfälle haben ja immer nur die anderen. Auch an Krebs erkranken immer nur die anderen und einen Herzinfarkt, eine Reisethrombose oder andere Dinge betreffen nie einen selbst sondern immer nur die anderen.

Mein Vorschlag wäre wenn, dann eher, die Flugbegleiter entsprechend zu schulen und sie zu Sanhelfern oder Rettungssanitätern auszubilden. Sie sagen zu Recht, dass sie mit dieser Ausbildung keinen Notarzt und keinen Rettungsassisten ersetzen können. Sie sagen auch zu Recht, dass die Flugbegleiter mangels "Gelegenheit", ihre Fähigkeiten einzusetzen, weniger Routine haben und aus purer Unsicherheit Fehler machen könnten (trotz regelmäßiger Auffrischungskurse). Aber die Flugbegleiter haben ja auch die Ausbildung, im Falle eines Absturzes (mit Überlebenden) die Evakuierung des Flugzeuges zu koordinieren, beruhigend auf die Passagiere einzuwirken und Chaos und Panik so gut wie möglich einzudämmen. Tatsächlich ist das ihre Hauptaufgabe - das Verteilen von Speisen und Getränken könnten auch Automaten übernehmen. Wie oft müssen die Flugbegleiter diese Fähigkeiten einsetzen? Meist gar nicht. Und trotzdem hat jeder Vertrauen, dass sie es im Notfall könnten.

Und ich habe auch die leichte Befürchtung, wenn wirklich auf jedem Flug ein Arzt dabei wäre, dass dann aus jedem blauen Fleck ein Knochenbruch würde und aus jeder Flatulenz eine lebensbedrohliche Lebensmittelvergiftung. Er wäre sicherlich auch für alles zuständig, was die Passagiere den einen Hausarzt nicht abklären lassen wollen (z. B. um Praxisgebühr zu sparen). Däumchen drehen würde der "Flugarzt" auf vielen Flügen also eher nicht (auch ohne Notfall).

So, wie es jetzt ist, gebe ich Ihnen Recht, dass eine angemessene Anerkennung für die Hilfe den Fluggesellschaften gut zu Gesicht stünde. Ich weiß von einem Fall, in dem der Arzt guten Wein bekommen hat (und die Sachbearbeiter der Fluggesellschaft haben sich sogar die Mühe gemacht, die Mitarbeiter des Arztes nach seiner Lieblingsmarke zu fragen). Ich denke, das sollte das Mindeste sein. Oder der professionelle Helfer wird vergütet - entsprechend der Regelsätze, die im Heimatland der Airline gelten (und hier könnte man meiner Meinung nach auch gerne die Krankenkasse des Patienten bezahlen lassen: Wäre der Vorfall am Boden passiert, wäre sie sowieso der Kostenträger. Warum sollte innerhalb eines Beförderungsmittels jemand anderes bezahlen als außerhalb?).


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BeitragVerfasst: 20.11.11, 20:01 
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Zumindest bei Lufthansa kann man sich als Arzt registrieren lassen (und bekommt dafür 5000 Punkte im Miles-and-More-Programm) und würde im Falle des Falles gezielt angesprochen:

http://www.lufthansa.com/de/de/Aerzte-an-Bord

Ich bin dort schon seit Jahren gemeldet, wurde jedoch noch nie benötigt.

Dafür traf es mich mal bei Malaysian Airlines zwischen Sydney und Kuala Lumpur, nachdem sich auch nach dem 3. Aufruf immer noch kein (anderer) Arzt gemeldet hatte. Die Bewußtlosigkeit der Patientin war aber glücklicherweise harmlos.

Viele Grüße

Coza

_________________
Hinweis unter Bezug auf §7(4) der Berufsordnung für Ärzte:
Mein Beitrag ist eine Stellungnahme, die auf den vorliegenden Angaben beruht. Sie ersetzt aber nicht die persönliche Beratung, Untersuchung und Behandlung durch Ihren Arzt.


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