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medizin-forum.de • Thema anzeigen - Stirbt der selbstständig niedergelassene Arzt aus?
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BeitragVerfasst: 02.02.16, 15:44 
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Im Januar 2016 fand auf Antrag von drei Landesärztekammern ein außerordentlicher Deutscher Ärztetag statt. Thema war der aktuelle Verhandlungsstand zur neuen GOÄ (Gebührenordnung für Ärzte).

Das Ergebnis des ao DÄT in verkürzter Form:
Ähnlich wie schon bei Kassenpatienten, bei denen die Honorare zum Teil auf abenteuerlich niedrigen Werten budgetiert sind (ein Augenarzt behandelt einen Patienten ein ganzes Quartal für unter 20 Euro), soll es auch bei den Privatpatienten eine Budgetierung geben. Der Präsident der BÄK, Prof. Montgomery, hatte die Auffassung vertreten, dass man dieses Zugeständnis an die PKV und die Politik nicht widerrufen könne, weil man sich andernfalls die Einheitsversicherung einhandle. Die Interessenvertreter der Niedergelassenen konnten nur 47% der Delegierten für ihre Position gewinnen, die Delegierten aus den Reihen des Marburger Bundes haben sich durchgesetzt. Ergebnis des ao DÄT: Es wird auch im privaten Bereich Budgets geben.

Die neue GOÄ wird, sofern sie wie bisher bekannt umgesetzt werden wird, für viele derzeit Niedergelassene das wirtschaftliche Aus bedeuten. Denn ohne umfangreiche Quersubventionierung von Kassenpatienten durch Privatpatienten sind viele Praxen, insbesodere die von rein konservativen Fachärzten der Fachrichtungen Gynäkologie, Orthopädie, Urologie, Dermatologie, Augenheilkunde und HNO, nicht überlebensfähig. Bereits heute ist das wirtschaftliche Risiko einer eigenen Niederlassung so groß, dass es viele Ärzte vorziehen, entweder im Krankenhaus oder einer größeren Einrichtung wie einem MVZ zu arbeiten.

Ärzte üben ihren Beruf typischerweise mit extrem großem Engagement aus. Aber die work-life-balance stimmt häufig nicht. Erst stimmt sie in der Assistentenzeit nicht, später stimmt sie als Facharzt nicht. Daher ziehen immer mehr Fachärzte das Angestelltendasein mit kalkulierbaren Zeiten und ohne wirtschaftliches Risiko einer Niederlassung vor. Ohne angemessene Honorare für alle ärztliche Leistungen wird es im ambulanten Bereich daraus hinauslaufen, dass Fachärzte entweder in den Ambulanzen der Kliniken oder in Einheiten wie MVZ tätig sein werden. Zugleich verlassen viele Fachärzte nach den Staatsexamina die Medizin, um in anderen Wirtschaftsbereichen tätig zu werden.

Der selbstständig niedergelassene Facharzt wird auf dem Wege zu einem Auslaufmodell.

Als in der ärztlichen Berufspolitik seit Jahren engagierter Volkswirt interessiert mich, ob den Medizinstudierenden diese Thematik in irgendeiner Form auch nur annäherungsweise bekannt ist. Denn es ist merkwürdig, dass so viele Studenten bis zum zweiten Staatsexamen oder gar der Facharztprüfung durchhalten, um dann nicht den Beruf zu ergreifen, in den man zuvor so viel Lebenszeit investiert hat.

Ist das für Sie ein "ferner liefen"-Thema oder interessiert es Sie?

Franz-Josef Müller

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BeitragVerfasst: 02.02.16, 15:57 
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FJM hat geschrieben:
Als in der ärztlichen Berufspolitik seit Jahren engagierter Volkswirt interessiert mich, ob den Medizinstudierenden diese Thematik in irgendeiner Form auch nur annäherungsweise bekannt ist.
Dieses Thema ist nicht einmal den Niedergelassenen bekannt. Wie sonst könnte man sich ihr völlig ignorantes Verhalten erklären?

Studenten sind hier im Forum eine Seltenheit, vielleicht meldet sich ja einer.

Zitat:
Denn es ist merkwürdig, dass so viele Studenten bis zum zweiten Staatsexamen oder gar der Facharztprüfung durchhalten, um dann nicht den Beruf zu ergreifen, in den man zuvor so viel Lebenszeit investiert hat.
Beispiele für erfolgreiche "Experten" gibts genug: von Hirschhausen, Lauterbach, Rösler. Man kann auch als Arzt die Klinik meiden, was mittlerweile wohl häufig ist. Jobs in der Industrie gibts auch, oder im Ausland.

Montgomery hat den Sarg der Freiberuflichkeit wieder ein wenig tiefer ins Grab gelegt.

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BeitragVerfasst: 02.02.16, 19:17 
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hallo,

ich denke dass es den meisten Ärzten doch recht gut geht. Die Ärzte die ich kenne machen nicht den Eindruck als ob es ihnen schlecht ginge.
Es kommt halt auch immer darauf an was man aus seiner Praxis selbst macht. Gerade bei den Augenärzten ist es wohl so, dass nur die die auch selbst operieren zu den guten Verdienern gehören.
Auch bei den Orthopäden ist es so dass meist viel ambulant operiert wird.


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BeitragVerfasst: 02.02.16, 20:58 
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dora hat geschrieben:
Gerade bei den Augenärzten ist es wohl so, dass nur die die auch selbst operieren zu den guten Verdienern gehören.
Auch bei den Orthopäden ist es so dass meist viel ambulant operiert wird.

Deswegen habe ich explizit auf die rein konservativ tätigen Ärzte abgehoben. Dass Katarakt-Chirurgen, sofern sie das fast ausschließlich betreiben, sicherlich sehr gut verdienen, dürfte zutreffen. Dem konservativen Augenarzt, der für weniger als 20 Euro pro Quartal einen Patienten komplett versorgen muss, geht es wirtschaftlich nicht nur nicht gut, dem geht es extrem schlecht. Eine solche Praxis wird niemand übernehmen, der noch alle Tassen im Schrank hat.

Franz-Josef Müller

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 Betreff des Beitrags: Spannend, spannend !
BeitragVerfasst: 03.02.16, 01:12 
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Der selbständig niedergelassene Arzt wird seit Jahrenden ausgestorben. Diese ideologisch verursachte politisch und seit Franz Knieps auch gesetzgeberisch durchgesetzte Bemühung ist mir bekannt, seitdem die SPD sich auf die Kanzlerschaft Schröder vorbereitet hat. Damals (FES, Neue Baracke, Bonn) hieß das schlicht: jeder dritte Arzt muss weg. Es sind dann zwar etliche Ärzte dazugekommen, aber der wirtschaftliche Druck der kranken Kassen hat dazu geführt, dass ihren Mitgliedern dennoch nicht deutlich mehr Arzt-Arbeitskraft zur Verfügung steht.

Die Beschlüsse des aoÄT durchschaue ich nur fragmentarisch. Ich kann eine ex-ante-Budgetierung, wie sie seit Seehofer im System der kranken Kassen exekutiert wird, nicht erkennen. Eher eine Art ex-post-Gegenregulierung im Preis-Mengen-Gefüge. Dies freilich durch ein Gremium, in dem auch die Kostenverteiler (der Begriff „Kostenträger“ ist ja schon immer eine Propagandalüge) sitzen. Das halte ich heute nicht für grundsätzlich falsch. Korrigieren Sie als Volkswirt mich, wenn ich falsch liege.

Beim aoÄT hat Monty dafür gesorgt, dass seine Truppen sich durchgesetzt haben. Das sind die angestellten Klinikärzte bis ins hohe Rentenalter. Den meisten von ihnen waren die Niedergelassenen schon immer wurscht. Berufspolitisch würde ich sagen: wenn das der Dank war für die kollegiale Unterstützung gegen den Nahle-Wahn Einheizgewerkschaft, dann hat sich der Monty als Vorsitzender eines Vereins (Arbeitsgemeinschaft der Ärztekammern) einer untreuen Geschäftsbesorgung schuldig gemacht und gehört schleunigst abgewählt und angeklagt, denn er hat, Abstimmung hin oder her, mehr als die Hälfte seiner angemaßten Gefolgschaft hereingelegt.

Was mir persönlich die neue GOÄ macht weiß ich noch nicht und denk, es weiß wirklich noch keiner. In sechs Wochen bin ich im Rentenalter und hab dann vor, der Pflicht noch maximal zweieinhalb Jahre Kür folgen zu lassen, wenns mir vergunnen ist. Meine persönliche Situation ist schon immer so, dass ich meine GOUDAH-Fachpraxis nur deshalb erwerben und über knapp 25 Jahre betreiben konnte, weil zum Familieneinkommen und meiner Kreditwürdigkeit stets eine Landesbeamtin ihren Beitrag geleistet hat.

Mitte März wird etwas Interessantes passieren. Da werd ich mit zwei enddreißiger Facharzt-Kolleginnen (und ihren Säuglingen) die Niederlassungsberaterin der KV Südbaden besuchen.

Nachdem genau diese mir im September meine Frage: soll ich mich überhaupt um Nachfolger bemühen oder wird die KV meinen Kassensitz sowieso „vom Netz nehmen ?“ so beantwortet hat: sind Sie überhaupt versorgungsrelevant, Sie rechnen ja bloß durchschnittliche Fallzahlen ab !“, muss ich mir dann genau überlegen, was ich den enddreißiger Facharztkolleginnen dann sag.

Da ich meine Facharztkolleginnen mit ihren Säuglingen ja nicht gut so belügen und reinlegen kann, wie ich selber bei Eintritt ins System Kranke Kasse belogen und reingelegt worden bin („…und dann haben Sie ja noch eine Praxis zu verkaufen…), werde ich ihnen nach besagtem Besuch meine Fachpraxis allenfalls als Geschenk anbieten können. Dies wäre jedenfalls kassenkonform, ist doch das Privileg, die Beitragsgelder zu gesetzlich kranken Kassen mittels Arbeit mit und an Kassenmitgliedern umzusetzen, kein erwerbbares, sondern allenfalls ein von Funktionärsgesäßen verliehenes.

Sie sehen: ich halte die kranke Kassenwirtschaft im ‚schland für tiefgreifend verrottet und pervers. Doch hat sie sich mit Hilfe sogenannter Sozial-Demokraten im Lauf der letzten zwanzig Jahre die Macht im Kassenstaat angeeignet, womit wir wieder bei Franz Knieps gelandet sind.

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Von Fremdinteressen freie an Patienteninteresse orientierte eigene Meinung.
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BeitragVerfasst: 03.02.16, 11:29 
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Zitat:
Dem konservativen Augenarzt, der für weniger als 20 Euro pro Quartal einen Patienten komplett versorgen muss, geht es wirtschaftlich nicht nur nicht gut, dem geht es extrem schlecht. Eine solche Praxis wird niemand übernehmen, der noch alle Tassen im Schrank hat.


auch dieser Arzt hat Privatpatienten und verkauft Igel, wenn er noch alle ........

außerdem kann er sich ja einer Op- ambulanten Praxis oder Zentrum anschließen und selbst operieren.


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BeitragVerfasst: 03.02.16, 12:39 
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dora hat geschrieben:
außerdem kann er sich ja einer Op- ambulanten Praxis oder Zentrum anschließen und selbst operieren.

Derzeit kommen auf 20 konservative Augenärzte vielleicht 1 bis 2 Operateure, die gut verdienen, während die konservativen ums Überleben kämpfen. Wenn alle 20 Augenärzte in exakt dem gleichen Umfange operieren würden, würden nicht einer zugewinnen (das liegt an der Honorarsystematik sowie den sonstigen Rahmenbedingungen wie Kosten für Versicherung, OP-Miete, Verwaltungskosten), aber die Operateure hätten verloren. Würden Sie bei den Rahmenbedingungen eine ausschließlich konservativ tätige augenärztliche Praxis übernehmen wollen? Ich nicht.

Als Patient ziehe ich übrigens einen Operateur, der einen Eingriff 1.000-mal im Jahr durchführt einem Operateur, der 50 Eingriffe p. a. durchführt, vor. Und so lange man die Zahl der operativen Eingriffe nicht verzehnfachen kann, wird es zwangsläufig konservative Augenärzte und Operateure geben.

Franz-Josef Müller, Volkswirt

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BeitragVerfasst: 03.02.16, 13:02 
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dora hat geschrieben:

auch dieser Arzt hat Privatpatienten und verkauft Igel, wenn er noch alle ........

außerdem kann er sich ja einer Op- ambulanten Praxis oder Zentrum anschließen und selbst operieren.


IGeL sind die oft unethische Folge einer verfehlten Gesundheitspolitik. Ja, die Ärzte machen damit überlebenswichtige Umsätze, aber sie sollten nicht damit Umsätze machen müssen.

Eine neue GOÄ und Budgetierungen bei den PKV (ich als Optiker erlebe "Sparmaßnahmen" der privaten Versicherer schon länger) sind ebenfalls eine Folge einer vielfach missbrauchten Refinanzierung, wenn Privatpatienten mit ganzer "Therapietiefe" behandelt werden..... , dass sich selbst dieses Füllhorn mal nicht mehr adäquat würde auffüllen können, müsste eigentlich jedem Involviertem klar gewesen sein.

Ich glaube nicht, dass der niedergelassene ausgestorben wird. Vielmehr bin ich der Überzeugung, dass er früher oder später unter Freigabe seiner Kalkulation seine Dienstleistung anbieten können wird, sich allerdings dann auch dem Wettbewerb stellen muss. Er wird kein Abrechnungsmöglichkeiten mit der GKV mehr haben, aber sich von dieser auch keine Gängeleien mehr gefallen lassen müssen.


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BeitragVerfasst: 03.02.16, 13:52 
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wenn diese Zahlen stimmen dann sieht das doch garnicht so schlecht aus ?

http://www.stern.de/wirtschaft/job/step ... 78662.html


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BeitragVerfasst: 03.02.16, 14:19 
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Dora, was sollen uns diese Zahlen, die für Angestellte gelten, sagen? Dass Niedergelassene sich lieber im Krankenhaus verdingen sollten? Oder dass sie mit 6000 Euro im Monat doch gefälligst zufrieden sein sollten? Dabei verkennen Sie aber das unternehmerische Risiko, das heutzutage in der konservativen Augenheilkunde groß ist. Kassenumsatz mau, Bürokratie überbordend, Privatumsatz gilt entweder als unseriös (Lauterbach-IGeL) oder wird zusammengestrichen.

Stimmt schon. Auch ich werde wohl bald Angestellter sein. Sechs Wochen Urlaub, bezahlte Krankheit, Tariflohn, feste Dienstzeiten und Überstundenabgleiten. Bezahlte Fortbildung, Gewerkschaft, Lohnerhöhungen. Zusatzversorgung und vermögenswirksame Leistungen. Oberarzt, der einem den Rücken freihält. Und wenn mal weniger zu tun ist oder ein Gerät nicht funktioniert - solls der Chef doch richten.

Diese Diskussion zeigt wie jede dieser Art, dass in der Bevölkerung null Verständnis besteht und eher der Neid dominiert, der von der Politik auch bestens bedient wird. Übrigens auch ein Grund, Herr Müller, warum aus der Bevölkerung für die Ärzte kein Rückhalt zu erwarten ist, der über die eigene Situation hinaus geht. Man fragt sich nur, warum nicht jeder Arzt geworden ist, wenns doch so toll und so bestens bezahlt ist.

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BeitragVerfasst: 03.02.16, 15:14 
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dora hat geschrieben:
wenn diese Zahlen stimmen dann sieht das doch garnicht so schlecht aus ?

Die Umsätze mit Kassenpatienten reichen bei vielen rein konservativen Ärzten gerade mal aus, die Praxisunkosten zu decken. Kommt die neue GOÄ wie auf dem ao DÄT diskutiert, wird die Möglichkeit der Quersubventionierung der Kassenpatienten über die Privaterlöse entfallen. Von Einkünften in der vom Stern kolportierten Größenordnung sind sehr, sehr viele Ärzte meilenweit entfernt. Falls man sich die Mühe machen möchte, das Statistische Bundesamt hat so gut wie alles veröffentlicht, was man dazu benötigt, um sich selbst ein Bild zu machen.
Die Kassenärztliche Vereinigung Bayern hat differenzierte Umsatzstatistiken für die von mir genannten Fächer veröffentlicht. https://www.kvb.de/abrechnung/honorar/a ... atistiken/

Führt man die Zahlen des Statistischen Bundesamtes (da sind auch die Kosten ausgewiesen) mit denen der KVB zusammen, kommt man genau zu dem Ergebnis, das ich vorgestellt habe: Bei den Verdienstmöglichkeiten wird es künftig noch weniger niedergelassene Fachärzte geben.

Übrigens, noch eine Plausibilitätsüberlegung (falls man den Einstieg in die Zahlen vermeiden möchte):
Wäre es so lukrativ, wie es in den Medien berichtet wird, würde es wohl keinen Ärztemangel geben. Da der Preis Angebot und Nachfrage regelt, spricht alles dafür, dass der Preis so niedrig ist, dass wir einen deutlichen Nachfrageüberhang haben. Nachfrageüberhang ist nur eine andere Bezeichnung für Ärztemangel.

Franz-Josef Müller, Volkswirt

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BeitragVerfasst: 03.02.16, 15:26 
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FJM hat geschrieben:
Würden Sie bei den Rahmenbedingungen eine ausschließlich konservativ tätige augenärztliche Praxis übernehmen wollen? Ich nicht.


Die Rahmenbedingungen sind aber nicht in Stein gemeißelt. Statt nun das (finanzielle) Heil darin zu suchen, den Privatpatienten noch für die Wanderniere einen Spazierstock zu verschreiben und den Kassenpatienten für oft fragwürdige IGeL das Geld aus der Tasche zu ziehen und für "Anwendungsbeobachtungen" die Hand aufzuhalten, sollten die Ärzte etwas an den URSACHEN zu ändern versuchen, statt die Symptome zu bekämpfen, indem sie Kassenpatienten vor verschlossenen Türen stehen lassen, nicht behandeln, monatelang auf einen Termin warten lassen, dann in statischen 8 Minuten abfertigen usw. und dabei oft jeden ethischen Grundsatz verraten.
Den kritischen Patienten macht man sich damit nicht zum Kampfgefährten.

Meiner Tochter habe ich empfohlen, niemals Vertragspartner der GKV zu werden. Seit ich weiß, dass man diesen Vertrag für ein Existenzgründungsdarlehen von der Bank als "Sicherheit" benötigt, erst recht.
Sie wird den Teufel tun und sich wie ihr Vater schikanieren lassen.

FJM hat geschrieben:
Als Patient ziehe ich übrigens einen Operateur, der einen Eingriff 1.000-mal im Jahr durchführt einem Operateur, der 50 Eingriffe p. a. durchführt, vor. Und so lange man die Zahl der operativen Eingriffe nicht verzehnfachen kann, wird es zwangsläufig konservative Augenärzte und Operateure geben.


Worauf wollen Sie eigentlich hinaus, Herr Müller? Okay, Sie sind Volkswirt und sehen wahrscheinlich vorwiegend die pekuniäre Seite einer Unternehmung. Aber es kann Ihnen doch nicht entgangen sein, dass Ärzte für sich reklamieren, ARZT für den Patienten zu sein und nicht nur Gesundheitsdienstleister!

Außerdem wird anscheinend oft unnötig oder unnötig früh oder unnötig aufwändig operiert, u.a. um in den Genuss zu kommen, gewisse OPs auch für gesetzliche Kassen durchführen zu dürfen, denen man eine Mindestzahl durchgeführter OPs nachweisen muss.
Für mich ist ein seriöser Könner seines Fachs (oft nur durch Zufall oder virale Referenzen zu finden) hundertmal lieber als ein gewissenloser Effekthascher.

FJM hat geschrieben:
Wäre es so lukrativ, wie es in den Medien berichtet wird, würde es wohl keinen Ärztemangel geben. Da der Preis Angebot und Nachfrage regelt, spricht alles dafür, dass der Preis so niedrig ist, dass wir einen deutlichen Nachfrageüberhang haben. Nachfrageüberhang ist nur eine andere Bezeichnung für Ärztemangel.


Es gibt vor allem viel zu wenige Studienplätze, die Zugangsvoraussetzungen sind viel zu hoch und nicht zuletzt ist der frisch ausgebildete Arzt nicht in der Lage, seine Praxis dort zu eröffnen, wo es ihm sinnvoll erscheint. Auch für Sie verlinke ich gerne noch einmal das Interview mit Prof. Dr. Wiesemann, einem hiesigen Landarzt, der das skizzierte Horrorszenario bzgl der Verdienstmöglichkeiten niedergelassener Ärzte relativiert.
Mitte April treffe ich mich mit einer Landärztin aus dem Illertal, die mir sicher offen und ehrlich Auskunft zu ihrer Situation gibt. Ich berichte dann hier, falls es interessiert.


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BeitragVerfasst: 03.02.16, 15:55 
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Humungus hat geschrieben:
Dora, was sollen uns diese Zahlen, die für Angestellte gelten, sagen? Dass Niedergelassene sich lieber im Krankenhaus verdingen sollten? Oder dass sie mit 6000 Euro im Monat doch gefälligst zufrieden sein sollten? Dabei verkennen Sie aber das unternehmerische Risiko, das heutzutage in der konservativen Augenheilkunde groß ist. Kassenumsatz mau, Bürokratie überbordend, Privatumsatz gilt entweder als unseriös (Lauterbach-IGeL) oder wird zusammengestrichen.

Zitat:
sind für Sie 6000 € wenig ?
Und trotzdem werden doch noch genug Igel gemacht und abkassiert ?
Wiebiel sind das denn so pro Monat ?


Stimmt schon. Auch ich werde wohl bald Angestellter sein. Sechs Wochen Urlaub, bezahlte Krankheit, Tariflohn, feste Dienstzeiten und Überstundenabgleiten. Bezahlte Fortbildung, Gewerkschaft, Lohnerhöhungen. Zusatzversorgung und vermögenswirksame Leistungen. Oberarzt, der einem den Rücken freihält. Und wenn mal weniger zu tun ist oder ein Gerät nicht funktioniert - solls der Chef doch richten.
Zitat:
ich frage mich warum Sie das nicht schon längst gemacht haben wenn das viel besser ist ?


Diese Diskussion zeigt wie jede dieser Art, dass in der Bevölkerung null Verständnis besteht und eher der Neid dominiert, der von der Politik auch bestens bedient wird. Übrigens auch ein Grund, Herr Müller, warum aus der Bevölkerung für die Ärzte kein Rückhalt zu erwarten ist, der über die eigene Situation hinaus geht. Man fragt sich nur, warum nicht jeder Arzt geworden ist, wenns doch so toll und so bestens bezahlt ist.

Zitat:
Es ist schon erstaunlich dass sie mir nun Neid unterstellen nur weil ich meine Meinung sage. Wie soll Ihnen denn die Bevölkerung helfen, wenn sie es selbst nicht schaffen sich zu vereinigen und gegen die vorzugehen mit denen Sie nicht zufrieden sind, das ist doch Sache der Ärzte und nicht der Patienten.
Und warum nicht jeder arzt geworden ist oder werden kann, nun ich glaube darüber brauchen wir wirklich nicht duskutieren :shock:


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BeitragVerfasst: 03.02.16, 16:35 
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@ Barnie G.

interessantes Interview


wie sagt Prof. Dr. Wiesemann,
man kann sich auch zu tode jammern.


Mein HA sagte mir auch schon, dass es eben die Mischung macht. Ein Patient kommt nur einmal ein anderer mehrmal im Quartal.


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BeitragVerfasst: 03.02.16, 17:50 
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dora hat geschrieben:
Es ist schon erstaunlich dass sie mir nun Neid unterstellen nur weil ich meine Meinung sage.
Ihre Meinung dreht sich ums Geld. Zum Beleg, dass es "nicht so schlecht" aussehe, zitieren Sie eine Einkommensstatistik. Dass nicht einmal klar ist, wie der Urheber an die Zahlen kam, und im Artikel selber gesagt wird, dass die Zahlen wohl "wegen der Chefärzte" nach oben abweichen, ist Ihnen egal. Das sind alles völlig untaugliche Argumente, aber die gleichen, die von der Politik genutzt werden. Weil es einfach keine besseren mehr gibt, um die Ärzte kleinzukriegen. Ach ja, dass zu viel operiert wird. Und zuviel geIGelt. Und zu wenig gearbeitet. Die Diskussion darf aber nicht primär ums Geld gehen, sondern um die Frage, was den Arzt dazu bringt selbständig zu werden. Auch das Geld, aber längst nicht nur.

Immerhin zeigen Sie konstruktive Alternativen auf: soll der konservative Arzt halt auch operieren (denn das kann jeder, genauso wie Medizin studieren), oder sich gleich einem OP-Zentrum anschließen (denn die geben gerne Geld ab). ;)

Zitat:
Wie soll Ihnen denn die Bevölkerung helfen, wenn sie es selbst nicht schaffen sich zu vereinigen und gegen die vorzugehen mit denen Sie nicht zufrieden sind, das ist doch Sache der Ärzte und nicht der Patienten.
Ebenso ein Totschlagagument: "geht uns doch nix an, sollen die doch regeln".

Dabei vergessen Sie, dass es im ureigenen Interesse der Patienten ist, dass es "läuft". Die Ärzte werden es nicht regeln, denn die sind viel zu inhomogen. Dass Montgomery offensichtlich ebenso die Vernichtung der Niedergelassenen will wie die Politik ist klar. Und dass die Niedergelassenen sich gegenseitig nicht die Butter auf dem Brot gönnen auch.

Die Ärzte werden es regeln. Sie tun es schon seit Jahren. Allerdings auf eine Art und Weise, die mir nicht gefällt. Der Nachwuchs hat die Niederlassung längst ad acta gelegt. Und die älteren trudeln einfahc aus.

Hier sehen Sie eine Statistik dazu:
https://de.wikipedia.org/w/index.php?ti ... 001220443&
Es ist zu beobachten, dass die Zahl der Ärzte stetig steigt, die Zahl berufstätiger Ärzte aber wesentlich langsamer. Das heißt: viele Ärzte arbeiten nicht mehr - wenigstens als Arzt. Und es ist zu beachten, dass die Statistik 2006 endet. Der zunehmende Frauenantel (=Teilzeit) sorgt dafür, dass mehr Ärzte nicht mehr Stunden leisten müssen.

Wenn die Patienten das gleiche machen wie die Ärzte, nämlich starr die Schlange anstarren, werden die Probleme erst angegangen, wenn sie sehr groß werden.

Übrigens ist Prof. Wiesemann seit mittlerweile 42 Jahren niedergelassen, langjährig zusammen mit seiner Frau. Da kann man leicht über "zu Tode jammern" reden, wenn man die goldenen Jahre mitgemacht hat...die älteren Ärzte trudeln eben aus, und sie haben weder Energie noch Lust auf Änderungen, erst recht, wenn diese durch einen Streik erzwungen werden müssten. Auch das ein Grund, warum die Ärzteschaft impotent ist.

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