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medizin-forum.de • Thema anzeigen - Auswirkungen des Demographischen Wandels auf das Gesundheits
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BeitragVerfasst: 13.12.11, 11:46 
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Morgan le Fay hat geschrieben:
Man muss selbst nur sehr wenig entwickeln! Forschung ist nötig, keine Frage, aber Sie wissen, wenn Sie sich auskennen, dass heutzutage Wirkstoffe fertig aus dem Ausland gekauft werden.
Und da ist die Forschung günstiger?

Zitat:
Das berühmte Beispiel mit dem Avastin- bzw. Lucentis-Medikament spricht für mich Bände.
Das wird aber eher die Ausnahme als die Regel sein. Natürlich kann ein Medikament auch Paralleleffekte haben, die dem eines wesentlich teureren entsprechen, aber wohl kaum immer.
Zitat:
Auch die Neurodermitis-Salbe von Klingelhöller ist ein weiteres Beispiel, wie eine starke Lobby es (noch) schafft, die Kranken mit teuren Arzneien und Heilmitteln auszunehmen.
*räusper* Ihnen ist noch nicht bekannt, dass die Salbe keinen anderen oder besseren Effekt hat als alle anderen? Dass der Film eine gnadenlose Lüge bzw. Missinformation war und mittlerweile Ernüchterung eingekehrt ist? Oder meinen Sie mit "starke Lobby" das Fernsehen, das viel versprochen und nichts gehalten hat? Die Pharmabranche ist nicht dumm, sie hätte bei Gewinnaussicht das Zeug spielend selber mixen und für einen Apothekerpreis verkaufen können. Da wurde mit der allgemeinen Ablehnung "der Branche" geschickt gearbeitet!

Aber bleiben wir doch beim Thema "demographischer Wandel" und Auswirkungen auf das Gesundheitswesen: früher sind viele Rentenempfänger kurz nach Rentenbeginn gestorben. Heißt: es war mehr Geld übrig, es wurden weniger Kosten verursacht. Ist es wirklich so, dass durch die steigende Alterung die Kosten nur einige Jahre voraus verlegt werden? Oder fallen in der Zwischenzeit nicht doch Kosten an, die es früher nicht gab?

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BeitragVerfasst: 13.12.11, 12:36 
Ja, kommen wir zum Thema zurück.
Hier ist ein Auszug aus dem bereits verlinkten Text von Kopetsch:

Zitat:
Bereits bisher verfolgte Ziele der Medizin können mit größerer Sicherheit
oder für den Patienten weniger belastend erreicht und neue Gebiete können
beschritten werden. Als Folge des Fortschritts ändert sich nicht nur das Spektrum
der verfügbaren Verfahren, sondern auch das Leistungsvolumen. Früher nicht
bekannte oder mögliche Eingriffe, Untersuchungen und Therapiemethoden sind
mit zunehmendem Fortschritt machbar und durchführbar geworden.

Darüber hinaus haben bewährte Diagnose- und Therapieverfahren eine andere
Qualität erlangt. Verbesserte Therapieverfahren führen zur Senkung des
Behandlungsrisikos und können nun an Patienten angewandt werden, die zuvor
nicht therapierbar waren. Gerade in den letzten drei Dekaden hat sich das
Spektrum der diagnostischen und therapeutischen Methoden drastisch erweitert.
Bedingt durch diese Expansion der medizinischen Möglichkeiten ergibt sich ein
größeres Anwendungsfeld für die ärztliche Heilkunst. Dies lässt aber die Zahl der
Ärzte, die für die medizinische Betreuung der Bevölkerung notwendig ist,
ansteigen.
Über die Ausweitung des medizinisch sinnvollen Leistungsspektrums hinaus
ergeben sich aus der Logik des medizinischen Fortschrittes heraus permanent
neue Behandlungsnotwendigkeiten und damit weitere Anwendungsfelder für die
medizinische Profession.
So führte z. B. die Entwicklung der Antibiotika-Therapie dazu, dass die bakteriellen
Infektionen als Todesursache drastisch abgenommen haben. Dies wirkt sich
jedoch letztlich auf das gesamte Gesundheitssystem aufwandssteigernd aus, weil
mit der Beseitigung des schnellen Todes durch bakterielle Infektionen „Raum“ für
andere Krankheiten wie Krebs oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen geschaffen
wurde, die wiederum hochgradig aufwandsintensiv sind.
Die Erfahrungen aus der Medizingeschichte belegen, dass Krankheiten nicht
verschwinden und einer allgemeinen Gesundheit Platz machen, sondern durch
andere Krankheiten abgelöst werden. Die heute vorherrschenden chronischen
Leiden erhalten durch das Zurückdrängen der akuten Infektionskrankheiten
früherer Zeiten überhaupt erst eine Chance. Als Beispiel lässt sich die neue
„Volkskrankheit“ Morbus Alzheimer anführen, die vor einigen Jahren noch
weitgehend unbekannt war und einen erheblichen ärztlichen Behandlungsbedarf
auslöst. Schon jetzt müssen etwa sieben Prozent aller Menschen über 65 Jahre
mit dieser Verfallserscheinung leben und dies vor allem deshalb, weil sie nicht
schon vorher an etwas anderem gestorben sind. Das heißt, dass durch das
Zurückdrängen anderer Krankheiten und Todesursachen erst Platz für Morbus
Alzheimer geschaffen wurde.


Da wir (noch) nicht über ethische Fragen zur Palliation und Euthanasie sprechen sollen, lasse ich den Text mal unkommentiert.

Die Erhebung löst aber die zwangsläufig zynische Frage auf, wie man den Mehrbedarf an ärztlicher Kunst in den Griff bekommen könnte, wenn wir weiter an der "ewigen Jugend" basteln wollen. Denn die Erhebung von Kopetsch ist ja auch nur ein Zwischenstand. Inzwischen wird man weitere Behandlungsmöglichkeiten entdeckt und weitere Möglichkeiten der Gerätemedizin entwickelt haben.

Um Mißverständnissen vorzubeugen: Soweit es mich betrifft, möchte ich nicht noch 30 Jahre leben. Ich bin jetzt 55 Jahre alt und wenn ich mit halbwegs akzeptabler Gesundheit 85 Jahre alt werden kann, dann reicht das mehr als übrig.


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BeitragVerfasst: 13.12.11, 14:43 
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Beiträge: 465
Morgan le Fay hat geschrieben:
Dass er angeblich eine Delegation der Pharmalobby rausgeschmissen haben soll, habe ich als positives Signal gewertet, allerdings sieht es im Moment wieder eher nach Vetterleswirtschaft aus.
Hat er nicht. Nach Protesten der Pharmalobby ruderte die Koalition zurück.

Zitat:
Derweil hat sich Zöllers Parteikollege Johannes Singhammer von Plänen aus dem Bundesgesundheitsministerium distanziert, nach denen Vertreter der Pharmaindustrie künftig nicht mehr in den Gremien vertreten sein sollen, die über die Apotheken- und Verschreibungspflicht von Arzneimitteln entscheiden. „Wir haben entsprechende Vorschläge schubladisiert, weil wir sie nicht für sinnvoll halten“, sagte Singhammer dem Handelsblatt
http://www.aerzteblatt.de/v4/news/newsd ... p?id=46633


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BeitragVerfasst: 13.12.11, 19:48 
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Guten Abend,

Zitat:
Über die Ausweitung des medizinisch sinnvollen Leistungsspektrums hinaus
ergeben sich aus der Logik des medizinischen Fortschrittes heraus permanent
neue Behandlungsnotwendigkeiten und damit weitere Anwendungsfelder für die
medizinische Profession.


Dem kann ich nur zustimmen - offenbar wird das aber in vielen Bereichen der "Entscheidungsträger" nicht erkannt.

Und zudem bringt die "Professionalisierung" (kostentreibende) Stilblüten hervor:

Beispiel "zertifiziertes Brustzentrum".
Wird ein bösartiger Tumor z.B. bei einer Patientin >90 Jahre entdeckt, verlangen die Richtlinien offenbar auch in diesem Fall die Entnahme der sogenannten "Wächter-Lymphknoten", weil man das in einem Brustzentrum eben so macht. Sonst handelt man nicht leitliniengerecht und verstösst gegen die Zertifizierungs-Richtlinien. (Wurde mir zumindest so erklärt...)
Wahrscheinlich werden auch noch alle möglichen Rezeptoren aufwändig bestimmt. (PR wird uns da hoffentlich auf die Sprünge helfen können :wink: )

Dies alles dient der prognostischen Einschätzung und weiteren Therapielanung, wie auch immer die im gesegneten Alter aussehen mag.

Dennoch bleibt die Diskussion über mögliche Einschränkungen eine ethische Gratwanderung.
Ich bin jedoch überzeugt, das wir diese Diskussion führen müssen.

Gruß
A. Flaccus

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Dr. A. Flaccus
Facharzt für Anästhesie
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BeitragVerfasst: 14.12.11, 01:29 
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hier endlich ä r z t l i c h e Argumente und Fragen zu lesen !

Vorweg:
1. Wir bleiben mal beim Mammakarzinom, gutes Beispiel: es kennt keinen Altersgipfel, Prävalenz und Inzidenz nehmen mit dem Alter stetig zu.
2. > 90 mit Mammakarzinom hatt ich noch nicht, > 80 mehrfach
3. Wenns gut geht, hocken sogar in irgendwie zertifizierten Brustzentren nicht bloß Nachkocher irgendwie zertifizierter Vorschriften, sondern Ärzte mit ein paar Jährchen Lebens- und Berufserfahrung.


So. Und die haben ein paar Grundregeln:
- je älter, desto vulnerabler: schon scheinbar kleine Interventionen können das Lebenslicht ausblasen
- je älter und je autonomer, desto wichtiger sind Autonomie und Lebensqualität zu berücksichtigen
- je älter, desto einfacher und kürzer und definitiver muss eine Therapie sein
- je älter und je autonomer, desto ausschließlicher gilt der Wille der Patientin, und desto individueller hat jede Therapie zu sein. Bis hin zum Nichtstun.

Lustiger Weise decken sich diese Grundregeln in ganz vielen Fällen mit dem Willen der Patientinnen u n d mit den ökonomischen Zwängen, die die sogenannten Kostenträger andauernd aufbauen. Weshalb die irgendwie zertifizierte Brustzentrumsregel: Brusterhalt !!! bei Greisinnen viel öfter durchbrochen und die Ablatio gemacht wird. Einfach, weil die schneller und sicherer abheilt als jedes Implantat und jede Rekonstruktion, und kaum je eine Strahlenbehandlung nötig ist. (Und weil das Körperbild einer Greisin nicht mehr nackt ist, sondern bekleidet in Gesellschaft, was macht, dass es auch mit einer Exoprothese stimmt.)


Die „Prognosefaktoren“ sind sooo blöd nun auch wieder nicht. Die sollen ja nicht nutzloser Weise sagen: wie lange hat die Frau noch zu leben ?, sondern: was wäre weiter Nützliches zu tun, damit Autonomie, Lebensqualität und Körperbild möglichst lange erhalten bleiben ?

Die Lymphknoten sagen: noch eher heilbare wahrscheinlich bloß lokale Erkrankung, keine Systemtherapie erforderlich. Oder: der Krebs hat sich ausgebreitet, man muss was tun, um den übrigen Körper zu wappnen oder vor Metastasen zu bewahren.

Dabei ist die Sentinel-Geschichte ein wahrer Segen: einer, zwei markierte Lymphknoten reichen. Klar: die Feintechnik muss da sein und die Logistik klappen. Aber dafür sind die dicken Arme mit dem wiederkehrenden Erysipel rar geworden.
(Exkurs nach Politik: Professor Karlchen und die DMP-Mamma-Bögen der Gesundheizkassen wollten diesen eklatanten Fortschritt mindestens vier Jahre lang mit aller administrativer Gewalt und aller publizistischer Heimtücke verhindern. So lang hats gebraucht, bis Karlchen und ein paar andere Autisten endlich kapiert hatten...)

Die Hormonrezeptoren sagen: es gibt eine simple Tablette, die die andere Brust und den Rest des Körpers schützt. Oder eben nicht.

Der HER2-Rezeptor sagt, ob besser eine Chemo zu machen und dann der Rezeptorantagonist zu geben wäre oder nicht. Dass man diesen Test bei Greisinnen schadlos öfter mal weglassen könnte, ist einer meiner nicht evidenzuntermauerten subjektiven Eindrücke, further studies will have to show, wie halt meistens ...


Alles in Allem: die Geschichte ist zu komplex, als dass sie der Bauer dem Gesinde zur Entscheidung überlassen sollte,

hier: die Patientin und ihr Arzt den Kassenökonomen oder gar anderem Gesindel.

PR

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Von Fremdinteressen freie an Patienteninteresse orientierte eigene Meinung.
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BeitragVerfasst: 14.12.11, 11:41 
Bin ich im falschen Film oder was??

Wer zwingt Sie denn in einem Thread, den eine Nichtärztin eröffnet hat, mitzuschreiben, wenn Sie sich lieber mit Ihresgleichen unterhalten??

Davon mal abgesehen: Sie möchten doch Diagnose und Therapie Ihres "komplexen" Falles bezahlt haben, oder?
Wie sieht das dann aus? Sie vereinbaren mit Ihrer Patientin, was immer Sie für nötig und richtig erachten und eine Solidargemeinschaft, bestehend aus Gesindel und Stallpersonal hat es gefälligst zu bezahlen?

Böse Zungen behaupten, dass es bei solchen Persilscheinen schon auch mal zu Missbräuchen kommt.
Böse Zungen berichten u.a. über unnötige Brust- und Knieoperationen. Davon ist natürlich kein Wort wahr, gell?

NUN GEHT ES UM DEN DEMOGRAFISCHEN WANDEL.

Mich beruhigt es, dass es noch Ärzte wie einen Dr. Flaccus gibt, die den Kern einer Sache treffen. Die (ethische) Frage kann doch nur lauten, inwieweit wir in Zukunft, angesichts zunehmender finanzieller Engpässe in der Lage sein können/dürfen/wollen, mit aller ärztlicher Kunst und modernsten Maschinen, sowie aktuellstem wissenschaftlichem Kenntnisstand auch einem 102jährigen die von Ihnen als behandelndem Arzt zugedachte "Behandlungstiefe" zukommen zu lassen.

Und nicht zuletzt:...wer das dann ggf. bezahlt! Ich bitte um Entschuldigung, wenn ich vom Stallpersonal mir erlaube, da ein Wörtchen mitzureden.

Wir werden eine Diskussion über ethische Grundsätze führen müssen!


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BeitragVerfasst: 14.12.11, 13:14 
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werden meine Mutmaßungen und Beurteilungen hier sonst nicht bestätigt. Aber schön der Reihe nach:

Hier zwingt mich niemand, aber ein Kollege hatte mir Fragen gestellt. Ansonsten unterhalt ich mich an fünf Tagen die Woche je fünf bis neun Stunden tatsächlich so gut wie ausschließlich mit Nichtärzten.

Muss Sie nun enttäuschen: von Bezahlthabenwollen hatt ich eigentlich grad garnix geschrieben, hab extra nochmal nachgeguckt. Sollte Sie das Thema wirklich interessieren, hier mein „Regelleistungsvolumen“ für das Quartal 1/2012 laut Bescheid vom 23.11.2011: 16.619, 46 €. Ich tu meine Arbeit in einem Bundesland, das gemeinhin als reich gilt.

Was ich mit meinen Patientinnen vereinbare ? Dass sie mir gültige Behandlungsberechtigungsausweise (nehme an, das ist, was Sie komplett zu Recht als Persilscheine bezeichnen) vorlegen, ihre Termine einhalten, diese ggf. rechtzeitig absagen und widrigenfalls ein nach GOÄ beziffertes Ausfallshonorar von 30 € hinterlassen. Hab im Jahr 2011 auf diese Weise 60 € vereinnahmt und wesentlich weniger unabgesagt verpasste Termine erlebt als 2010. Was ich mit meinen Patientinnen sonst vereinbare, können Sie mühelos dem einen Satz entnehmen, der hier immer ganz unten unter meinen Beiträgen steht.

Auch mich hat Dr. Flaccus’ Beitrag beruhigt, so sehr, dass ich das sogar in der Überschrift zum Ausdruck gebracht hatte.

Zu der Frage der „nötigen Behandlungstiefe“ unter den Vorzeichen des demographischen Wandels hatte ich mit dem konkreten Beispiel „Brustkrebs im hohen Alter“ Stellung genommen. Es ist der Absatz, der mit „Lustiger Weise…“ anfängt. Darf dazu auch auf einen früheren Beitrag hinweisen, in dem ich die Geschichte einer rüstigen Greisin erzähle, die ihren klinisch klaren Brustkrebs garnicht beweisgesichert und allenfalls mit Tabletten behandelt haben wollte, und deren Gesundheizkasse, Ah Oh, ich um Kostenübernahmeerklärung für einen wahrscheinlich hoch wirksamen aber relativ teuren Aromatasehemmer gebeten hatte - die mich nie erreicht hat.

Nun ist es an mir, um Entschuldigung zu bitten: für meine auch hier wieder bestätigte Überzeugung, dass es wenig zielführend ist, ausgerechnet mit Ökonomen („Stallpersonal“ war Ihre Wortwahl) im ausschließlich ökonomischen Kontext über ethische Grundsätze zu diskutieren, denn außer roher Gewalt haben die dazu nicht viel beizutragen.

PR

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BeitragVerfasst: 14.12.11, 15:24 
Sie fühlen sich als kurativ tätiger Arzt von den "Ökonomen" in Ihrer Arbeit behindert?

Würde mich nicht wundern, wenn ich das mal polemisch sagen darf, denn viele Ärzte scheinen zu glauben, dass der Solidartopf ein wundersames Füllhorn sei.

"Ökonomisch" bedeutet für mich in der modernen Übersetzungsversion die Abwägung zwischen Aufwand und Nutzen. Sollte ich damit richtig liegen, führt das dazu, dass man im Einzelfall abzuwägen hat, welche Diagnose welche Behandlung mit welchen Aufwand rechtfertigt.

Der "Nutzen" ist stets das bestmögliche Wohlbefinden des Patienten, das sogar in den Grundrechten zugesichert wird. Somit ist der Nutzen "unendlich" und nie in Frage zu stellen und rechtfertigt scheinbar jeden Aufwand.
"Aufwand" ist letztlich das zur Verfügung stehende Kapital und das ist eben nicht unendlich.

Sind nicht auch Ärzte Ökonomen?

Wie Sie vermutlich mitbekommen haben, bin ich Augenoptikermeister und somit auch ein Leistungserbringer. Auch ich finde es äußerst fragwürdig, wenn man Leute mit hochgradigen Sehdefiziten mit einer Handlupe auf die Menschheit loslässt, statt jedem HiEnd-Fernrohr-Lupenbrillen zu gönnen, mit dem §3 Abs. 1 der Hilfsmittelrichtlinien erfüllt wäre:

Zitat:
Hilfsmittel können zu Lasten der Krankenkassen verordnet werden, wenn sie im Einzelfall erforderlich sind, um
– den Erfolg der Krankenbehandlung zu sichern,
– einer Behinderung vorzubeugen oder
– eine Behinderung bei der Befriedigung von Grundbedürfnissen
des täglichen Lebens auszugleichen, soweit die Hilfsmittel nicht als allgemeine Gebrauchsgegenstände des täglichen Lebens anzusehen oder durch Rechtsverordnung nach §34 Abs. 4 SGB V ausgeschlossen sind.


Wir müssen nur, wenn wir über Ökonome schimpfen, auch einen Vorschlag machen, wie wir das finanzieren wollen, was wir für angemessene Versorgung halten.


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BeitragVerfasst: 14.12.11, 16:12 
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Hallo,

Zitat:
"Ökonomisch" bedeutet für mich in der modernen Übersetzungsversion die Abwägung zwischen Aufwand und Nutzen. Sollte ich damit richtig liegen, führt das dazu, dass man im Einzelfall abzuwägen hat, welche Diagnose welche Behandlung mit welchen Aufwand rechtfertigt.


O.k. - dem kann ich folgen.
Aber viele, sehr viele dieser "Einzelfälle" fallen in der Realität durch´s Raster. Ein Beispiel:
viewtopic.php?f=43&t=111762

Die Zauberwörter heißen Budgetierung und Regress und beide zwingen den Kassenarzt zu Beschränkungen, die er eigentlich selbst nicht für sinnvoll hält.

Er muß abwägen: Verschreibe ich - und riskiere Regress,
oder lasse ich es bleiben - und riskiere Ärger mit dem Patienten.

In jedem Fall ist der Arzt vor Ort der Dumme.
Er muß dem Patienten sein "Nein" mitteilen und - hoffentlich ehrlich - begründen.
Oder er muß den Regress zahlen, wenn er das nicht tut.

Weder ein Krankenkassenvertreter, noch Verantwortliche beim Gesundheitsministerium stehen hier an der Front. Von dort hört der Patient oft nur: "Das entscheidet Ihr Arzt".
Hier wäre von allen Beteiligten ein wenig mehr Ehrlichkeit ganz nett. :wink:

Diesen Satz:
Zitat:
Wir müssen nur, wenn wir über Ökonome schimpfen, auch einen Vorschlag machen, wie wir das finanzieren wollen, was wir für angemessene Versorgung halten.

kann ich nur unterschreiben!

Aber das hat etwas mit sehr unangenehmen "Wahrheiten" zu tun und mit der bereits beschriebenen "ethischen Gratwanderung" (Stichwort Rationierung...es taucht immer wieder auf :wink: ).

Die Fragen sind: Wer darf so etwas diskutieren? Und wer soll es entscheiden?

Gruß
A. Flaccus

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BeitragVerfasst: 14.12.11, 18:30 
Dr. A. Flaccus hat geschrieben:

Die Zauberwörter heißen Budgetierung und Regress und beide zwingen den Kassenarzt zu Beschränkungen, die er eigentlich selbst nicht für sinnvoll hält.

Er muß abwägen: Verschreibe ich - und riskiere Regress,
oder lasse ich es bleiben - und riskiere Ärger mit dem Patienten.

In jedem Fall ist der Arzt vor Ort der Dumme.
Er muß dem Patienten sein "Nein" mitteilen und - hoffentlich ehrlich - begründen.
Oder er muß den Regress zahlen, wenn er das nicht tut.

Weder ein Krankenkassenvertreter, noch Verantwortliche beim Gesundheitsministerium stehen hier an der Front. Von dort hört der Patient oft nur: "Das entscheidet Ihr Arzt".
Hier wäre von allen Beteiligten ein wenig mehr Ehrlichkeit ganz nett. :wink:

Diesen Satz:
Zitat:
Wir müssen nur, wenn wir über Ökonome schimpfen, auch einen Vorschlag machen, wie wir das finanzieren wollen, was wir für angemessene Versorgung halten.

kann ich nur unterschreiben!

Aber das hat etwas mit sehr unangenehmen "Wahrheiten" zu tun und mit der bereits beschriebenen "ethischen Gratwanderung" (Stichwort Rationierung...es taucht immer wieder auf :wink: ).

Die Fragen sind: Wer darf so etwas diskutieren? Und wer soll es entscheiden?

Gruß
A. Flaccus


Mal eine informative Frage (ist wirklich kein versteckter Vorwurf!!):
Wenn ein behandelnder Arzt eine im Leistungsumfang der GKV enthaltene Behandlung/Anwendung/Hilfsmittel für indiziert hält, dann kommt doch keiner von der Kasse und stellt das in Frage.

Oder?

Mir ist schon klar, dass Durchschnittswerte zur Berechnung Ihrer Regelleistungsvolumina zugrunde gelegt werden, aber es kommt ja auch nicht täglich vor, dass man - um mal bei meinem Beispiel zu bleiben - einen hochgradig Sehschwachen zu versorgen hat.

Die Kassen gönnten sich 2010 über 11 Mrd. Verwaltungskosten (ein Plus von über 6,2% gegenüber 2009!!), für sämtliche Hilfsmittel zusammen wurde gerade mal die HÄLFTE ausgegeben (ein Plus von 1,2%).

Für Ärzte (ohne Zahnärzte) wurden 27,086 Mrd. ausgegeben (ein Plus von gut 2,6%), für Medikamente und Heilmittel fast 34, 7 Mrd. Euro (ein Plus von über 0,7%)!!!

Für mich ist dadurch klar, wo man das Geld zu holen hat, das man für die Versicherten benötigt. Ich lege nur Wert auf die Feststellung, dass auch dann, wenn man die Medikamentenpreise halbieren würde, sich das Füllhorn noch immer nicht auf wundersame Weise unerschöpflich wäre und es sich immer noch um das Geld der Versicherten handelt, die auch darüber (mit)befinden sollten, wie und wofür man es einsetzt. Deshalb: Versichertenvertreter in alle Instanzen des Gesundheitswesens.

Diese würden dann auch über heikle Fragen zur Ethik befinden müssen. Politiker werden dieses Thema, bei dem man sich nur Feinde machen kann, egal wofür man eintritt, bestimmt nicht freiwillig aufgreifen, müssen aber eine Lösung präsentieren.


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BeitragVerfasst: 14.12.11, 18:53 
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Morgan, Sie sind ein Augenoptikermeister, der jeden Morgen in seinen Laden geht, den Leuten die Augen vermisst und die Gläser ausrechnet, und die dann zusammen mit den jeweils neuesten Gestellen verkauft, jeweils zu jedem denkbaren gesellschaftlichen oder jahreszeitlichen Anlass passend und mit sehr beachtlicher Handelsspanne - und machen sich dabei jedesmal schwer wiegende Gedanken darüber, wo die Leute nun grad wieder das Geld dafür hernehmen sollen ?

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BeitragVerfasst: 14.12.11, 19:12 
Ja!
Bei mir sind Teilzahlungen möglich, ich biete Transferleistungsbezieher mit Ausweis Sonderpreise an (ich habe mich um Verkaufsmöglichkeiten bei der hiesigen Tafel bemüht, was leider von der Caritas abgelehnt wurde) und verkaufe den Leuten nicht, was sie nicht brauchen oder nicht wollen.

Natürlich kann man bei mir auch 1200 Euro ausgeben.

Woher kennen Sie meine Spanne?


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BeitragVerfasst: 14.12.11, 19:22 
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Morgan le Fay hat geschrieben:
Wenn ein behandelnder Arzt eine im Leistungsumfang der GKV enthaltene Behandlung/Anwendung/Hilfsmittel für indiziert hält, dann kommt doch keiner von der Kasse und stellt das in Frage.

Oder?
Genau: oder!

Ich erhalte mittlerweile regelmäßig Anfragen zu Brillenverordnungen und Verordnungen über vergrößernde Sehhilfen. Früher hat es gereicht, die Patienten einfach mal über die Straße zum Kassenglaspalast zu schicken, um denen Aug in Aug die Leviten zu lesen. Das haben die Kassenfuzzies als nicht so angenehm empfunden, und darum wurde die Genehmigungsstelle für Sehhilfen in die Ferne ausgelagert! Ein Schelm, der dabei Böses denkt?

Zitat:
Mir ist schon klar, dass Durchschnittswerte zur Berechnung Ihrer Regelleistungsvolumina zugrunde gelegt werden, aber es kommt ja auch nicht täglich vor, dass man - um mal bei meinem Beispiel zu bleiben - einen hochgradig Sehschwachen zu versorgen hat.
Bei PR wohl kaum...bei mir siehts anders aus.

Zitat:
Deshalb: Versichertenvertreter in alle Instanzen des Gesundheitswesens.
Wollen wir wetten, dass die nach kürzester Zeit genauso eingewickelt sind wie die Ärztevertreter?

Zitat:
Diese würden dann auch über heikle Fragen zur Ethik befinden müssen.
Per demokratischer Abstimmung? Oder wie?

Bleiben wir doch weiter beim Thema, dass Herr Flaccus noch vertieft hat, und wir hatten es hier schon einmal: was sind die Parameter, die unsere "ethischen Entscheidungen" lenken sollen?
- Das Geld? Wollen wir der Oma etwas verweigern (es kann auch gerne eine Sehhilfe sein), weil "nicht genug Geld da ist"?
- Das Alter? Gibt es dann Pauschalleistungen je nach Altersklasse?
- die demographische Situation? Statistik sagt, im letzten Jahr haben 1,2 % mehr Leute gearbeitet und eingezahlt, also gibts 1,2 % mehr?

Eine "ethische Entscheidung" basiert auf zwei Dingen: der generellen Moral bzw. Einstellung und dem Einzelfall. Beides kann miteinander verknüpft sein.

Und die Frage, die ich mir stelle, ist: sollen wir das Geld tatsächlich als Anlass nehmen, um über Ethik nachzudenken? Oder ist es an der Zeit, das, was Ärzte täglich mit ihren Patienten entscheiden (nämlich dass man etwas tut oder auch lässt), öffentlich zu diskutieren? Und mal als advocatus diaboli gesagt: haben wir das eigentlich nötig, oder läuft das schon längst?

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BeitragVerfasst: 14.12.11, 20:02 
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Zitat:
Wenn ein behandelnder Arzt eine im Leistungsumfang der GKV enthaltene Behandlung/Anwendung/Hilfsmittel für indiziert hält, dann kommt doch keiner von der Kasse und stellt das in Frage.


Nein.
Die Lösung des Problems ist subtiler umgesetzt worden:

Kassen geben Summe X an die KV.
Kasse sagt der KV: Macht damit was ihr wollt - nur müßt Ihr damit bis zum 31.12. auskommen.
Mehr gibt´s nicht.

Und schon hat die KV den "schwarzen Peter".
So verteilt die KV "Regelleistungsvolumina" und sagt den Ärzten:
Macht damit was ihr wollt - nur müßt Ihr damit bis zum 31.12. auskommen.

Und schon hat der Arzt den "schwarzen Peter"...

Letztlich fordert die KV das Geld zurück.
Der Kasse ist das völlig egal - die gibt eh´nicht mehr Geld in den Topf und kann deshalb jedem Patienten sagen:

"Wir haben unsere Pflicht erfüllt, und brav Geld in den Topf getan. Davon müßten Sie alle Leistungen erhalten, die der Arzt für notwendig hält. So ist der Vertrag."

Schwierig wird´s nur, wenn der Inhalt des Topfes nicht so wächst, wie die Zahl der benötigten und berechtigten Leistungen.
Und da wären wir wieder direkt bei den Auswirkungen des demografischen Wandels.

Gruß
A. Flaccus

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BeitragVerfasst: 14.12.11, 21:51 
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Dr.Flaccus hat geschrieben:
Schwierig wird´s nur, wenn der Inhalt des Topfes nicht so wächst, wie die Zahl der benötigten und berechtigten Leistungen.
Und da wären wir wieder direkt bei den Auswirkungen des demografischen Wandels
Oder bei der Bürgerversicherung. Wie soll der Topf denn wachsen, wenn immer mehr aus der Solidarität entlassen werden um sie im Bedarfsfall wieder aufzunehmen oder mit Steuergeldern zu subventionieren?


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